• Artikel vom 12.03.2010, 13:48 Uhr

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Update: 12.03.2010, 13:52 Uhr
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Hunde in Stahlkugeln


Von Christian Pinter
  • Das Jahr 1960 brachte zwar noch nicht den Durchbruch der bemannten Raumfahrt, doch ereignete sich im Weltraum viel entscheidend Neues.

Techniker warten Tiros 1, den Vater aller Wettersatelliten. Foto: NASA

Techniker warten Tiros 1, den Vater aller Wettersatelliten. Foto: NASA Techniker warten Tiros 1, den Vater aller Wettersatelliten. Foto: NASA

Eigentlich sollte schon vor 50 Jahren ein Mensch ins All fliegen. Stattdessen umkreisten bloß Hündinnen die Erde. Allerdings setzte die Raumfahrt des Jahres 1960, höchst spektakulär, erste Schritte auf dem Gebiet der Spionage, der Nachrichtenübertragung, der Navigation und der Wetterüberwachung.

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Im Oktober 1957 hatte ausgerechnet die als rückständig geltende UdSSR mit dem Sputnik das Weltraumzeitalter eröffnet. Doch rasch überflügelten die USA ihre kommunistische Konkurrenz, zumindest was die Zahl der gelungenen Starts betraf - 1960 stand es bereits 5:1.

Zunächst reagierten die USA mit einer ganzen Reihe von Forschungssatelliten auf den Sputnik-Schock. Drei Vanguards, ursprünglich auf Betreiben der Navy entwickelt, erkundeten die fernsten Luftschichten und den erdnahen Weltraum. Aus dem Konkurrenzprogramm der US-Army entstammten die fünf erfolgreichen Explorer, die der Erforschung der Kosmischen Strahlung und des irdischen Magnetfelds dienen sollten: 1960 bestätigt Explorer 8 die Existenz einer Heliumschicht in der oberen Erdatmosphäre.

Auf dem Weg zum Mond hinken die Amerikaner den Russen allerdings deutlich nach. Zwei US-Mondsonden scheitern kläglich, während Moskau bereits 1959 drei Roboter Richtung Mond entsandt hat. Von solchen Erfolgen ermutigt, nehmen die Russen nun sogar den "roten Stern" Mars ins Visier: Die junge Raketentechnik versagt beide Male; die Planetenspäher schaffen es nicht einmal in die Erdumlaufbahn.

Automatische Agenten

Im Kalten Krieg gewinnt die Spionage an Bedeutung. Der Pilot eines hochfliegenden Lockheed U-2 Düsenjets folgt im Frühjahr 1960 den Eisenbahnschienen im südlichen Kasachstan - und findet so den russischen Raketenstartplatz Tjura Tam (der bald darauf "Baikonur" heißen wird). Doch am 1. Mai schießen Boden-Luft-Raketen die U-2 über dem Ural ab.

Um solchen Gegenschlägen zu entgehen, entsenden CIA und Air Force ihre "Agenten" seit 1959 versuchsweise auch ins All: Von dort aus lichten Corona-Satelliten das gegnerische Territorium ab. Die Filmkanister sollen an Fallschirmen auf die Erde herab sinken. Am 11. August 1960 gelingt es, einen solchen Container sicherzustellen. Erstmals birgt man also ein Objekt, das sich zuvor in der Erdumlaufbahn befand - eine wichtige Voraussetzung für die erhoffte Entsendung von Menschen ins All.

Zumindest die Agenden der zivilen Raumfahrt werden von der jungen NASA gebündelt. Sie bringt eine hauchdünne, zusammengefaltete Polyester-Folie in den Orbit, die dort zum gut 30 Meter großen Ballonsatelliten Echo 1 aufgepumpt wird. Seine mit Aluminium beschichtete Oberfläche spiegelt nicht nur Sonnenlicht, sondern auch Radiowellen - zunächst von einer US-Küste zur anderen. Der rein passiven Übertragung wegen sind die Signale aber nur schwach und verrauscht.

Doch schon am 4. Oktober 1960, dem dritten "Geburtstag" der Raumfahrt, schießt die Air Force ein aktives Pendant hinterher: Courier 1B sendet die empfangenen Funksignale nach erfolgter Verstärkung an Bord weiter. Dieser elektronische Kurier stößt die Tür ins Zeitalter der Satellitenkommunikation auf. Jahre später werden ihm TV-Satelliten mit klingenden Namen wie "Telstar" oder "Early Bird" folgen.

Am 1. April 1960 haben die USA den ersten Wettersatelliten gestartet. Die beiden TV-Aufnahmeröhren von Tiros 1 halten die großräumige Entwicklung der Wolkenmuster vom Weltall aus fest. In elf Wochen schickt er den Meteorologen 23.000 Aufnahmen. Auch die teuren Frühwarnsatelliten des Midas-Systems, getestet ab Mai 1960, fahnden im Infrarot: Ihre Sensoren können die Triebwerkshitze sowjetischer Interkontinentalraketen ausmachen. Das soll die Alarmzeit bei einem etwaigen Atomangriff verlängern. Der amerikanischen Bevölkerung würden die zehn gewonnenen Minuten zwar wenig nützen, doch den US-Bombern würde es genügen, um für einen Gegenschlag aufzusteigen.

Im April 1960 entlässt die Navy den Transit 1B ins All, den ersten aller Navigationssatelliten. Das System "NAVSAT" soll es Funkern amerikanischer U-Boote erlauben, ihren exakten Standort zu bestimmen - zumindest alle paar Stunden einmal. Selbst für ein bloß grobmaschiges Netz sind mindestens fünf solcher orbitalen Funkfeuer nötig. Auch deshalb geht das System erst 1964 in Dienst. (Später greifen selbst russische Kriegsschiffe darauf zurück.)

Freilich hat auch die Sowjetunion den militärischen Wert des Weltalls längst erkannt. Spätestens 1958 wird beschlossen, schwere Hohlkugeln von 2,3 Metern Durchmesser in den Orbit zu stemmen. In jeder sollen mehrere Spionagekameras Platz finden, die nach getaner Aufklärungsarbeit mitsamt der schweren Kapsel an Fallschirmen landen. Diese Satelliten vom Typ Zenit werden erst Jahre später erfolgreich eingesetzt. Doch der geheime Kopf der roten Raumfahrt, Sergej Koroljow, erkennt sofort: Anstatt der Kamerabatterien böten diese Kapseln auch einem Menschen Platz - der Traum von der bemannten Raumfahrt könnte also rasch Wirklichkeit werden.

Der Kreml stimmt dieser Doppelstrategie zu. Im März 1960 ziehen sorgsam ausgewählte Militärpiloten ins neu geschaffene Sternenstädtchen bei Moskau ein. Im Sommer stehen sie erstmals vor der modifizierten Hohlkugel, die insgeheim "Wostok" (russ., Osten) genannt wird. Niemand weiß, wer tatsächlich in ihr fliegen wird. Doch ein gewisser Juri Gagarin zieht schon einmal die Schuhe aus und zwängt sich vor allen anderen hinein.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2010-03-12 13:48:42
Letzte Änderung am 2010-03-12 13:52:00


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