Galilei hat Aristoteles schon beim Studium des freien Falls widerlegt. Und auch das Antlitz des Mondes mutet ihm 1609 im Fernrohr ganz anders an, als der große Philosoph einst gelehrt hat: Der Mond ist keine ideale, makellose Kugel, sondern eine gebirgige, "erdähnliche" Welt. Zwischen der Erde und den angeblich so hehren Himmelskörpern gibt es keinen grundsätzlichen Wesensunterschied.
Galileis Entdeckung passt sehr gut zur kopernikanischen Idee von 1543, die unsere Welt nur noch als einen von sechs Planeten betrachtet. Von seinen Fernrohrbeobachtungen ermutigt, bekennt sich Galilei öffentlich zu Kopernikus. Seine Zeitgenossen beharren hingegen auf einer völlig unbewegten Erde, die vermeintlich das ruhende Zentrum des Alls bildet: Tagtäglich soll sich der gesamte Kosmos um sie herum drehen, Sonne und Planeten inklusive.
Galileis Angriffe auf aristotelische Dogmen beunruhigen Philosophen wie Theologen. Das Christentum baut seit Thomas von Aquin fest auf den antiken Denker, der in Fragen der Natur als oberste Autorität gilt. Obwohl Galilei keinen wirklich hieb- und stichfesten Beweis für die Bewegung der Erde vorlegt, tritt er laut und selbstsicher auf. Gern berichtet er von den wechselnden Lichtphasen der Venus, die er im Teleskop gesehen hat. Sie ergeben nur Sinn, wenn dieser Planet um die Sonne kreist.

Damit könnten sich auch die einflussreichen Jesuiten anfreunden. Sie setzen aber auf das Kompromissmodell des Tycho Brahe. Der Däne hat zwar die Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn um die Sonne tanzen lassen. Doch die schießt bei ihm weiterhin tagein, tagaus um die zentrale, absolut still stehende Erde; jetzt eben mit diesen fünf Planeten im Schlepptau. Galilei ignoriert Brahes Mischkosmologie.
Schon Martin Luther hatte Kopernikus das berühmte Josua-Zitat vorgehalten: Demnach ließ der Herr die Sonne während der Schlacht zu Gibeon still stehen, um das Tageslicht zu verlängern. Vor und nach der göttlichen Intervention muss sich dieses Gestirn also bewegt haben. Daher, so Luther, lehre die Bibel unzweifelhaft die tägliche Bewegung der Sonne - und nicht jene der Erde.
Jetzt rufen auch katholische Geistliche Josua in den Zeugenstand. Sie bereichern seine Aussage mit zwei biblischen Psalmen: Die lassen die Sonne ihre Bahn wie ein Held ziehen, und sehen dafür die Erde fest auf Pfeilern gegründet. Sollte Galilei trotzdem auf einer bewegten Erde und einer ruhenden Sonne beharren, versuche er ganz offensichtlich, die Bibel zu widerlegen.
Schon wird Galileo Galilei bei den Medici angeschwärzt. Er muss auf der theologischen Ebene kontern, was ihm als Philosoph kaum zusteht: Die Bibel selbst könne nicht irren, hält der gläubige Katholik fest, wohl aber ihre Ausleger. Manche ihrer Sätze seien so verfasst worden, dass sie dem "Unvermögen der Menge" Rechnung trügen. Die Behauptung einer bewegten Erde hätte dem simplen Augenschein widersprochen - und das Volk damals bloß widerspenstiger gegen die Heilslehre gemacht. Die Bibel offenbare, was für das Heil des Menschen unerlässlich sei. Zum Studium der Natur hätte Gott dem Menschen hingegen Verstand und Sinne geschenkt; hier gebühre der Heiligen Schrift bloß "der letzte Platz", meint Galilei.
Verbot mit Verspätung
Galileis Versuche, die Bibel im Sinn des Kopernikus zu interpretieren, schaffen neue Probleme. Denn Rom beansprucht das Monopol auf Bibelauslegungen. Die kirchliche Autorität hat durch Luther schon genug gelitten. Jetzt, im Zeitalter der Gegenreformation, wird ihre Macht wiederhergestellt. Dafür sorgen unter anderem die Jesuiten. Einen neuerlichen Autoritätsverlust will man nicht hinnehmen.
Kopernikus hat den Menschen aus der Mitte der göttlichen Schöpfung gestoßen und statt dessen die Sonne ins Zentrum des Alls gerückt. Bisher galt sein Weltbild bloß als mathematische Spielerei, als völlig unbewiesene "Hypothese". Galileis forsches Auftreten verändert alles. Auf Wunsch von Papst Paul V. beraten Jesuiten und Dominikaner, ob das sonnenzentrierte Modell überhaupt mit der Bibel vereinbar wäre. Ihr theologisches Urteil fällt ablehnend aus: Die Annahme einer bewegten Erde sei ein Irrtum, die Lehre von einer unbewegten Sonne gar ketzerisch. Also wird die kopernikanische Kosmologie 1616 per Dekret verboten - 73 Jahre nach ihrer Veröffentlichung. Sie zu vertreten, oder auch nur für wahr zu halten, ist fortan nicht mehr gestattet.

Bei Galilei macht sich Verbitterung breit. Kopernikus zu verbieten erscheint ihm genauso unsinnig, als wolle man die gesamte Astronomie untersagen und dem Menschen den Blick zum Himmel verwehren. Als bloße, letztlich falsche Hypothese darf man dieses Modell allerdings erwähnen. Das bestätigt auch der neu gewählte Papst Urban VIII. Er schätzt Galilei und erlaubt ihm sogar ein Werk zu schreiben, das die Weltmodelle des Ptolemäus und des Kopernikus einander gegenüberstellt. Natürlich steht von vornherein fest, wie der Vergleich ausgehen muss.
So erhält Galilei die Erlaubnis zum Druck des "Dialogs über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme". Im Vorwort heuchelt er Zufriedenheit mit dem Verbot des Kopernikanismus, bezeichnet diesen nur als "mathematische Grille". Dann erzählt er von einem vier Tage währenden, fiktiven Dialog dreier Männer namens Salviati, Sagredo und Simplicius. Aus Salviati spricht Galilei. Er zerstreut die gegen Kopernikus vorgebrachten naturphilosophischen Einwände mit Hilfe von Gedankenexperimenten. Sagredo stimmt seinen Überlegungen zu. Simplicius mimt hingegen den eingefleischten Aristoteliker. Er beharrt auf der althergebrachten Sicht der Dinge.