• vom 08.07.2009, 17:53 Uhr

Archiv


USA lieferten geflüchteten Immobilien-Jongleur aus - Österreichs Justiz urteilt unerwartet mild

Millionenbetrüger geht frei




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Werner Grotte

  • Geständnis am vierten Prozesstag.
  • Er kommandierte Firmengeflecht, das Kunden betrog.
  • Kritik an Banken wegen zu sorgloser Kreditvergabe.
  • Wien. Mit zwei Knalleffekten endete Tag vier im "Sagro"-Prozess am Landesgericht Josefstadt: Zuerst lieferte Angeklagter Ernest Strulovics, der bisher eisern zur Anklage des schweren Betruges geschwiegen hatte, ein umfassendes Geständnis. Ja, er sei Kopf jenes Firmen-Netzwerkes gewesen, das mindestens 43 Opfer um mindestens drei Millionen Euro betrogen hat. Dies stimmte den Schöffensenat unerwartet gnädig: Trotz einschlägiger Vorstrafe bekam der 61-Jährige eine bedingte Haftstrafe und ging nach dem Prozess frei - rechtskräftig. Der Strafrahmen wäre bis zu zehn Jahren gegangen.

Ernest Strulovics vor Gericht: Er und seine Mittäter sind in Freiheit. Foto: wienpost

Ernest Strulovics vor Gericht: Er und seine Mittäter sind in Freiheit. Foto: wienpost

Ernest Strulovics vor Gericht: Er und seine Mittäter sind in Freiheit. Foto: wienpost

Ernest Strulovics vor Gericht: Er und seine Mittäter sind in Freiheit. Foto: wienpost Ernest Strulovics vor Gericht: Er und seine Mittäter sind in Freiheit. Foto: wienpost

Wie Richter Christian Böhm kryptisch feststellte, "hat diese Geschichte sehr viele Facetten". Da waren zunächst Firmen wie Sagro, Lexington, Levy, Avraham, Klappholz, SKS und viele mehr; allesamt im Immobiliengeschäft tätig und vielfach im Dunstkreis der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) angesiedelt. Vertreter orthodoxer Juden - teils sogar aus den USA angereist - verfolgten denn auch jede Phase des Verfahrens aufmerksam.

Werbung

Die Geschäfte genannter Firmen hatten eine Gemeinsamkeit: Wohnungssuchenden, meist schlecht (Amts-)Deutsch sprechenden Ausländern, wurden Wohnungen verkauft, die es entweder gar nicht gab, die nie ins Grundbuch eingetragen wurden oder die sich als desolat entpuppten.

Möglich machten den Betrug ein beteiligter Rechtsanwalt und ein Notar, die alle nötigen administrativen Schritte gegenüber Kunden und Banken abwickelten - bis hin zu gefälschten Einkommensbestätigungen. Die Banken überwiesen die Wohnungs-Kredite auf ein Treuhandkonto, von dem sie Strulovics-Mitarbeiter behoben und umleiteten.

Aufgrund von Anzeigen Geschädigter nahm die Polizei 1998 den Anwalt, den Notar und einige Firmengeschäftsführer fest. Im folgenden Betrugsprozess redeten sich alle auf Strulovics aus, der angeblich im Hintergrund die Fäden zog. Der aber war auf rätselhafte Weise untergetaucht. Das Gericht glaubte den Beteuerungen und sprach alle Verdächtigen frei.

Doppelt geschädigt

Die Geschädigten schauten doppelt durch die Finger: Sie hatten keine oder desolate Wohnungen - und Bankschulden, die die Geldinstitute teils sogar mit Klagen von den Opfern einzubringen versuchten. "Das sind die wahren Verbrecher, die haben genau gewusst, was da läuft, aber einfach weggeschaut und weiter Zinsen kassiert", formulierte es ein Zeuge, der durch geschilderte Praktiken 2,5 Millionen Schilling (rund 182.500 Euro) verlor. Ähnlich sah das Richter Böhm, der aber bedauerte, diesen Aspekt nicht beleuchten zu können.

Dennoch: Strulovics-Verteidiger Manfred Ainedter wies alle Anträge Geschädigter auf Anerkennung ab - das Gericht schloss sich an und verwies die Opfer auf den (chancenlosen) Zivilrechtsweg: Laut Strulovics ist das Geld nämlich längst verschwunden. Die Urteilsverkündung - 30 Monate Haft, davon 20 bedingt, der Rest durch Untersuchungs- und Überstellungshaft bereits getilgt - überrascht selbst hartgesottene Gerichtskiebitze.

In seiner Begründung führte Richter Böhm neben dem Geständnis "die lange Unbescholtenheit des Angeklagten in den letzten zehn Jahren" an. Dass dieser wegen Steuerhinterziehung mit Scheinfirmen bereits einmal zu zehn Millionen Schilling Strafe verurteilt worden war, schien weniger wichtig. Gerüchte über Interventionen des IKG wies die Staatsanwaltschaft Wien zurück - das Urteil nahm sie aber an.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2015
Dokument erstellt am 2009-07-08 17:53:06
Letzte Änderung am 2009-07-08 17:53:00


Werbung




Werbung