Berlin. (rs) Die letzte Gewissheit fehlt und nach all den falschen Verdächtigungen rund um die spanische Gurken mag man es wohl auch noch nicht ganz glauben. Doch die deutschen Behörden und das Robert-Koch-Institut (RKI) sind sich ziemlich sicher, die Quelle der lebensgefährlichen EHEC-Infektionen diesmal wirklich gefunden zu haben.
Mit großer Wahrscheinlichkeit seien die seit der vergangenen Woche verdächtigten Sprossen verantwortlich für den Ausbruch der Epidemie, sagte RKI-Präsident Reinhard Burger, als er am Freitag in Berlin die jüngsten Untersuchungsergebnisse seiner Experten vorstellte.
Die Verzehrwarnung vor rohen Tomaten, Gurken und Salaten wurde dementsprechend aufgehoben. Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, riet sogar ausdrücklich dazu, diese wieder zu essen, "weil es gesunde Lebensmittel sind." Die so demonstrativ zur Schau gestellte Sicherheit bei der Identifizierung der EHEC-Träger ruhte allerdings nicht auf Laborergebnissen. Bis Freitagvormittag konnte nämlich noch bei keiner einzigen Probe, die direkt im verdächtigten niedersächsischen Sprossenhof gezogen wurde, eine Kontamination mit dem gefährlichen Darmkeim nachgewiesen werden.
Rezepte und Fotos
Ihre Gewissheit zogen die Behörden vielmehr aus einem neuen statistischen Verfahren. Bei der sogenannten rezeptbasierten Restaurant-Kohortenstudie wurden 112 Menschen zu den von ihnen verzehrten Speisen befragt. Zugleich untersuchten die Experten Rezepte, Bestelllisten und Abrechnungen, um herauszufinden, wie welches Menü zubereitet wurde. Auch Fotos der Speisen und Gespräche mit dem Küchenpersonal wurden dabei einbezogen.
Diese Informationen wurden dann in einem Kohortenansatz ausgewertet, der es ermöglicht, rückblickend das Erkrankungsrisiko für die Restaurantkunden zu berechnen. Dabei lag die Wahrscheinlichkeit einer EHEC-Infektion nach Sprossenverzehr etwa 8,6-mal höher als bei Verzicht.
Möglicherweise wird man sich aber schon bald nicht mehr nur mit dieser theoretischen Gewissheit begnügen müssen. Bereits wenige Stunden, nachdem Burger seine Untersuchungsergebnisse präsentiert hatte, konnten Lebensmittelkontrolleure in Nordrhein-Westfalen erstmals den aggressiven EHEC-Typ O104 auf Sprossen nachweisen. Die Keimlinge, die in der Mülltonne einer an EHEC erkrankten Familie gefunden wurde, stammen eindeutig von dem unter Verdacht stehenden Biobetrieb in Bienenbüttel. Allerdings war die Packung geöffnet und befand sich bereits seit längerer Zeit in der Mülltonne. Damit kann nicht vollkommen zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass die Sprossen durch anderen Müll kontaminiert wurden oder dass die Erreger vom Menschen übertragen wurden. Für den Verbraucherschutz-Minister von Nordrhein-Westfalen gibt es dennoch kaum Zweifel. "Es wird damit immer wahrscheinlicher, dass Sprossen die Ursache der EHEC-Erkrankungen sind", sagte Johannes Remmel.
Übertragung unklar
EHEC-Entwarnung wollen die deutschen Behörden aber auch weiterhin noch nicht geben. Die Zahl der Neuerkrankungen ist zwar deutlich rückläufig, aber noch immer stecken sich Menschen mit dem Darmkeim an. Und noch immer ist völlig unklar, wie die Erreger bei der Produktion auf die Sprossen gekommen sein könnten. Für den deutschen Gesundheitsminister Daniel Bahr ist aber dennoch schon viel gewonnen. Für die Bürger sei jetzt viel klarer, wie sie sich schützen könnten.