• vom 09.02.2010, 16:54 Uhr

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Update: 09.02.2010, 16:57 Uhr

Galerist Ernst Hilger über die aktuellen Kunstpreise, die Wirtschaftskrise und die Qualität von Künstlern

"Habe am Schluss meistens recht"




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Von Stefan Janny

  • Preisrückgänge trafen etablierte lokale Künstler am stärksten.
  • Firmenbudgets für Kunst-Kooperationen stark gekürzt.
  • "Wiener Zeitung": Die Krise hat den Kunstmarkt stark getroffen. Umsätze und Preise sind rückläufig. Ich nehme an, das bekam auch Ihre Galerie zu spüren?
  • Ernst Hilger: Ich bin, wie alle anderen auch, von der Krise vergangenes Jahr kalt erwischt worden. Das hat mich nach einer sehr langen Phase der Erfolgsgewohntheit etwas aus dem Gleichgewicht geworfen.

Psychologisch oder auch finanziell?

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Eher psychologisch, finanziell sind wir relativ solide aufgestellt. Ich habe immer behauptet, ich käme jederzeit auch mit einem niedrigeren Umsatz locker über die Runden. Nach 15 Jahren des beinahe kontinuierlichen Aufschwungs habe ich allerdings festgestellt, dass es, als die Krise dann kam, anfänglich doch schwieriger als erwartet war, sich darauf einzustellen, weil man verwöhnt und nicht mehr gewohnt war, wirklich scharf nachzudenken, ob sich bestimmte Projekte tatsächlich rechnen.

2009 war wohl kein besonders erfolgreiches Jahr?

Es war insgesamt ein Jahr der Prüfungen für mich. Zum einen ist mit dem Kunstsammler Peter Infeld ein langjähriger, sehr enger Freund gestorben. Dann ist im Dezember auch noch Alfred Hrdlicka gestorben. Zudem ist mir ein Künstler, den ich aus dem Nichts entdeckt habe, fünf Wochen vor der Biennale abgesprungen. Dazu kam, dass große Firmenpartner ihre Budgets stark gekürzt haben. Das alles hat meine Erfolgsgewohntheit doch ein wenig erschüttert.

Aber unser Stammpublikum hat sich relativ unerschüttert gezeigt und uns die Treue gehalten und so für Kontinuität gesorgt.

Sie haben 2009 in der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik eine neue Ausstellungshalle eröffnet. Warum startet man ausgerechnet mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit 70 Jahren ein solches Projekt?

Ich habe mir irgendwann im Spätfrühling 2009 gedacht, dass ich bald 60 werde und mich in einer wirtschaftlich schwierigen Phase daher vermutlich einige Zeit einfach still verhalten sollte. Das habe ich genau fünf Tage durchgehalten, weil Stillhalten einfach nicht meine Art ist. Und weil mich der Maler Hans Staudacher gebeten hatte, ihm bei der Suche nach einem Atelier behilflich zu sein, bin ich einige Male in die Ankerbrot-Fabrik gekommen, in der Ateliers zu kaufen waren. Und irgendwie war es dann Liebe auf den zweiten Blick mit diesem 1881 errichteten Backsteinbau, der eine unglaublich magnetische Ausstrahlung hat. Da habe ich habe mir gedacht, ich frage meine Bank, ob sie mir dort eine Ausstellungshalle finanzieren würde. Die Bank hat mir das Okay gegeben, also habe ich es gemacht.

Aber das Risiko eines solchen Projekts ist ja trotzdem nicht gering.

Ich wollte etwas Neues, Besonderes machen. Und ich dachte mir, dass ich für den Anfang genug Ersparnisse habe und alles Weitere sich schon ergeben würde. Ich hatte zu dieser Zeit die Iran-Ausstellung auch schon in Planung, mit der wir die Brot-Kunsthalle dann eröffnet haben. Also habe ich innerhalb von wenigen Tagen die ersten 600 Quadratmeter gekauft und innerhalb von sechs Wochen im Sommer umgebaut.

Seitdem haben wir mit der Iran-Ausstellung des genialen Kurators Shaheen Merali Presse rund um den Erdball bekommen und wurden von Journalisten wahrgenommen, die uns vorher überhaupt nicht gesehen haben. Die Ausstellung ist jetzt sogar von der Arario Gallery, einer der größten New Yorker Galerien, übernommen worden.

Aber wäre es nicht ratsam gewesen, mit dem Umbau und der Eröffnung zu warten, bis sich die Wirtschaftslage etwas erholt?

Ganz ehrlich, ich war nie ein Mensch, der auf irgendetwas warten wollte. Es war der richtige Zeitpunkt für die erste große Iran-Ausstellung in Europa. Und ich habe etwas gebraucht, das mich konzentriert und ablenkt. Ich bin nicht der Typ, der Mitarbeiter kündigt und Ausstellungsräume zu sperrt, um Energiekosten zu sparen. Ich bin eher einer, der mit einem ordentlichen Schlag das Ruder herumreißt, wenn es mal nicht so gut geht. Als wir für die Kunsthalle eine gute Beleuchtung gesucht haben, hat mein Elektriker meinen alten Porsche bekommen, weil ich die das Geld für seine Rechnung gerade nicht hatte.

Für mich sind Kunstprojekte und nicht Statussymbole wichtig. Außerdem ist die Brot-Kunsthalle für mich die Möglichkeit, mit jungen, spannenden Kuratoren Projekte zu machen, die ich in meiner Innenstadt-Galerie nicht verwirklichen kann. Und ich möchte damit mittelfristig auch die Galerie erneuern, weil ich hoffe, dass da immer wieder Positionen herauskommen, die einige Jahre später einen festen Platz in meiner Galerie finden. Mein Partner hält hier glücklicherweise immer zu mir und hat Verständnis für solche Ideen.

Anders ausgedrückt: Sie wollen junge Künstler entdecken, die Jahre später, wenn sie sich etabliert haben, über die Galerie lukrativ vermarktet werden können?

Das ist schön, wenn es passiert. Vor allem aber gibt es dadurch bei uns für den interessierten Sammler immer wieder Zukunftsträchtiges zu fairen, günstigen Preisen zu entdecken, und nicht nur Spitzenwerke zu Spitzenpreisen.

Sie genieren sich, allzu viel Geld für Kunstwerke zu verlangen?

Auf keinen Fall, es ist nur einen andere Welt. Ich bin unermüdlich und sehe sehr viel Kunst. Ich treffe fast jede Woche neue Künstler und sehe dann immer wieder, dass große Kunst gar nicht so teuer sein muss. Ich habe selber vor Jahren meine letzte Picasso-Zeichnung verkauft und habe dann mitgekriegt, dass ein junger Sprayer aus England bei derselben Auktion denselben Preis erzielt hat wie ein Picasso. Da habe ich mir dann gedacht, da bin ich nicht so sehr dabei.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2010-02-09 16:54:00
Letzte Änderung am 2010-02-09 16:57:00


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