• vom 24.02.2010, 17:45 Uhr

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Update: 25.02.2010, 16:54 Uhr

Moser, Albers und Rühmann waren mit Jüdinnen verheiratet und deshalb im NS-Staat großem Druck ausgesetzt

Nicht jeder war ein Gründgens




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Von Edwin Baumgartner

  • Emigration heißt für den Schauspieler Verlust der Sprache.
  • Zwischen Mitläufertum und Anbiederung.
  • Wien. Die österreichische Volksseele kocht. Und mit der Temperatur der Wiener Seele könnte man glatt Stahl zum Schmelzen bringen: Franzobel, am 1. März 1967 in Vöcklabruck geborener Schriftsteller wagt es, in seinem Stück "Moser oder Die Passion des Wochenend-Wohnzimmergottes", das heute, Donnerstag, im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung kommt, den Schauspieler Hans Moser in die Nähe der Nationalsozialisten zu rücken.

In dem Stück kommt Hans Moser in den Himmel - wo mittlerweile Adolf Hitler die Rolle Gottes übernommen hat. Für Franzobel ist Moser einerseits die Verkörperung der "Souveränität des kleinen Mannes", andererseits aber auch "ein Wiener Bruder von Gustaf Gründgens".

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Gustaf Gründgens - das ist der "Mephisto" in Klaus Manns Roman, der von István Szabó mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle verfilmt wurde. Gründgens ist der Inbegriff des Künstlers, der sich von den Nationalsozialisten vereinnahmen lässt und dafür in seiner Karriere gefördert wird.

Allerdings hat Klaus Manns literarisch bedeutsamer Roman auch Fakten und Hintergründe verzerrt. Ein Schauspieler ist in seinem Beruf völlig abhängig von der Sprache. Ein deutschsprachiger Schauspieler hat drei Länder, in denen er auftreten kann: Deutschland, die Schweiz und Österreich. Ab der Amtseinsetzung einer nationalsozialistischen Regierung am 12. März 1938 fällt für einen deutschsprachigen Schauspieler, der nicht in nationalsozialistisch regierten Ländern auftreten will, auch Österreich weg. Die Theaterlandschaft der Schweiz ist zu diesem Zeitpunkt klein und wenig bedeutend.

Risiko Emigration

Hans Albers (l.) mit einem nicht identifizierten italienischen Sänger (1924). Foto: Wikipedia/Deutsches Bundesarchiv

Hans Albers (l.) mit einem nicht identifizierten italienischen Sänger (1924). Foto: Wikipedia/Deutsches Bundesarchiv Hans Albers (l.) mit einem nicht identifizierten italienischen Sänger (1924). Foto: Wikipedia/Deutsches Bundesarchiv

Eine Emigration in ein nicht-deutschsprachiges Land ist ein Risiko. Als Schauspieler in einer Zweitsprache Fuß zu fassen, gelingt lediglich der bereits 1930 in die USA ausgewanderten deutschen Filmschauspielerin Marlene Dietrich. Andere, wie Peter Lorre oder Leon Askin, bleiben auf die Rollen von Bösewichten oder einfältigen Dienergestalten beschränkt. Nur in solchen Rollen akzeptiert das englischsprachige Publikum den deutschen Akzent.

Gründgens steht also vor dem Problem, entweder mit seiner Sprache auch seine Rollen zu verlieren oder sich mit den Nationalsozialisten zu arrangieren. Die dritte Möglichkeit, nämlich quasi in innerer Emigration nicht weiter aufzufallen, ist für Gründgens unmöglich: Er gilt als einer der bedeutendsten Schauspieler seiner Zeit. Er fällt auf, weil er Gründgens ist.

Zudem ist Gründgens homosexuell und damit ohnedies ein potenzielles Ziel nationalsozialistischer Säuberungen. Somit bleibt ihm nur die Wahl zwischen Anbiederung und Auswanderung. Gründgens entscheidet sich für die Anbiederung.

Auch Hans Moser hat, neben seiner Karriere, einen Grund für sein Mitläufertum: Seine Frau ist Jüdin. Bei zwei anderen von den Nationalsozialisten geförderten Schauspielern ist es das Gleiche: Hans Albers ist mit einer Jüdin verheiratet, Heinz Rühmann ebenfalls.

Der Brief Hans Mosers

Dass es Moser vor allem um den Schutz für seine Frau Blanca geht, ist dem von Franzobel inkriminierten Brief vom 24. Oktober 1938 an Adolf Hitler deutlich zu entnehmen. Moser schreibt in diesem unter anderem: "Die für Juden geltenden Ausnahmegesetze behindern mich außerordentlich, insbesondere zermürben sie mich seelisch, wenn ich ansehen muss, wie meine Frau, die so viel Gutes für mich getan hat, dauernd abseits stehen muss" und: "Ich bitte Sie deshalb inständigst, meiner Gattin die für Juden geltenden Sonderbestimmungen gnadenweise zu erlassen, insbesondere von der Eintragung des ,J in ihrem Pass und von der Führung des ihr auferlegten jüdischen Vornamens zu befreien."

Die Anrede in diesem Brief ist "Mein Führer!" und damit auf die damals korrekte Umgangsform beschränkt und distanzierter, als man es wie in einem solchen Fall erwarten würde.

Hitler schätzt Mosers Schauspielkunst und lässt ihm durch den Wiener Gauleiter Josef Bürckel ausrichten, sowohl Moser als auch seine Frau hätten nichts zu befürchten. Dennoch emigriert Gretl, die Tochter von Blanca und Hans Moser, nach Buenos Aires, Blanca Moser selbst flieht nach Budapest. Eine Scheidung von Blanca kommt für Hans Moser keinen Moment lang in Frage.

Der deutsche Schauspieler Hans Albers lässt sich scheiden - aber diese Scheidung ist eine reine Farce. Albers ist mit der Schauspielerin Hansi Burg verheiratet, der Tochter seines Mentors Eugen Burg.

Albers Scheidungsfarce

Rein physiognomisch entspricht Albers jenem Typus des deutschen Mannes, den die Nationalsozialisten in ihren Filmen zu propagieren versuchen. Obendrein ist er bereits in den letzten Jahren der Weimarer Republik zu einem Star des deutschen Kinos aufgestiegen. Die Nationalsozialisten können auf ihn kaum verzichten. Sie nötigen Albers, sich scheiden zu lassen. Albers trennt sich offiziell von Hansi Burg - und lebt weiter mit ihr zusammen.

Hans Moser (hier mit der Schauspielerin Jane Tilden) wird vorgeworfen, er sei dem Nationalsozialismus zu nahe gekommen. Foto: apa/ORF

Hans Moser (hier mit der Schauspielerin Jane Tilden) wird vorgeworfen, er sei dem Nationalsozialismus zu nahe gekommen. Foto: apa/ORF Hans Moser (hier mit der Schauspielerin Jane Tilden) wird vorgeworfen, er sei dem Nationalsozialismus zu nahe gekommen. Foto: apa/ORF

Albers hält zu den Nationalsozialisten größtmögliche Distanz, er zeigt sich nicht an der Seite hochrangiger NS-Funktionäre, er verzichtet darauf, einen Schauspielpreis persönlich entgegenzunehmen - denn der Überreicher wäre der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gewesen.

1939 arrangiert Albers die Emigration seiner Frau nach Großbritannien aus Angst, nicht länger die schützende Hand über sie halten zu können. Als Hansi Burg 1946 nach Deutschland zurückkehrt, nehmen sie und Albers ihr gemeinsames Leben wieder auf.

Allerdings hat Albers für seine gelebte Distanz zum nationalsozialistischen Regime einen künstlerischen Preis zu zahlen: Der Mitwirkung an drei NS-Propagandafilmen konnte er sich nicht entziehen: Er spielte in "Flüchtlinge" (1933) sowie in "Henker, Frauen und Soldaten" (1935). 1941 übernahm er die Hauptrolle im Film "Carl Peters", den er auch produzierte.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-02-24 17:45:00
Letzte Änderung am 2010-02-25 16:54:00


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