• vom 10.11.2009, 15:48 Uhr

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Update: 10.11.2009, 17:02 Uhr

Wie Irvin D. Yalom vor mehr als 40 Jahren die verkrustete Psychoanalyse "humanisierte"

Tandem durch das weite Land




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Von Christa Karas

  • Revolutionär in der Therapie und Bestsellerautor für Experten und Laien.
  • Wien-Besuch zur Gratisbuch-Aktion der Stadt 2009 "Und Nietzsche weinte".
  • Wien. Für die meisten US-Psychoanalytiker war es ein Schock, als ihr damals noch nicht einmal 40-jähriger Kollege Irvin D. Yalom zu Beginn der 1970er Jahre in seinem Lehrbuch "Theorie und Praxis der Gruppentherapie" einen völlig neuen Ansatz in der Interaktion zwischen dem Therapeuten und seinen Klienten empfahl: Sich nicht länger als "weiße Leinwand" zu begreifen, sondern sich als Partner des Hilfesuchenden gemeinsam mit ihm auf die Reise durch "das weite Land" (wie Arthur Schnitzler die Seele genannt hat) zu begeben.

Sigmund Freud? - Nein, Irvin David Yalom. Foto: patzak.cc

Sigmund Freud? - Nein, Irvin David Yalom. Foto: patzak.cc Sigmund Freud? - Nein, Irvin David Yalom. Foto: patzak.cc

Derart viel Empathie, so die damals häufigste Kritik tradierter Psychoanalytiker, könne unmöglich gutgehen, fehle es ihr doch an der gebotenen Distanz, einem der wesentlichsten Faktoren im heiklen Verhältnis zwischen Therapeut und zu Behandelndem.

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Methoden-Anpassung

Doch seine Fallgeschichten und deren Entwicklung, die er in der Folge in seinen weiteren Fachwerken publizierte, bewiesen nicht nur just das Gegenteil, sie leiteten nach und nach einen Umdenkprozess ein, wie er gewichtiger nicht hätte sein können. Aus den Fällen wurden Menschen und diese erfuhren wiederum ungleich mehr Respekt - insbesondere, nachdem Yalom auf die Individualisierung der Behandlung als einzig zielführend pochte: Nicht der Klient hat sich den Methoden anzupassen, sondern der Therapeut ist gefordert, sich mit dem Klienten auf die Suche nach den geeignetsten zu begeben.

Damit kehrte Yalom zwar der klassischen Psychoanalyse nicht ganz den Rücken, aber er erweiterte sie um die Facetten jener praktischen Anwendbarkeit, die seither zu weniger Leiden und rascheren Behandlungseffekten führt: Die pluralistische Therapie, für die er in seinem Lehrbuch "Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht" plädiert. Damit stürzte er zwar nicht die Throne, aber er brachte sie ins Wanken, konnte Skeptiker überzeugen und schuf nicht zuletzt weltweit eine erfolgreiche Basis für angehende Psychotherapeuten.

Therapie für alle

Heute gelten Yaloms wissenschaftlichen Publikationen längst als Standardwerke, aus denen quasi eine Therapie für den "kleinen Mann" entstanden ist, der es sich aus psychischen und materiellen Gründen nicht leisten kann, Jahre auf der Couch zu verbringen. Indem sich die therapeutische Arbeit auf dessen Nöte konzentriert, ihn als Individuum versteht und ihn zwar bezüglich Motivationserforschung und Lösungssuche leitet, aber nicht bevormundet. Und: Auch hier gibt es Rückschläge und Irrtümer, wie Yalom nicht verhehlt, weil auch hier oft die Dinge des Lebens dazwischenkommen, aber es ist inzwischen fast schon eine Binsenweisheit, dass der pluralistische Ansatz rascher wirksam und daher auch billiger ist.

Mag sein, dass es seine Herkunft ist - Yalom wurde 1931 in Washington als Sohn russischer Einwanderer geboren -, die ihn nie abgehoben werden ließ. Stattdessen wandte er sich mit seinen weiteren Büchern an einen weit über die Fachwelt hinausreichenden Leserkreis. "Die rote Couch", "Die Liebe und ihr Henker", "Jeden Tag ein bisschen näher" sowie alle anderen und zuletzt "In die Sonne schauen: Wie man die Angst vor dem Tod überwindet" sind berührende Dokumente menschlicher Ängste und der Suche nach dem bestmöglichen Umgang mit ihnen.

Rund um Yalom

Anlässlich der Verteilung seines Romans "Und Nietzsche weinte" als Gratisbuch der Stadt 2009 nimmt der emeritierte Professor der Universität Stanford, der als bedeutendster lebender Vertreter der existenziellen Psychotherapie gilt, derzeit an einer Reihe von Veranstaltungen in Wien teil.

Lesungen, Gala und Ehrungen - Wien feiert Yalom nicht nur als Autor

Wien. Zum Auftakt der Gratisbuch-Aktion durch Bürgermeister Michael Häupl liest Irvin D. Yalom am Donnerstag (12.11. 2009) um 13 Uhr im Foyer des Messezentrums, Halle D, sowie am Freitag (13.11.2009) um 19.30 Uhr in der Fernwärme Spittelau aus seinem Roman "Und Nietzsche weinte".

Am Samstag (14.11.) spricht Alfred Pfabigan mit Yalom um 19.30 Uhr im Sigmund Freud Museum in der Berggasse 19 über Freud und Nietzsche.

Noch bis Sonntag (15.11.) zeigt das Admiral Kino in der Burggasse 119 täglich um 19.15 Uhr die Romanverfilmung "Und Nietzsche weinte" von Pinchas Perry.

Sonntagabend wird Yalom mit einer großen Gala des Wiener Bürgermeisters im Rathaus geehrt. Die Laudatio hält Alfred Pfabigan.

Bereits am heutigen Mittwochabend erfolgt die Verleihung des internationalen Sigmund Freud Preises für Psychotherapie der Stadt Wien an Yalom in der Sigmund Freud Privatuniversität nach einem nachmittägigen Workshop "Irvin Yalom - Von der Gruppentherapie zur existentiellen Psychotherapie".

Publikumsveranstaltungen unter www.einestadteinbuch.at



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2009-11-10 15:48:00
Letzte Änderung am 2009-11-10 17:02:00


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