Die Reise, ein Ritual

Die kirchlichen Feiertage, zur spirituellen Erbauung und religiösen Betätigung der Gläubigen eingeführt, wurden in den Industriegesellschaften zu Reise- und Urlaubsterminen. Deswegen erwachte das Anthropologeninteresse - und Dean MacCannell und Nelson Graburn betrachten das Reisen als Ritual. Vor dem Aufbruch versorgt man seine Blumen und Haustiere, schließt zusätzliche Versicherungen ab, lässt sich gegen alles Unwägbare impfen, verfasst Testamente - die Reisevorbereitung als Ritual der Loslösung.
Urlaubsreisen sind kalendarische Riten. Der Tourismusindustrie, die sich in anderen Belangen sehr effizient erweist, ist es bisher nicht gelungen, die Reiseströme zu entzerren. Überall auf der Welt ist um Weihnachten Hochsaison, doch ab 10. Jänner stehen die Betten leer, auch dort, wo Weihnachten gar nicht gefeiert wird, wie etwa in islamischen Ländern.
Die Schulferien im Februar, in den siebziger Jahren als Energiesparwoche eingeführt, wurden zu einer Urlaubswoche, in der keineswegs Energie gespart wird. In den Mittelmeeranrainerstaaten (wo schon Frühling ist und die Bäume blühen) trifft man eine Unzahl österreichischer Reisegruppen und viele Lehrer, denn die haben auf jeden Fall frei. Aber der Frühling ist bisweilen auch feucht und kalt und stürmisch; je wärmer die Länder, umso unzureichender die Heizungen, und so mancher bringt von seiner Februarreise statt Erholung einen Schnupfen mit nach Hause.
Die Osterwoche wiederum begann ihre Karriere als Reisezeit mit der Pilgerfahrt nach Rom oder Jerusalem. Aber die politischen Zustände in beiden Destinationen mögen einem eine Reise dorthin derzeit eher verleiden. Im Übrigen wurde aus der Pilgerreise inzwischen die Studienreise - und da bieten sich doch viele andere Ziele an, von China bis Feuerland.
Ende Oktober, Anfang November, vom Nationalfeiertag bis Allerseelen, eröffnet sich ein weiterer spezifisch österreichischer Studienreisentermin. Und wenn sich die restlichen Feiertage arbeitnehmerfreundlich auf die Wochentage verteilen, reichen wenige Urlaubstage für eine ganze Urlaubswoche. So gesehen, ist 2009 allerdings unternehmerfreundlich.
Säkularisierte Pilger
David Lodge, Literaturwissenschafter, Erfinder des angelsächsischen Campus-Romans und ein Meister feinen britischen Humors, der die Wissenschaft belletristisch zu beleuchten und dabei durchaus zu erhellen pflegt, schuf als Romannebenfigur einen Tourismusforscher names Roger Sheldrake, über den seine Kollegen der alten Schule die Nase rümpfen. Aber vom Reisebüroverband wird dieser Sheldrake eingeladen, zu Studienzwecken an einer Gruppenreise nach Hawaii teilzunehmen. Er vertritt die These, Sightseeing sei ein Ersatz für religiöse Handlungen, er betrachtet die Besichtigungsreise als säkulare Pilgerfahrt, Souvenirs als Reliquien oder Devotionalien, Reiseführer als Andachtshilfen (Gebetsbücher). Tourismus sei, behauptet er, die neue Weltreligion, Katholiken, Buddhisten, Atheisten, sie alle eine der Glaube, dass man unbedingt den Parthenon gesehen haben müsse oder die Sixtinische Kapelle.
Was Marx dem Kapitalismus antat und Freud dem Familienleben, das macht Sheldrake mit dem Tourismus: er dekonstruiert ihn. Seiner Meinung nach haben die Leute gar keine Lust auf Urlaub zu fahren, genauso wenig wie sie Lust haben, in die Kirche zu gehen. (Seine) Umfragen hätten ergeben, dass Urlaub eine ziemlich stressige Angelegenheit ist. Es sei kein Zufall, dass der Aufstieg des Tourismus ausgerechnet zu dem Zeitpunkt einsetzte, als der Niedergang der Religion begann: Tourismus ist das neue Opium für das Volk. Mit seinen Forschungen bezwecke er die Rettung der Welt, denn der Tourismus mache den Planeten kaputt. So heißt es in den "Neuesten Paradies Nachrichten" des David Lodge, die wahrlich eine Rarität sind - denn Anthropologie kommt in der Belletristik selten vor.
Gefühl statt Bildung
Was im 17. Jahrhundert als Grand Tour junger (männlicher) Adeliger zur Vervollkommnung der Erziehung beitragen sollte, gilt heute als Frühform des (Bildungs-)Tourismus und lebt, wenngleich eher sinnentleert, in der Maturareise fort. Als Übergangsritual, als Initiation markiert diese nach abgeschlossener Ausbildung das Verlassen der Kindheit, den Einritt ins Erwachsenenleben. Zwar diente sie immer auch dem Amusement, aber die zur Initia- tion gehörende Mutprobe besteht inzwischen anscheinend darin, eine Woche Dauersaufen zu überleben.
In der Aufklärung wurde das Ideal der Bildungsreise vom Bürgertum übernommen, und nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich das Genre der Studienreise heraus. Aber auch die hat sich seit ihren Anfängen tüchtig gewandelt. Während in den sechziger und siebziger Jahren Professoren, Witwen und ältliche Fräuleins dafür berüchtigt waren, an Hand ihrer Reiseführer alles besser zu wissen und noch die kleinste Sehenswürdigkeit, die der Baedeker mit einem Stern veredelt, unbedingt besichtigen zu wollen, genügt vielen Teilnehmern an organisierten Studienreisen heute das dünne Büchlein, das - im Reisepreis inbegriffen - vom Veranstalter verteilt wird.