• vom 08.10.2009, 16:00 Uhr

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Update: 08.10.2009, 17:52 Uhr

Die gebürtige Rumänin verweigerte sich der Securitate - 1987 ist sie nach Deutschland ausgewandert

Literaturnobelpreis für Herta Müller




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Von Edwin Baumgartner

  • Die Autorin wurde von der Securitate gezielt verleumdet.
  • Der Roman "Atemschaukel" polarisiert die Literaturkritik.
  • Stockholm/Wien. Der deutsch-rumänischen Autorin Herta Müller (56) erhält den Literatur-Nobelpreis 2009. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt. Eine Überraschung? Ja und nein. Die wirkliche Überraschung wäre gewesen, hätte die Schwedische Akademie ihre USA-Aversion überwunden und die mit 10 Millionen Kronen (965.158 Euro) dotierte Auszeichnung Philip Roth zugesprochen.

Von der Securitate verleumdet, mit dem Literaturnobelpreis geehrt: Herta Müller. Foto: Jack Mikrut/epa

Von der Securitate verleumdet, mit dem Literaturnobelpreis geehrt: Herta Müller. Foto: Jack Mikrut/epa Von der Securitate verleumdet, mit dem Literaturnobelpreis geehrt: Herta Müller. Foto: Jack Mikrut/epa

Nun ist es also Herta Müller geworden. Als mögliche Preisträgerin wird sie seit Jahren gehandelt. Eine Kandidatin, an der man nicht vorbeigehen kann, ist sie nach Meinung zahlreicher Literaturfachleute allerdings nicht. Eher scheint sie eine ähnliche Verlegenheitslösung zu sein wie Jean-Marie Le Clézio im Vorjahr: Eine Entscheidung, die weder Kopfschütteln noch Kopfnicken auslöst.

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Geboren wurde die Autorin am 17. August 1953 in Nitzkydorf, Rumänien. Nitzkydorf liegt im deutschsprachigen rumänischen Banat. An der Universität von Temeschwar studierte sie Germanistik und rumänische Literatur.

Ab 1976 arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. 1979 wurde sie entlassen: Sie hatte sich geweigert, mit der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst, zusammenzuarbeiten. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt als Kindergärtnerin, Lehrerin und mit privatem Deutschunterricht. Ihr erstes Buch, "Niederungen" erschien 1982 in Rumänien in zensierter Version.

Mechanik der Diktatur

1987 reiste Herta Müller mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik Deutschland aus. Sie erhielt eine Reihe von Lehraufträgen. So war sie etwa 2005 "Heiner-Müller-Gastprofessorin" an der Freien Universität in Berlin, wo sie heute lebt.

In ihren Büchern beschäftigt sich Herta Müller mit den Mechanismen der Diktatur einerseits und andererseits mit den nationalen Minderheiten in Osteuropa. Bekannt wurden ihre Bücher "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992), "Herztier" (1994), "Der König verneigt sich und tötet" (2003) und "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" (2005). Herta Müllers neuer Roman, "Atemschaukel", berichtet von fünf Jahren in einem sowjetischen Arbeitslager.

Für einige Zeit ins Zwielicht geriet Herta Müller 2008: Zu einer Tagung des "Berliner Rumänischen Kulturinstituts" waren auch der Historiker Sorin Antohi und der Germanist Andrei Corbea-Hoisie eingeladen worden. Beide gelten als Informanten der Securitate im kommunistischen Rumänien. Herta Müller kritisierte deren Einladung in einem offenen Brief. In der Folge warf der aus dem Banat stammende Historiker, Philosoph und Literat Carl Gibson der Schriftstellerin vor, ihr Buch "Symphonie der Freiheit" sei ein Zeugnis für ihre Systemloyalität unter dem Ceausescu-Regime.

Müller erwiderte die Vorwürfe in einem Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" mit dem Titel "Die Securitate ist noch im Dienst". Darin beschreibt sie, welchen Machenschaften des rumänischen Geheimdienstes sie ausgesetzt war und auch heute noch ausgesetzt ist. So legen die Akten der Securitate offen, dass sie gezielt unglaubwürdig gemacht werden sollte, indem man sie beschuldigte, als Agentin für die Securitate gearbeitet zu haben und im Auftrag der Kommunistischen Partei Rumäniens zu schreiben.

Keineswegs von der Securitate gelenkt ist jedoch der Widerspruch, auf den Herta Müllers Gulag-Roman "Atemschaukel" trifft. Die deutsche Star-Kritikerin Iris Radisch wirft dem Buch vor, dass es Gulag-Literatur aus zweiter Hand sei und deshalb parfümiert und kulissenhaft.

"Totenäffchengesicht"

Tatsächlich hat Herta Müller keine eigenen Erfahrungen im Gulag gesammelt, sondern die Erfahrungen von Zeitzeugen verarbeitet. Im Versuch der poetischen Überhöhung gerät sie freilich an Grenzen, angesichts derer man sich fragen muss, ob solche poetischen Überhöhungen im Zusammenhang mit dem Geschilderten vertretbar sind. Wenn Sterbende ein "Totenäffchengesicht" haben, der "Hungerengel" durchs Lager fliegt und der Tod gar "schunkelt", kann man verstehen, weshalb etwa auch der Kulturpublizist Christopher Schröder meint, diese Prosa sei wie ein "falsches Kleidungsstück, das jemand sich übergeworfen hat" und "blanken Entbehrungskitsch" ortet. Der Essayist wie Karl-Markus Gauß und der Literaturkritiker Michael Naumann freilich sprechen von einem Meisterwerk. (Die "Wiener Zeitung"-Rezension erscheint am Samstag in der Beilage "Extra".)

Herta Müller polarisiert also. Wie alle bedeutenden Autoren. Die Frage freilich bleibt nach wie vor offen, ob wirklich nur die Bedeutendsten der Bedeutenden den Literaturnobelpreis zuerkannt bekommen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2009-10-08 16:00:45
Letzte Änderung am 2009-10-08 17:52:00



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