• vom 13.08.2010, 14:15 Uhr

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Update: 13.08.2010, 14:20 Uhr

Bildung

Rechte, Pflichten und Chancen




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Kirsten Heisig hat nicht nur das Recht durchgesetzt, sondern auch die Pflicht. Hilfe, meinte sie, müsse nicht nur angeboten, sondern auch angenommen werden. Sie wurde als rechte Hardlinerin denunziert, als "böse Frau" verschrien, dabei war sie eine Frau, die vorlebte, wie man eine schwierige, unbefriedigende Gegenwart zu formen versuchen muss, damit es die Chance auf eine erfolgreiche Zukunft gibt. Wegschauen war ihre Sache nicht, zuschauen ebenso wenig. Und sie wusste eines: Mit den Gegebenheiten müssen wir leben - wir können un(an)genehme Gruppen nicht wegzaubern, so wie das der Subtext vieler ausländerfeindlicher Parolen blauäugig suggeriert.

Wir können aber auch nicht grünäugig mit noch so viel gutem Willen einem Laissez-faire huldigen. Denn es ist auch nicht politisch korrekt im Sinne der jungen Migranten, die schon hier sind, nur das Recht auf Bildung und Ausbildung vorzusehen, aber nicht die Pflicht durchzusetzen, dieses Recht auch in Anspruch zu nehmen.

Vieles von dem, was in allen politischen Diskussionen irrlichtert, stimmt natürlich. Ja, es gibt sie, die Lehrherren, die bei der Nennung eines türkischen Namens eigentlich gar keinen Lehrling mehr suchen. Ja, es gibt sie auch, die Kinder und Jugendlichen, die sich den täglichen Schulbesuch erst gar nicht antun. Und es gibt sie, die kulturell völlig anders geprägten Eltern, die ihren Kindern eine Zukunft verbauen, weil Mädchen für Haus und Ehe geboren sind und Burschen einen für unsere Gesellschaft - für die Gesellschaft, in der sie leben! - untauglichen Wertekatalog vermittelt bekommen, in dem das Schlüsselwort "Leistung" gar nicht vorkommt.

Muss uns das alles nicht kümmern, weil ohnehin die hoch gebildeten Experten um den österreichischen Pass anstehen? Ist in diesem Entwurf einer lichten Zuwanderer-Zukunft schon vorgesehen, dass wir die bereits hier ansässigen jungen Menschen abgleiten lassen ins Prekariat?

Die Zukunft kann nicht besser werden, wenn wir die Probleme der Gegenwart nicht wenigstens zu lösen versuchen. Aber es ist offensichtlich zu mühsam, die Zukunft gestalten zu wollen und sich gleichzeitig den Mühen der Ebene zu unterziehen. Überprüfbar wäre aber nur der Erfolg des Faktischen, nicht des Geplanten. Also reden wir über die Zukunft. Die Unterlassung, das weitgehende politische Desinteresse an den jungen Menschen, die hier und jetzt ihre Chance brauchen, ist aber nicht auf die Zuwandererkinder beschränkt.

Aufgaben der Schule

Die Ohren dröhnen dem gelernten Österreicher von den politischen Bekenntnissen zur "Bildungsgesellschaft", zur "Wissensgesellschaft". Wir sind doch auf dem besten Weg dorthin - vielleicht ein bisschen aufgehalten von dem nicht enden wollenden Streit um die Organisationsformen der Schule von (über)morgen, die uns in die leuchtende Zukunft führen wird. Kein Kommentar der Zukunfts-Schmiede in Ministerien, Nationalrat oder Parteien wird aber abgegeben, wenn alljährlich die Klagen aus der Wirtschaft laut werden: Viele, zu viele Schulabgänger, die eine Lehre anstreben, bringen die nötigen Kulturtechniken nicht mit - sie können nur mangelhaft lesen, schreiben und rechnen. Und da wird nicht von "ausländischen" Jugendlichen gesprochen.

Da geht es um junge Menschen mit deutscher Muttersprache, die ihre Pflichtschuljahre mit einem Abschlusszeugnis hinter sich gebracht haben. Und sie werden ins Leben entlassen, ohne dieses Grundrüstzeug erworben zu haben. Und das ist in mindestens neun Jahren keinem einzigen Lehrer aufgefallen?

Wenn es doch jemandem aufgefallen sein sollte, warum hat er dann nicht die Notbremse gezogen? Wir müssen zuerst unsere Aufgabe erfüllen - und die ist, dass jeder Schüler das beherrscht, was wir ihn lehren sollen. Schule ist auch Leistung., und zwar eine Dienstleistung an jungen Menschen! Dafür wird das Steuergeld aufgebracht, nicht für eine freundliche Aufbewahrungsstelle, in der viele Jahre ergebnislos abgesessen werden. In diesem Fall: zu viele Jahre.

Wer einen Elektriker bezahlt, damit er die Stromleitungen erneuert, wird Gewährleistung verlangen, wenn das Licht dann immer noch nicht funktioniert. Er wird sich auch nicht damit zufrieden geben, wenn ihm versprochen wird, dass in nur wenigen Jahren die Stromzulieferung so grundlegend neu organisiert sein wird, dass es dieser Leitungen gar nicht mehr bedarf. Der Kunde wird sein Geld zurückverlangen, wenn die bezahlte Leistung nicht stimmt. Aus unseren Pflichtschulen kommen aber auch Jugendliche, die funktionelle Analphabeten sind, die die Grundrechnungsarten nicht beherrschen und mit dem Lesen einfacher Texte überfordert sind: Trotzdem wehrt sich keiner gegen diesen Raubbau an der Zukunft junger Menschen. Es wird hingenommen. Es muss ja nicht sein, dass jeder ausreichend lesen und rechnen kann . . .

Auch das ist uns kürzlich vorgeführt worden. In der großen ORF-Reportage über einen jungen Mann mit rechtslastigen Neigungen, der Herrn Strache vor laufender Kamera hätte provozieren sollen. Viel ist darüber gesprochen worden: Ob die Geschichte "Scheckbuchjournalismus" war, wie traurig das Schicksal dieses jungen Mannes ist und vieles mehr.

Doch ein Detail hat niemanden aufgeregt: Der junge Mann war ein Schulabbrecher - er konnte aus der dritten Klasse nicht mehr aufsteigen (auch weil ihn seine Mutter nicht mehr zum Schulbesuch bewegen konnte und es hierzulande keine Kirsten Heisig gibt, die dieses Pflichtversäumnis ahndet) und ist, dem Pflichtschulalter entwachsen, beim Arbeitsamt gelandet. Aber auch dort wurde nicht etwa als erste Maßnahme ein Schulabschluss nachgeholt. Die Bildungsgesellschaft - das sind ohnehin nur die anderen. Machen wir es uns da nicht zu leicht?

Literaturhinweise:

Kirsten Heisig: Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter. Herder Verlag, Freiburg 2010.

Interview mit Kirsten Heisig im "extra" vom 5.9.2009

Ruth Pauli lebt in Wien und ist Autorin von Sachbüchern und Journalistin für Printmedien.

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Schlagwörter

Bildung, Gesellschaft, Integration

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-08-13 14:15:18
Letzte Änderung am 2010-08-13 14:20:00



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