Das neu erbaute Volkbildungshaus Urania in Wien sollte ursprünglich am 6. Juni feierlich eröffnet werden. Darauf will man aber jetzt angesichts der Aufregung nicht mehr warten: Die hauseigene Sternwarte geht schon drei Wochen früher in Betrieb als geplant. Doch zunächst enttäuscht der berühmte Himmelswanderer "die in ihn gesetzten Hoffnungen und Befürchtungen in gleichem Maße", meldet die "Wiener Abendpost" (wie damals die Abendausgabe der "Wiener Zeitung" heißt). Und sie berichtet von Abertausenden, die am 20. Mai mit Ferngläsern und Opernguckern auf den Kahlenberg und das Hameau gezogen sind, um einen Blick auf Halley zu erhaschen. Doch nur die dortigen Wirte würden den Kometen in gutem Andenken behalten, resümiert das Blatt.
Drehbares Kuppeldach
Auch auf der neuen Sternwarte hat man am ersten Abend Pech. Die ungünstige Witterung erlaubt bloß die Beobachtung des Mondes. "In eine für die Vorgänge im Weltenraume sehr empfindliche Zeit fiel die gestrige Eröffnung der Sternwarte im neuen Gebäude der Urania", fasst die "Abendpost" zusammen: "Mit großer Zuvorkommenheit gab Assistent Dr. Jaschke die nötigen Erläuterungen; das lebhafte Interesse weckte die Konstruktion des drehbaren Kuppeldaches".
Auch wenn die vorzeitige Eröffnung unter keinem guten Stern zu stehen scheint, versammelt Heinrich Jaschke die Wiener bald in Scharen unter der Sternwartekuppel. Er kennt die Geschichte der Urania-Idee genau. Ihre Anfänge reichen in die Berliner Jahre des legendären Alexander von Humboldt zurück.

1827 umrahmte dieser Universalgelehrte und Weltreisende seine 16 vielbeachteten, öffentlichen Vorträge über die "Physikalische Geografie" mit Gedanken über das Antlitz anderer Himmelskörper. Als königlicher Kammerherr setzte er sich erfolgreich für den Bau der neuen Berliner Sternwarte ein, die neben der wissenschaftlichen Arbeit auch Führungen für Laien anbieten sollte. Deshalb ging es dort nach der Entdeckung des Planeten Neptun zu wie in einem "Taubenhaus", klagte der damalige Direktor Johann Franz Encke.
1883 ließ sich der dreißigjährige, in Braunschweig geborene Max Wilhelm Meyer in Wien nieder. Hier rechnete er im Auftrag des Astronomen Theodor von Oppolzer am epochalen "Canon der Finsternisse" mit. Es galt, die für Historiker wichtigen Daten von mehr als 13.000 Sonnen- und Mondfinsternissen zu kalkulieren, und zwar über einen Zeitraum von gut drei Jahrtausenden.

In Wien verwirklichte Meyer auch seinen langgehegten Traum vom "Wissenschaftlichen Theater". Gemeinsam mit Bühnenbildnern schuf er räumliche Miniwelten, die den Zuseher auf den Mond oder in die Urzeit der Erde versetzten. Anders als herkömmliche Vorträge sollten die kommentierten Szenarien auch das Auge und die Gefühle der Betrachter ansprechen - und so einen größeren Besucherkreis erschließen. (Filmvorführungen gab es damals ja noch nicht.)
Meyers Erstlingswerk, "Bilder aus der Sternenwelt", stieß in der Habsburgermetropole auf begeisterte Aufnahme. Dennoch zog es ihn zurück nach Deutschland. In Berlin schrieb er für das noch junge "Tageblatt". Später sollte eine ganze Serie populärwissenschaftlicher Büchlein folgen, mit Titeln wie "Sonne und Sterne", "Die Welt der Planeten", "Der Mond", "Weltschöpfung" oder "Weltuntergang". An der Spree traf Meyer Direktor Enckes Nachfolger an der Berliner Sternwarte, den Astronomen Wilhelm Foerster.
Die beiden wünschten sich eine Institution, die bei möglichst vielen Menschen Interesse an der Forschung wecken konnte. Bald gewannen sie Kaufleute, Bankiers und Industrielle für ihre Idee, allen voran den wohlhabenden Erfinder Werner Siemens.
1888 rief man eine einschlägige Gesellschaft ins Leben. Foerster taufte sie "Urania", nach der griechischen Muse der Himmelskunde. Schon im Jahr darauf besaß sie ein erstes eigenes Haus, das gleich von drei Sternwartekuppeln gekrönt wurde. Unter einem Dach vereinte es Abteilungen für Astronomie, Physik, Mikroskopie und Biologie, Präzisionsmechanik und natürlich Meyers wissenschaftliches Theater.
Die Berliner Urania wurde zur ersten Volkssternwarte der Welt. Ihr Leiter, von den Berlinern "Urania-Meyer" genannt, wusste: Die Himmelskunde ist mit Physik, Chemie, Mathematik, Geografie, Meteorologie, Optik und Feinmechanik eng verbunden. Und sie hat außerdem Verbindungen zu Geschichte, Philosophie, Religion und Musik. Vorzügliche Voraussetzungen, um Menschen in Kontakt mit der Wissenschaft zu bringen. Die Sternwartegäste begegneten dem All auf anschauliche Weise und vermochten wichtige Stationen in der Geschichte der astronomischen Forschung nachzuvollziehen.
Nach dem Berliner Vorbild entstand ein Dutzend weiterer "Uranias", vorerst zum Beispiel in Magdeburg und in Wien. In der Kaiserstadt wurde 1898 das 50-jährige Regierungsjubiläum Franz Josephs I. gefeiert. Zu diesem Anlass wurde das höchste Riesenrad der Welt im Prater errichtet. Seit 1897 wandte sich auch die Wiener Urania ans Praterpublikum: Man betrat einen hölzernen Dom der Wissenschaft durch ein hochaufragendes Jugendstilportal, das mit einer strahlenumkränzten Sonne verziert war. Als Direktor fungierte der exzellente Meteoritenforscher Aristides Brezina vom Naturhistorischen Museum.