• vom 23.03.2010, 18:17 Uhr

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Update: 23.03.2010, 18:21 Uhr

Die letzten Täter-Prozesse gehen über die Bühne - Beweisaufnahme schwierig - Täter gehen oftmals frei

Hinfällig, leidend und ohne Reue




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Von Michael Schmölzer

  • Ex-SS-Mann Boere zu lebenslanger Haft verurteilt.
  • Widersprüche im Fall Demjanjuk.
  • Wien/Aachen. Mehr tot als lebendig wird John Demjanjuk im November des Vorjahres dem Richter vorgeführt. Scheinbar zumindest. Die Anklage wirft dem 89-Jährigen vor, als KZ-Wachmann im Vernichtungslager Sobibor an der Ermordung von 27.900 Menschen beteiligt gewesen zu sein - Demjanjuk hat den Mund leicht geöffnet, die Augen geschlossen, gehen kann er nicht mehr. Richtig sitzen offenbar auch nicht. Er erweckt den Eindruck eines Mannes, der im Sterben liegt.
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Als er im Rollstuhl von dem Justizwachebeamten mit einem leichten Holpern über die Türschwelle in den Münchner Verhandlungsraum gebracht wird, stöhnt er leise, doch vernehmbar auf.


Wenig zackig

Die Angeklagten, die dieser Tage unter dem Verdacht, Hitlers Vollstrecker gewesen zu sein, auf der Anklagebank sitzen, sind alle etwa 90 Jahre alt. Was die letzten NS-Prozesse der Weltgeschichte nicht einfach gestaltet. Während die Hauptangeklagten der Nürnberger Prozesse nach 1945 - etwa Hermann Göring, Rudolf Hess, die Generäle Alfred Jodl und Wilhelm Keitel - stramm und teilweise noch in Uniform vor das alliierte Tribunal traten und ihre Aussagen militärisch-zackig vortrugen, sind die heute Angeklagten nicht nur weitaus kleinere Fische sondern vor allem beschränkt prozesstauglich. Die Verhandlung gegen Demjanjuk etwa musste mehrmals verschoben werden, weil der Angeklagte nicht fit war. Zudem schreiben die Ärzte eine Prozessdauer von täglich maximal 90 Minuten vor.

Auch der Angeklagte Heinrich Boere sitzt im Rollstuhl und wirkt seltsam unbeteiligt, als er am gestrigen Dienstag zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der ehemalige SS-Mann im Kriegsjahr 1944 drei holländische Zivilisten kaltblütig erschossen hat.

Als der Richter das Urteil verkündet, rührt sich in Boeres Gesicht nichts. "Es waren Morde, die an Niederträchtigkeit und Feigheit kaum zu überbieten waren - außerhalb der Anständigkeit eines jeden Soldaten", sagt Richter Gerd Nohl. Boere sei ein überzeugter Nazi gewesen und habe als Spion im Widerstand Landsleute ans Messer geliefert.

Reue zeigt der 88-jährige Verurteilte nicht - eine Haltung, die er mit fast allen wegen NS-Verbrechen Angeklagten teilt. Er habe damals nicht in dem Bewusstsein gehandelt, ein Verbrechen zu begehen, rechtfertigt er sich. Im Frühling 2008 gibt er gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin "Focus" noch viel freimütiger zu: "Ja, ich habe die weggemacht." Auf die Frage, ob ihm das schwer gefallen sei, antwortete Boere: "Ach nein, schwer fiel mir das nicht. Man braucht doch nur einen Finger krumm machen."

Die Wahrscheinlichkeit, dass der offenbar nicht nur ehemals überzeugte Nazi seine letzen Tage hinter Gittern verbringen muss, sind sehr gering. Boere lebt in einem Seniorenheim in der Nähe von Aachen, die Mediziner müssten ihn erst für haftfähig erklären. Und selbst dann käme er nicht in ein Gefängnis sondern in ein Justizkrankenhaus.

Der Fall Gross

Auch der Arzt und Gerichtspsychiater Heinrich Gross, der während der NS-Zeit am Wiener Spiegelgrund an der Euthanasie von Kindern beteiligt war und später dank SPÖ eine einzigartige Karriere als Mediziner machen konnte, schlüpfte durch die Maschen der Justiz. Als das 1951 eingestellte Verfahren gegen ihn im März 2000 erneut starten sollte, wurde der Pensionist für nicht verhandlungsfähig erklärt. Ein Gross-Interview, das kurz nach dem Prozess aufgenommen und vom ORF ausgestrahlt wurde, ließ aber erhebliche Zweifel an einer Verhandlungsunfähigkeit aufkommen. Zu munter wirkte der bis zuletzt unter Kollegen geachtete Sachverständige.

Im Dezember 2005 schließlich starb Gross, ohne je verurteilt worden zu sein. Danach sind übrigens Dokumente aufgetaucht, wonach Gross an der Tötung von bis zu 800 Kindern beteiligt gewesen sein könnte.

Was die letzten Nazi-Prozesse so kompliziert macht, ist zudem der Umstand, dass noch lebende Zeugen nur noch schwer aufzutreiben sind. Auch sind die Verbrechen vor 70 Jahren begangen worden, die Erinnerung verblasst. Ein russischer Sobibor-Überlebender etwa will Demjanjuk erkannt haben - ob er in München aussagen werde, ließ Alexej Vaizen aber offen. Der 87 Jahre alte Mann ist nach mehreren Herzinfarkten gesundheitlich angeschlagen. Ein weiterer Sobibor-Überlebender, Thomas Blatt, kann sich an Demjanjuk überhaupt nicht erinnern. Der 93-jährige Zeuge Alex Nagorny wiederum will Demjanjuk auf alten Fotos zwar als KZ-Wachmann erkennen, allerdings habe er mit ihm gemeinsam in Flossenbürg und nicht in Sobibor gedient. Ob der Betreffende vorher oder nachher in Sobibor gewesen sei, wisse er nicht. Die heutige Erscheinung Demjanjuks weise keine Ähnlichkeit mit dem Ex-KZ-Wachmann auf.

Der wegen NS-Verbrechen und Massenmordes angeklagte Slowake Ladislav Niznansky ist 2005 jedenfalls freigesprochen worden. Die für Opfer und Hinterbliebene niederschmetternde Begründung: Es gebe kaum noch Zeugen, "von denen das Gericht sich einen unmittelbaren Eindruck" hätte machen können.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-03-23 18:17:14
Letzte Änderung am 2010-03-23 18:21:00



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