• vom 09.10.2009, 17:23 Uhr

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Update: 09.10.2009, 17:24 Uhr

Interview mit dem Psychotherapeuten Alfred Pritz

Verbitterung aus Enttäuschung




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Von Stefan Beig

  • Fachtagung "Verletzung - Verbitterung - Vergebung" in Wien.
  • Diskurs zwischen Psychotherapie und Religionswissenschaft.
  • Wien. Die Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) veranstaltet in Kooperation mit dem Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie diesen Samstag die Fachtagung "Verletzung - Verbitterung - Vergebung" im Audi Max der Technischen Universität Wien. Zu den internationalen Vortragenden zählen Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Religionswissenschafter. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Tagungsorganisator und SFU-Rektor Alfred Pritz.

"Wiener Zeitung": Bis jetzt sind schon 550 Personen angemeldet. Hat Sie das Interesse überrascht?

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Alfred Pritz: Überhaupt nicht. Es geht um ein wichtiges und sehr interessantes Thema, das viele Menschen betrifft, weil sie Verletzungen schon erlebt haben.

Es geht auch um Verbitterung. Wie sieht die aus?

Auf Verletzung folgt Einkapselung, die zu Verbitterung führt. Auf sozialer Ebene folgt Kommunikationsverweigerung. Dann kann es Depressionen und Ängste bis hin zu psychotischen Erlebnissen geben.

Sind die Ursachen von Verbitterung meistens Verletzungen innerhalb der Familie oder Schicksalsschläge?

Entscheidend ist, dass eine Person in ihrer Würde nicht respektiert wurde. Die massive Enttäuschung über fehlende Anerkennung führt zur Verbitterung.

Wie kann die Psychotherapie dabei helfen, Verbitterung zu überwinden?

Die Verarbeitung ist das Wichtigste. Verbitterung ist etwas, das in einem rumort und einen dauernd beschäftigt. Tiefe Kränkungen, die unverarbeitet bleiben, ruhen lange im Inneren. Ein Beispiel sind Kriegserlebnisse, die bei älteren Leuten nach sehr vielen Jahren wieder hervorbrechen. Das zeigt, dass hier vieles nicht verarbeitet wurde. Eine Psychotherapie bringt die Verbitterung zum Vorschein. Was einem Patienten hilft, ist die Anerkennung des Schmerzes. Es ist schwierig, sich einen Schmerz und eine Demütigung vor einem anderen - im konkreten Fall: dem Psychotherapeuten - einzugestehen.

Gibt es Untersuchungen darüber, wie verschiedene Gesellschaften mit seelischen Verletzungen umgehen?

Ein Beispiel dafür ist etwa jene "Wahrheitskommission", die in Südafrika nach dem Apartheid-Regime eingerichtet wurde. Es liegen erschütternde Dokumente vor, in denen Personen der Kommission und den Angehörigen der Opfer offen über ihre brutalen Verbrechen im Auftrag der Regierung berichten. Sie keine strafrechtliche Verfolgung zu befürchten, da ihre Taten ansonsten gar nicht bekannt geworden wären. Die Kommission sollte helfen, die Verbitterungen zu verarbeiten.

Steht am Ende in der Regel die Vergebung?

Nein, das ist der Idealfall, aber leider nicht der Regelfall. In Südafrika etwa konnten die Angehörigen der Opfer begreifen lernen, dass die Mörder in einem anderen Kontext standen, nur Auftragnehmer der Regierung waren. Es ist aber sehr schwer, hier zu vergeben. Da brauchen wir uns keinen Illusionen hinzugeben. Das Beste wäre, wenn sich derjenige, der Leid zugefügt hat, entschuldigt. Manche können sogar ohne Entschuldigung vergeben.

Wie kann man nach Anerkennung des Schmerzes eine Verbitterung verarbeiten?

Manche finden Trost in der Religion. Das sollte man auch aus wissenschaftlicher Sicht ernst nehmen. Was beim Kongress zur Sprache kommen wird, ist die philosophische Umdeutung solcher Erlebnisse, etwas, das auch die Psychotherapie leistet. Es geht nicht darum, das Erlebte zu leugnen, sondern es in einen höheren Kontext zu stellen.

Ein Beispiel: Im Rückblick auf das eigene Leben findet man Niederlagen und Siege. Aber manche Niederlagen wurden zu Grundlagen für Verbesserungen. Das Schlechte ist nicht immer Feind des Guten. Oder: Nach Massentötungen im Krieg werden Denkmäler aufgestellt, auf denen es heißt: "Er starb für das Vaterland." Der Tod bekommt dadurch eine andere Bedeutung und wird weniger furchtbar, indem er zu einem Dienst an der Allgemeinheit wird.

Ihr Kongressveranstaltungspartner ist das Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie. Dabei äußerte sich Freud abwertend über die Religion .. .

Bei Sigmund Freud ging es mehr um Kritik an der Kirche. Das Religiöse diene auch dazu, uns die Todesangst zu nehmen, sagte er.

Können Psychotherapie und Religion harmonieren?

Da ist kein Widerspruch. Der Psychotherapeut muss alle Lebensäußerungen des Patienten ernst nehmen, und zwar aus der Sicht des Patienten. Jeder Mensch, auch der Psychotherapeut, hat irgendein Glaubenssystem und verschiedene Vorstellungen über das Leben nach dem Tod. Der Psychotherapeut muss die verschiedenen Formen des Glaubens respektieren. Entscheidend ist eher die Bedeutung des Glaubens für das Leben des Patienten.

Wird Religion nicht eher von der psychotherapeutischen Forschung vernachlässigt?

Sie wurde bisher zu wenig beleuchtet. Das hat historische Gründe: Einerseits kam von der Psychotherapie Religions- und vor allem Kirchenkritik, andererseits gab es teils auch heftige Gegenangriffe der Kirche auf die Psychotherapie. Heute gibt es das nicht mehr, deshalb ist es leichter geworden, darüber zu sprechen. Das ist eine Chance für beide Seiten, die wir unbedingt nützen sollten!



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2009-10-09 17:23:43
Letzte Änderung am 2009-10-09 17:24:00


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