• vom 16.10.2009, 14:38 Uhr

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Update: 16.10.2009, 14:46 Uhr

Wissenschaft

Fortschrittliche Illusionen




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Von Franz M. Wuketits

  • Die Evolution des Lebens auf der Erde wie auch die Menschheitsgeschichte verbinden wir gerne mit einer Entwicklung "zum Besseren". Bei näherer Hinsicht erweisen sich aber beide als Zickzackwege.

Der amerikanische Paläontologe und Evolutionsforscher George G. Simpson (1902 - 1984) bemerkte einmal, es sei geradezu unmöglich, an Geschichte - an Natur- wie Kulturgeschichte - zu denken, ohne dabei den Fortschritt gleichsam automatisch mitzudenken. In der Tat assoziieren wir historische Prozesse im Allgemeinen mit einer geradlinigen Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen, die zugleich eine "Höherentwicklung" beziehungsweise Verbesserung suggeriert. Es erscheint nahe liegend, dass es uns heute besser geht als den Menschen im Mittelalter oder noch im 19. Jahrhundert, und dass die Menschheitsgeschichte insgesamt einen progressiven Verlauf beschreibt.


Der Baum des Lebens

Ebenso lässt die Geschichte des Lebens auf der Erde scheinbar Fortschritt erkennen: Die Äste im Baum des Lebens weisen nach oben, einfachen Einzellern und primitivem Gewürm folgen Spinnen, Insekten und Krebstiere, und diesen Wirbeltiere mit Säugetieren als der am höchsten entwickelten Klasse; der Mensch schließlich setzt dem Lebensbaum die Krone auf. Das ist eine hübsche Metapher, die unsere Erwartung von fortschreitender Verbesserung der Natur und das zwangsläufige Auftreten unserer eigenen Spezies bestätigen soll.

Zu den faszinierendsten Ideen der abendländischen Geistesgeschichte gehört die auf die Antike zurückgehende Vorstellung einer Stufenleiter der Natur, einer "großen Kette des Seins", die alle irdischen (Lebe-)Wesen miteinander verbindet und einen Aufstieg vom Einfachen zum Komplexen zum Ausdruck bringt. Wie Johann Gottfried Herder (1744 - 1803) so schön bemerkte: "Vom Stein zum Kristall, vom Kristall zu den Metallen, von diesen zur Pflanzenschöpfung, von den Pflanzen zum Tier, von diesen zum Menschen sahen wir die Form der Organisation steigen, mit ihr auch die Kräfte und Triebe des Geschöpfs vielartiger werden und sich endlich alle in der Gestalt des Menschen . . . vereinen." In diesen Worten kommt auch die altehrwürdige Idee der Vervollkommnung zum Ausdruck, der Naturhistoriker bis ins 19. Jahrhundert verfielen und die selbst heute ihre Attraktionskraft nicht ganz eingebüßt hat. Zumindest träumen manche nach wie vor vom "vollkommenen Menschen".

Die gute Natur

Dem Geist der Aufklärung entsprang die Hoffnung, dass der Mensch durch eigene Anstrengung eine Verbesserung seiner Situation herbeiführen könne. Mit der wenig später erfolgten Entdeckung der Evolution wurde diese Hoffnung in die Natur zurückprojiziert, die Naturgeschichte insgesamt als eine Entwicklung zum Besseren gedeutet. Damit wurde der Fortschritt gleichsam zu einem Naturgesetz erklärt, auf welches sich fortan die Ideologie von der Zwangsläufigkeit der Geschichte stützen konnte. Aus geistesgeschichtlichen und psychologischen Gründen ist es verständlich, dass die Vorstellung von einer allmählich fortschreitenden Entwicklung des Lebens und des Menschen von Anfang an auch die biologische Evolutionstheorie begleitete.

So waren Charles Darwin (1809 - 1872) und mit ihm auch viele Evolutionstheoretiker späterer Jahrzehnte davon überzeugt, dass sich Evolution sehr langsam, kontinuierlich, in unzähligen kleinen Schritten vollziehe ("Gradualismus"). Diese Überzeugung basierte auf der alten (natur-)philosophischen Vorstellung, wonach die Natur keine Sprünge macht ( natura non facit saltus ). Heute jedoch wissen wir, dass Evolution auch ganz anders verlaufen kann.

Leben und Sterben

Das Tempo der Entwicklung verschiedener Pflanzen- und Tiergruppen ist keineswegs einheitlich, es gibt zwar Beispiele für eine sehr langsame, aber auch Beispiele für eine relativ schnelle Evolution. In den 1970er Jahren haben Paläontologen den Ausdruck "unterbrochene Gleichgewichte" eingeführt. Demnach gibt es in der Evolution Phasen der Stagnation, in denen sich also sozusagen kaum etwas tut, dann wieder Phasen einer geradezu explosionsartigen Entwicklung. Die Evolution ist somit kein linearer, gleichmäßig verlaufender Prozess. Sie beschreibt vielmehr einen Zickzackkurs. Sie ist ein Spiel vom Leben und Sterben, vom Werden und Vergehen - ohne Richtung, ohne Ziel. Was wir im nachhinein als Richtung wahrnehmen, war keineswegs im vorhinein schon festgelegt.

Die heute lebenden Organismenarten - ihre Zahl wird auf fünf bis zehn Millionen geschätzt - sind nur ein winziger Bruchteil aller Spezies, die in den knapp vier Jahrmilliarden seit der Entstehung des Lebens auf der Erde existiert haben. Das heißt, dass die überwiegende Mehrzahl aller jemals entstandenen Arten später ausgestorben ist. Um bei obiger Metapher zu bleiben: Die heutigen Arten sind nur relativ wenige verbliebene Äste oder, besser gesagt, Zweige des alten Baums des Lebens auf der Erde. Eine weitaus größere Zahl seiner Äste und Zweige sind abgebrochen, wofür der einst sehr vielfältig verzweigte Ast der Saurier das bekannteste und spektakulärste Beispiel darstellt.

Das Aussterben von Arten, Gattungen und ganzen Organismengruppen ist ein natürlicher Vorgang der Evolution, diese selbst ist eine Abfolge von Katastrophen und Krisen. Und dafür muss nicht erst ein Asteroid auf die Erde einschlagen. Im Wechselspiel mit einer sich ständig verändernden Umwelt sind Arten früher oder später zum Aussterben verurteilt. Vor allem gilt das für sehr spezialisierte Arten. Hat eine Spezialisierung im allgemeinen (insbesondere zur Schaffung einer eigenen Nahrungsnische) durchaus Vorteile, bringt sie aber auch erhebliche Nachteile mit sich, weil sie die Flexibilität und das Spektrum alternativer Lebensweisen der betreffenden Arten zunehmend einengt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2009-10-16 14:38:01
Letzte Änderung am 2009-10-16 14:46:00


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