• vom 07.05.2010, 14:36 Uhr

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Update: 07.05.2010, 14:39 Uhr

Bildung

Wissenschaft als Lotteriespiel




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Von Dagmar Weidinger

  • Die universitäre Forschung und Lehre wird in großem Maß von Wissenschaftern getragen, deren Arbeitsverhältnisse ungesichert sind.
  • Wie gehen Betroffene mit der Lebensform des "wissenschaftlichen Prekariats" um?

Zur Bildungsmisere, die von Studierenden angeprangert wird, gehören auch die unsicheren Berufsperspektiven angehender Wissenschafter. Foto: apa/ Herbert Neubauer

Zur Bildungsmisere, die von Studierenden angeprangert wird, gehören auch die unsicheren Berufsperspektiven angehender Wissenschafter. Foto: apa/ Herbert Neubauer

Claus Tieber ist vielleicht nicht genau der Typ, den sich der Durchschnittsösterreicher unter einem Wissenschafter mit universitärer Anstellung vorstellt. Tieber arbeitet zu Hause, bei verschlossener Arbeitszimmertür, wenn´s sein muss, während seine beiden Söhne im Nebenzimmer spielen. Am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien gibt es für den studierten Philosophen, Politik- und Medienwissenschafter nämlich keinen Schreibtisch. "Sogar die emeritierten Professoren sitzen dort in der Küche", stellt der seit fast einem Jahrzehnt als externer Lehrbeauftragter tätige Tieber lakonisch fest.

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300 Euro pro Monat

Wie Tausende seiner Kollegen an österreichischen Unis muss Claus Tieber jedes Studienjahr aufs Neue um einen Lehrauftrag ansuchen. Auch nach Abschluss seiner Habilitation beschäftigt sich der Medienwissenschafter mit amerikanischem Mainstream-Filmen und neuerdings auch mit indischem Kino. Themen, für die Tieber regelmäßig zu Kongressen in die USA und Indien reist. Seine Forschungsergebnisse kommen bei den Studierenden gut an; leben kann er von den rund 300 Euro pro Monat, die er für eine Lehrveranstaltungsreihe über sechs Monate bekommt, nicht.

Interesse an Wissenschaft ist vorhanden, aber die Rahmenbedingungen sind nicht gut. Foto: Bilderbox

Interesse an Wissenschaft ist vorhanden, aber die Rahmenbedingungen sind nicht gut. Foto: Bilderbox Interesse an Wissenschaft ist vorhanden, aber die Rahmenbedingungen sind nicht gut. Foto: Bilderbox

Tiebers Forschung wurde bisher im Rahmen von Projekten des FWF finanziert, Österreichs zentraler Einrichtung zur Förderung von Grundlagenforschung. Kürzlich wurde zwar sein drittes dreijähriges Projekt bewilligt, mit einer längerfristigen Anstellung an der Universität Wien kann der hoch qualifizierte Wissenschafter dennoch nicht rechnen. "Ich bin 44, eigentlich habe ich genug von der Projektarbeit", sagt Tieber und fügt hinzu: "Das wäre ja doch das Alter, wo man anfängt, dort zu sein, wo man hin will."

Claus Tieber ist kein Einzelfall. "Die Wissenschaft verlangte von denjenigen, die sie als Beruf betreiben wollten, schon immer ein langfristiges Arrangement mit der Unsicherheit. Dauerbeschäftigung war und ist die Ausnahme von der Regel, die im Wissenschaftssystem lautet: atypische Beschäftigung", meint Klaus Dörre, Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller Universität Jena. Die lange Etablierungsphase, die bewirkt, dass Wissenschafter bis ins mittlere Alter als "Nachwuchsforscher" bezeichnet werden, stellt diese vor große Probleme: sie verdienen ihren Lebensunterhalt aufgrund einer wechselnden Kombination von Lehraufträgen, Stipendien, Projektanstellungen, Werkverträgen oder sonstigen Honoraren für wissenschaftsnahe Leistungen. "Den sicheren Hafen´ der Professur erreicht die kleine Gruppe von Wissenschaftern, die überhaupt dorthin gelangt, laut Statistik erst mit 41,1 Jahren", sagt Klaus Dörre. Viele, die dies (noch) nicht geschafft haben, sehen sich deshalb als prekarisiert.

"Externe" Lehrkräfte

Der immer häufiger verwendete Begriff des "wissenschaftlichen Prekariats" ist ziemlich unscharf und im Polit-Jargon relativ neu. Kurzfristige und schlecht bezahlte Beschäftigungsverhältnisse gibt es an österreichischen Universitäten aber schon lange. Die Geschichte der externen Lehrbeauftragten begann bereits vor mehr als 30 Jahren. Personen aus akademischen Berufen sollten an den Unis unterrichten, um praxis- und anwendungsrelevante Aspekte ins Hochschulstudium zu integrieren.

Zur Bildungsmisere, die von Studierenden angeprangert wird, gehören auch die unsicheren Berufsperspektiven angehender Wissenschafter. Foto: apa/ Herbert Neubauer

Zur Bildungsmisere, die von Studierenden angeprangert wird, gehören auch die unsicheren Berufsperspektiven angehender Wissenschafter. Foto: apa/ Herbert Neubauer Zur Bildungsmisere, die von Studierenden angeprangert wird, gehören auch die unsicheren Berufsperspektiven angehender Wissenschafter. Foto: apa/ Herbert Neubauer

Wie so oft war die Idee besser als ihre Verwirklichung. Im zuständigen Ministerium blieb man lange hartnäckig davon überzeugt, dass die solcherart mit einem Lehrauftrag nur gering "remunerierten" Praktiker einen gut bezahlten Job hätten und die Einkünfte durch Unterrichten eher als Körberlgeld zu betrachten wären. Teilweise stimmt das ja auch.

Doch schon bald wurden qualifizierte Wissenschafter, für die es gerade keine freie Stelle gab, mit solchen Lehraufträgen gelockt. Nach Angaben des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung waren 2008 rund 8700 Personen als derartige Lehrbeauftragte angestellt - das machte mehr als ein Viertel des wissenschaftlichen Personals an österreichischen Unis aus.

"Universitäre Arbeitgeber sind kreativ", sagt Arbeitsrechtsexperte Wolfgang Kozak von der Arbeiterkammer Wien. Wer unterkommen will und entsprechende Fürsprecher hat, für den findet sich oft eine Nische. Das kann für die Betroffenen kurzfristig Entlastung schaffen, langfristig jedoch zur Karrierefalle werden. So geschehen beim Existenzlektorat, also jener Personengruppe, die (teilweise bereits seit Jahrzehnten) durch einen oder mehrere Lehraufträge pro Semester ihren Lebensunterhalt bestreitet.

Wissenschafter wie Tieber werden seit 1996 durch die "IG Externe LektorInnen und freier WissenschafterInnen" vertreten. Seit Jahren versucht diese Interessensgemeinschaft, die sich hauptsächlich aus Geistes- und Sozialwissenschaftern zusammensetzt, ihre Schwierigkeiten öffentlich zu thematisieren - "ein langwieriger und mühsamer Kampf", meint der scheidende IG-Präsident Thomas Schmidinger, Lektor am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Schmidinger erregte während der Protestmonate im Herbst 2009 mediale Aufmerksamkeit. Seine Kommentare zum Leben der Existenzlekoren erschienen in allen großen Tageszeitungen des Landes. Schmidingers Kritik betrifft vor allem die häufig übersehene Bedeutung der Lektoren für die Gewährleistung der Lehre. "Das Institut für Internationale Entwicklung an der Uni Wien bildet mit über 90 Prozent Anteil die Spitze, gefolgt von der Politikwissenschaft und der Kultur- und Sozialanthropologie", berichtet Schmidinger.

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Dokument erstellt am 2010-05-07 14:36:29
Letzte Änderung am 2010-05-07 14:39:00



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