• vom 13.08.2010, 14:15 Uhr

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Update: 13.08.2010, 14:20 Uhr

Bildung

Rechte, Pflichten und Chancen




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Von Ruth Pauli

  • Die Debatten um Integrationsprobleme und Bildungsnotstand sollten mit realistischer Vernunft geführt werden - dabei wird die Stimme der jüngst verstorbenen Richterin Kirsten Heisig fehlen.

Arbeit und Ausbildung sind Voraussetzungen für Integration. Foto: Bilderbox

Arbeit und Ausbildung sind Voraussetzungen für Integration. Foto: Bilderbox

Noch herrscht Sommerruhe vor den kommenden Wahlschlachten. Noch wird das Thema Migranten in ungewohnt unaufgeregtem Tonfall diskutiert. Da geht es um die gesteuerte Zuwanderung (hoch)-qualifizierter Ausländer, die - so wünscht man sich das - scharenweise mit einer Rot-Weiß-Rot-Card in unser Land kommen sollen. Nur leider haben schon die Deutschen unter Kanzler Schröder feststellen müssen, dass der Braindrain strömt, wohin er will - jedenfalls nicht in die Mitte Europas. Da geht es auch um Deutsch-Kenntnisse, die von Zuwanderungswilligen schon vor Grenzübertritt erworben werden sollen. Sogar über die bereits im Land befindlichen Migranten wird gesprochen - was werden denn die jungen Österreicher mit Migrationshintergrund für die Zukunft der Bundeshauptstadt tun, lautet die viel diskutierte Frage.

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Leider ist damit nur die Zukunft der Wiener Parteien, das Verhalten in der Wahlzelle, gemeint. Weiter als bis zum Wahltag reicht die Besorgnis nicht. Dass auch die Zukunft dieser Stadt, dieses Landes zu einem wichtigen Teil von diesen jungen Menschen abhängt, davon spricht man nicht so gerne.

Ein Vermächtnis

In der österreichischen Integrationsdebatte fehlt eine realistische Stimme der Vernunft. In Deutschland ist in diesem Sommer eine solche Stimme verstummt. Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ist unter tragischen und immer noch rätselhaften Umständen aus dem Leben geschieden. Nun ist - quasi als "Vermächtnis" - ihr nachgelassenes Buch über Jugendkriminalität ("Das Ende der Geduld") in die deutsche Sommerruhe geplatzt. Vieles von dem, was sie darin sagt, und noch mehr von dem, was sie bewirkt hat, sollte auch uns beschäftigen.

Arbeit und Ausbildung sind Voraussetzungen für Integration. Foto: Bilderbox

Arbeit und Ausbildung sind Voraussetzungen für Integration. Foto: Bilderbox Arbeit und Ausbildung sind Voraussetzungen für Integration. Foto: Bilderbox

Kirsten Heisig. Foto: Robert Strasser

Kirsten Heisig. Foto: Robert Strasser Kirsten Heisig. Foto: Robert Strasser

Kirsten Heisig war 20 Jahre lang Jugendrichterin in Berlin-Neukölln - in einem Bezirk, in dem der Migrantenanteil 40 Prozent ausmacht, wo in den Hauptschulen fast 100 Prozent Migrantenkinder sitzen, wo die Arbeitslosigkeit allgemein bei 23 Prozent, unter der migrantischen Bevölkerung aber bei 60 Prozent liegt. 214 der 550 Berliner Intensivtäter (das sind Personen, die innerhalb eines Jahres mindestens zehn erhebliche Delikte begangen haben) leben in Neukölln.

Kirsten Heisig war nicht die Frau, sich kopfschüttelnd mit dieser Situation abzufinden. Schnell hatten die Medien deshalb auch einen Namen für sie: "Richterin Gnadenlos". Denn das Erste, was sie durchsetzte (und was wegen großen Erfolges auch in ganz Berlin übernommen wurde), war die Ausschaltung bürokratischer Verzögerungen in der Gerichtsroutine: Sie koordinierte sich mit Polizei und Staatsanwaltschaft so, dass zwischen einer Straftat und dem Gerichtsverfahren nur mehr drei Wochen vergehen.

Vorher dauerte es ein halbes Jahr und länger. Die Erinnerung an die Tat ist aber wichtig, das Gefühl, dass es einen Zusammenhang zwischen dem begangenen Unrecht und dem Urteil gibt, ist wesentlich. (Die allzu langsam mahlenden Mühlen der Justiz sind auch ein in Österreich bekanntes Problem, über das viele Verantwortliche in der Jugendarbeit klagen. Allerdings hat noch kein Richter in Eigeninitiative eine Beschleunigung der Abläufe veranlasst.)

Doch Kirsten Heisig ging noch viel weiter: In ihren Urteilen wies sie die jugendliche Klientel an, zur Schule zu gehen. Und sie kümmerte sich darum, dass ihrem Spruch Folge geleistet wurde. Sie arbeitete mit den Lehrern zusammen, verhängte Beugearreste bei Schulschwänzern und überrumpelte viele Unwillige schlicht und einfach damit, dass sie sich darum kümmerte, dass ihre Auflagen eingehalten wurden. Viele jugendliche Delinquenten wurden so nolens volens in der Schule gehalten, was vielfach auf den Weg zurück in die Gesellschaft half.

Kirsten Heisig wollte aber nicht warten, bis einer schon ein Urteil ausgefasst hatte. Sie entdeckte die gesetzliche Möglichkeit, den Schulbesuch mit bis zu 2500 Euro Geldbuße und bis zu sechs Wochen Erzwingungshaft für die Eltern durchzusetzen. Und sie tat es - gnadenlos. Aber mit einem Ziel. Sie ging - in ihrer Freizeit! - in Migrantenvereinigungen, in Moscheen auf die Eltern zu und erklärte sich: "Es geht um das Fortkommen Ihrer Kinder, damit diese nächste Generation als Lehrer, Erzieher, Polizeibeamte etc. beschäftigt werden kann".

Es ging Heisig um die Zukunft ihrer Stadt - auch weil sie zwei Töchter hatte. So wie unsere Kinder und ihre Zukunft davon abhängen, dass wir heute dafür sorgen, dass auch die jungen Österreicher mit Migrationshintergrund es in dieser und für diese Gesellschaft zu etwas bringen.

Ein Teufelskreis

Dafür bräuchten wir einige Kirsten Heisigs auch bei uns. Menschen wie sie, die das Gefühl haben, dass es so wie jetzt nicht weitergehen kann. In einem Interview mit der "Wiener Zeitung" sagte sie im vergangenen Sommer: "Jede beteiligte Institution schiebt es auf die andere, irgendetwas falsch gemacht zu haben - die Justiz schiebt es aufs Jugendamt, das wieder auf die Schule, die Schule auf die Politik, die Politik auf die Migranten und die Migranten aufs System." Ein Teufelskreis, den wir auch hierzulande nur zu gut kennen.

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Schlagwörter

Bildung, Gesellschaft, Integration

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-08-13 14:15:18
Letzte Änderung am 2010-08-13 14:20:00



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