• vom 02.07.2009, 15:55 Uhr

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Update: 02.07.2009, 17:21 Uhr

Kontroverse in Deutschland: Hat man wirklich die Gebeine des Apostels Paulus gefunden?

Starke Indizien, kein Beweis




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  • Archäologin Carola Jäggi findet den Fund nicht sensationell.
  • Historiker Michael Hesemann hält es für wahrscheinlich, dass Reliquien vorliegen.
  • Rom/Wien. (kath.net/dpa/ski)Werden sich die Knochenfunde im Paulusgrab in Rom je wissenschaftlich eindeutig dem Apostel zuordnen lassen? Die deutsche Archäologin Carola Jäggi hegt Zweifel: "Wir haben von Paulus keine DNA, wir haben nichts, was wir vergleichen können", sagte die Lehrstuhlinhaberin für Christliche Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Erlangen der "Nürnberger Zeitung" (30. Juni). Dass der Fund als Sensation bezeichnet wird, kann sie nicht nachvollziehen. "Denn dass in einem Sarg Knochen liegen, gehört sich für ein Grab."

Älteste erhaltene Paulus-Ikone, Santa Tecla, Rom. Foto: epa

Älteste erhaltene Paulus-Ikone, Santa Tecla, Rom. Foto: epa Älteste erhaltene Paulus-Ikone, Santa Tecla, Rom. Foto: epa

Auch wenn bewiesen werden konnte, dass es sich um Männerknochen aus dem ersten oder zweiten nachchristlichen Jahrhundert handle, könnten es die Gebeine irgendeines Mannes aus jener Zeit sein. Der deutsche Historiker Michael Hesemann, Autor des Bestsellers "Paulus von Tarsus. Archäologen auf den Spuren des Völkerapostels" (Sankt Ulrich Verlag), sieht den Fall anders. "Dass Paulus in Rom das Martyrium erlitt ist seit Ende des 1. Jahrhunderts bezeugt, von seinem Grab an der Via Ostiense berichten Quellen aus dem 2. Jahrhundert", kommentierte er gegenüber Kath.Net die Meldungen aus Rom. "Tatsächlich war die römische Tradition so eindeutig, dass Kaiser Konstantin der Große einen römischen Friedhof überbauen ließ, als er für Paulus eine Memorialbasilika stiftete. Das wurde von den Römern als schwere Störung der Totenruhe, als Sakrileg verstanden. Er muss also sehr gewichtige Gründe gehabt haben, um diesen Platz zu wählen. Es ist absurd, zu glauben, er hätte diesen Aufwand über dem Grab eines anonymen Sklaven oder aufgrund irgendeiner frommen Spekulation betrieben."

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Kein Widerspruch zum Wissen über Paulus

Auch wenn es unmöglich sei, die Echtheit der Paulus-Gebeine durch eine DNA-Probe zu beweisen, sieht Hesemann doch eine Reihe von Kriterien, die für eine zukünftige Untersuchung der Knochen relevant wären. Man wisse durch die Radiokarbon-Datierung schon jetzt, "dass der Tote im 1. Jahrhundert lebte, was zumindest nicht gegen eine Identifikation mit Paulus spricht. Er muss natürlich ein Mann gewesen sein, der im Alter von 55-59 Jahren eines unnatürlichen Todes starb - Paulus wurde geköpft. Aus seinen Selbstbeschreibungen, aus der frühchristlichen Ikonografie und aus den Apostelromanen des 2. Jahrhunderts wissen wir, dass Paulus klein und schmal war, also von feinem Knochenbau. Er hat nie schwere körperliche Arbeit gekannt, zum Broterwerb war er als Zeltmacher tätig, übte also ein leichtes Handwerk aus. Er berichtet von häufigen Krankheiten, wahrscheinlich litt er unter einer Form der Malaria. Für die forensische Anthropologie liegt damit ein ziemlich klares Profil vor."

Auch eine DNA-Untersuchung könnte weitere Indizien liefern, glaubt der Historiker: "Paulus hinterließ zwar keine Nachkommen, aber wir wissen, dass er ein Jude aus dem Stamme Benjamin war - entfernte Verwandte könnte es also durchaus geben." Hesemanns Resümee: "Wenn diese Kriterien erfüllt sind, kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gesagt werden, dass es Paulus war. Ist auch nur eine dieser Bedingungen nicht erfüllt, sind Zweifel angebracht. Bislang aber bin ich zuversichtlich."

"Reliquien-Kult ist kein Auslaufmodell"

Der Kult um Heilige, Gebeine und Reliquien bleibt nach Experten-Einschätzung unter katholischen Gläubigen auch in der modernen Welt weiter lebendig. "Der Reliquien-Kult ist kein Auslaufmodell", sagte der Heiligen-Forscher Manfred Becker-Huberti. "In dieser Weite und Breite gibt es das nur unter Katholiken", betonte der Theologe. "Bis heute hat in der ganzen Welt jeder Altar in einer katholischen Kirche seine Reliquie." Die Verehrung von Gebeinen sei ungeheuer alt, erklärte Becker-Huberti. "Sie besteht nicht mehr in dem Maße wie vor allem im Mittelalter, aber es gibt auch heute noch eine große Ehrfurcht." Das gelte auch für junge Gläubige.

"Die Ehrfurcht vor Heiligen und ihren Gebeinen bleibt", glaubt der Professor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar - und begründet: "Für die Gläubigen bedeuten Reliquien die Verbindung zwischen dem jetzt Lebenden und dem Zeugen des Glaubens aus der Vergangenheit."



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2009-07-02 15:55:00
Letzte Änderung am 2009-07-02 17:21:00


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