• vom 09.07.2009, 17:15 Uhr

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Update: 09.07.2009, 17:16 Uhr

Der Architekt Josef Frank hat in der Wenzgasse in Hietzing ein Juwel wienerischer Wohnkultur hinterlassen

Die Villa Beer wird wiederbelebt




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Von Hans Haider

  • Genaues war nicht zu erfahren, jahrelang nicht. Die Stadt Wien wolle kaufen, die Eigentümer wären sich nicht einig, das Architekturzentrum Wien plane dort eine Tagungsstätte und ein Archiv. Nun aber sind die Weichen gestellt: Josef Franks "Villa Beer" in Hietzing wird in ihrer ursprünglichen Widmung wiederauferstehen: als Wohnhaus einer kunstsinnigen Wiener Familie. Die Zweidrittel-Mehrheit an diesem brüchig gewordenen Juwel wurde von der gemeinnützigen Privatstiftung des Wiener Unternehmers Dr. Johannes Strohmayer erworben.
  • Das achtzig Jahre alte Haus, Wenzgasse 12, fehlt in keiner Geschichte der europäischen Architektur des 20. Jahrhunderts. Friedrich Achleitner, Chronist der österreichischen Architektur-Moderne, nennt es "das wohl bedeutendste Beispiel Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit". Es wird in eine Reihe gestellt mit dem "Haus Müller" von Adolf Loos in Prag, dem "Haus Tugendhart" Mies van der Rohes in Brünn und Le Corbusiers "Villa Savoye" in Poissy bei Paris.

Revolutionäres Wohnkonzept von Josef Frank für die Villa Beer (Gartenseite).

Revolutionäres Wohnkonzept von Josef Frank für die Villa Beer (Gartenseite).

Josef Frank (Baden 1885 - Stockholm 1967) hat die 800-Quadratmeter-Villa mit seiner Firma "Haus und Garten" und dem Architektenkollegen Oskar Wlach (Wien 1981 - New York 1963) als Partner für den Gummischuhsohlen-Fabrikanten Julius Beer errichtet. Frank war zur selben Zeit auch Gesamtleiter des Projekts Werkbundsiedlung in Hietzing.

Altersschäden müssen rasch saniert werden. Foto: H. Haider

Altersschäden müssen rasch saniert werden. Foto: H. Haider Altersschäden müssen rasch saniert werden. Foto: H. Haider

Neues Wohnen

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Die Villa Beer ist der formvollendeter Prototyp neuen Wohnens. In einem kulturrevolutionären Manifest erläuterte Frank sein Konzept 1931 in der Zeitschrift "Der Baumeister" in einem Aufsatz mit dem vielsagenden Titel "Das Haus als Weg und Platz": "Das moderne Wohnhaus entstammt dem Bohème-Atelier im Mansardendach. Dieses [...] als unbewohnbar und unhygienisch verpönte Dachgeschoß, [...] das aus Zufällen aufgebaut ist, enthält das, was wir in den darunterliegenden, planvoll und rationell eingerichteten Wohnungen vergeblich suchen: Leben. Große Räume, große Fenster, viele Ecken, krumme Wände, Stufen und Niveauunterschiede, Säulen und Balken - kurz all die Vielfältigkeit, die wir im neuen Haus suchen, um der trostlosen Öde des rechteckigen Zimmers zu entgehen. Der ganze Kampf für die moderne Wohnung und das moderne Haus hat im Grunde das Ziel, die Menschen von ihren gutbürgerlichen Vorurteilen zu befreien und ihnen die Möglichkeit eines Bohèmewohnens zu geben. Die schön und ordentlich eingerichtete Wohnung in alter oder neuer Harmonie soll zu einem Schreckbild vergangener Zeiten werden." Das war auch eine Kampfansage an die in sakrale Ruhe gebetteten Zimmerkuben des Kollegen Loos.

Franks sich alten Ordnungen verweigerndes Programm bildet sich deutlich auf den - derzeit noch hinter Laubbäumen versteckten - Fassaden ab: Asymmetrien, ein Rundfenster neben quadratischen und rechteckigen Fenstern unterschiedlicher Größe, zwei unterschiedlich dominierende Eingangstüren, Erker, Balkone und Terrassen verschiedener Tiefe. Im Inneren entfaltet sich das volle dynamische Repertoire mit Treppen, Absätzen und Durchblicken, mit Sitzgarnituren, Einbauschränken und Leuchten und mit textilen Bespannungen und Vorhängen, für die Frank zeitlebens eine besondere Hand hatte.

Viel davon ist erhalten, viel muss rekonstruiert werden. Die Familie Beer kam just, als ihr Haus fertig war, nach Machtkämpfen in der Kautschukbranche in die finanzielle Bredouille. Darum wurde das Haus zunächst ganz oder teilweise vermietet, zum Beispiel an die Opernsänger Richard Tauber und Jan Kiepura (der mit seinem jungen Adlatus Marcel Prawy einzog). Die Villa war an die "Allianz und Gisela Verein"-Versicherung verpfändet, diese holte sich die Realität 1937 bei einer Versteigerung. Julius und Margarethe Beer konnten 1940 nach New York fliehen.

Notwendige Sanierung

Josef Frank, schon lange mit einer Schwedin verheiratet, verließ 1933 Österreich und wurde Schwedens großer Name in der Welt-Baukunst. Im Wiener Jüdischen Museum eröffnete 2007 die schwedische Königin eine Frank-Ausstellung, in Berlin wurde Frank 2008 von den Nordischen Botschaften mit einer Personalausstellung geehrt - bereits mit einem Tisch und einem Sessel aus der Strohmayer-Stiftung.

Die Sanierung der Dachzone und Trockenlegung der Mauern drängt. Die Ausschreibungen für die Gewerke laufen, mit dem Denkmalamt wurden die Details abgestimmt. Die Fassaden erhalten ihr originales Weiß zurück, die Fensterrahmen ihr zartes Grau. Haustechnik auf neuestem Stand muss versteckt werden. Strohmayer, Jahrgang 1950, will sich, trotz seiner kleinen Sammlung, das Aufhängen von Bildern an der Wand versagen. Sie sollen weiß bleiben. Die Frage, ob Architekturenthusiasten Einlass finden, überrascht ihn nicht. "Das machen wir schon jetzt. Es kamen Kunststudenten, es gab ein Architekturfest."

Man muss als Gast willkommen sein. So wie die Josef-Hoffmann-Verehrer im Jagdhaus Hochreith in Niederösterreich oder im Palais Stoclet in Brüssel, die beide noch immer von den Erben der Auftraggeber bewohnt sind. Josef-Frank-Pilger aus Schweden genießen bei der Strohmayer-Stiftung wohl Vortritt. Dietmar Steiner und sein Architekturzentrum Wien peilen inzwischen für ihre musealen Pläne das Semper-Depot hinter dem Theater an der Wien an.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2009-07-09 17:15:33
Letzte ─nderung am 2009-07-09 17:16:00


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