• vom 13.06.2011, 18:14 Uhr

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Update: 18.06.2011, 21:02 Uhr

Ausstellung

Heimat, der verlassene Ort




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Von Christof Habres

  • Die Ausstellung "Farewell to Longing" im Kunstraum Niederösterreich

Heimat. Wieder einmal. An und für sich ein Begriff, manchmal auch eine Idee, der/die in deutschsprachigen Landen fast schon bis zum Abwinken diskutiert, analysiert, ausgestellt und in der Politik meist missbräuchlich verwendet wurde und wird. Es gibt auch kaum eine adäquate Übersetzung dieses Worts in eine andere Sprache.

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Mit diesen Konnotationen, die da mitschwingen, der Sehnsucht, der Nostalgie und Schwermut. Bis hin zu den rückwärtsgewandten Interpretationen einer Blut-und-Boden-Ideologie. Der Begriff Heimat, dessen künstlerische Hinterfragung und einer eventuellen Neudefinition hängt an deutschsprachigen Kulturschaffenden und Kuratoren wie der berühmte Klotz am Bein. Daran sollte sich anscheinend jeder, der ernst genommen werden will, zumindest einmal abgearbeitet haben. Auf jeden Fall kann dieser Eindruck entstehen, wenn man die Ausstellungen und Werkblöcke von Künstlern der letzten Jahre, ja Jahrzehnte Revue passieren lässt.

Junge Positionen

Im Kunstraum Niederösterreich hat sich nun die Kuratorin Claudia Marion Stemberger an diese umfangreiche, vielschichtige Thematik gewagt und zeigt in der Ausstellung "Farewell to Longing" Arbeiten von zwölf internationalen Künstlern. Die sich aus verschiedensten Richtungen diesem verqueren Begriff nähern. Bei der Zusammenstellung der Künstler fällt positiv auf, dass es Stemberger gelungen ist, meist sehr junge Positionen zu präsentieren.

Werden mit diesem Altersdurchschnitt auch neue Ideen, Reflexionen und Konzepte zu diesem Begriff zugänglich gemacht? Zu einem überwiegenden Teil ja. Wobei vor allem die individuellen Antwortansätze zu den Fragen "Was ist Heimat?" und "Wo ist Heimat?" den Reiz der Ausstellung ausmachen.

Wie in der Arbeit der Künstlerin Conny Habbel, die in der bemerkenswerten Fotoserie "Home is the place you left" versucht,

in verschiedenen Räumen und

Nischen mit persönlichen Posi-

tionierungen in ihrem Eltern-haus, das in ihrer Kindheit Heimat gewesen ist, ebendiese zu

finden. Woran sie schmerzlich scheitert.

Kann Heimat auch in einem selbst sein? Ein verinnerlichtes Gefühl? Ein Versunkensein? Wie es die Schweizer Künstlerin Zilla Leutenegger in ihrem Video "passato remoto" zeigt: Der Schatten einer schaukelnden Figur an eine kahle Bretterwand projiziert, im Endlos-Loop mit knarrenden Geräuschen, die Figur so auf sich selbst konzentriert, als habe sie ihre Heimat gefunden.

Manchmal wird Menschen eine Heimat von staatlichen Stellen verordnet. Wie ein Beispiel aus Südafrika zeigt: In der fesselnden Video-Animation "Vestiges" der Künstlerin Safia Stodel kann man in einem Nachbau einer engen, stickigen Wellblechhütte miterleben, wie diese Bauten, die armen Familien von Beamten zugeteilt und zu einer Art Heimat wurden, aufgrund von Straßenneubauten infolge der letztjährigen Fußballweltmeisterschaft einfach geschliffen wurden und die Familien wieder heimatlos machten.

Ein Vogel fern der Heimat

Fern der Heimat ist auch die südafrikanische Vogelart, die der Künstler James Webb in der Soundinstallation "There is no place called home" hinter dem Kunstraum in einem Baum bei der Minoritenkirche zwitschern lässt. Ob es vorbeigehenden Passanten auffällt, dass diese Vogelart nicht bei uns heimisch ist? Ein Vogel als heimatloser Asylant hinter dem Innenministerium? Auf jeden Fall hat der Pfarrer der Minoritenkirche dieser Soundinstallation für die Dauer der Ausstellung so etwas wie Kirchenasyl gewährt.

Eine Ausstellung, die in ihrer Zusammenstellung für den Betrachter mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Was bei dem Begriffsungetüm "Heimat" nur positiv sein kann.

Ausstellung

Farewell to Longing

Claudia Marion Stemberger

(Kuratorin)

Kunstraum Niederösterreich

(www.kunstraum.net)

Zu sehen bis 23. Juli 2011




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-06-13 18:14:00
Letzte Änderung am 2011-06-18 21:02:11



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