• vom 04.04.2008, 13:22 Uhr

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Update: 04.04.2008, 13:59 Uhr

Musik

Klangschön oder inhaltsleer?








Von Edwin Baumgartner

  • Der Dirigent Herbert von Karajan, der vor 100 Jahren geboren wurde, hat niemanden kalt gelassen - Analyse einer langen Auseinandersetzung.
  • Herbert von Karajan polarisiert. Bis heute. Wer behauptet, bei Karajan objektiv zu sein, sagt zumindest die Unwahrheit.

Herbert von Karajan hatte zwar als Dirigent eine perfekte Schlagtechnik, pflegte aber einen Stil, der seinen Kritikern als zu geglättet erschien. Foto: Siegfried Lauterwasser

Herbert von Karajan hatte zwar als Dirigent eine perfekte Schlagtechnik, pflegte aber einen Stil, der seinen Kritikern als zu geglättet erschien. Foto: Siegfried Lauterwasser

Herbert von Karajan hatte zwar als Dirigent eine perfekte Schlagtechnik, pflegte aber einen Stil, der seinen Kritikern als zu geglättet erschien. Foto: Siegfried Lauterwasser

Herbert von Karajan hatte zwar als Dirigent eine perfekte Schlagtechnik, pflegte aber einen Stil, der seinen Kritikern als zu geglättet erschien. Foto: Siegfried Lauterwasser Herbert von Karajan hatte zwar als Dirigent eine perfekte Schlagtechnik, pflegte aber einen Stil, der seinen Kritikern als zu geglättet erschien. Foto: Siegfried Lauterwasser

Karajan wird bis heute abgöttisch verehrt oder kategorisch abgelehnt. Dabei werden Verehrer wie Gegner zu Opfern von Karajans Charisma. Seine Selbstinszenierung als Hohepriester eines schönheitsschwangeren Musikkults zählt für beide Seiten mehr als seine Klang-Ergebnisse.



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Eine schnelle Karriere
Geboren wurde Herbert von Karajan am 5. April 1908 in Salzburg als Sohn eines Arztes, zu dessen Vorfahren Griechen gehörten, die im Dienst sächsischer Könige gestanden und geadelt worden waren. Herbert von Karajan erwies sich als Wunderkind am Klavier, studierte aber nach der Matura, neben Musikwissenschaft, auch noch drei Semester Maschinenbau, ehe er sich endgültig einer Ausbildung als Dirigent zuwandte, die er in Wien bei Alexander Wunderer und Franz Schalk erhielt.

Am 22. Jänner 1929 debütierte Karajan mit dem Mozarteum-Orchester in Salzburg und wurde daraufhin zu einem Probedirigat ins Stadttheater Ulm eingeladen. 1930 wurde er Erster Kapellmeister am Ulmer Stadttheater und beim Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm. 1935 wurde Karajan in Aachen der jüngste Generalmusikdirektor (GMD) Deutschlands.

Und hier beginnen die Auseinandersetzungen um die Person Karajan. Zweifellos gehört er zu den interessantesten jungen Dirigenten dieser Zeit. Ebenso zweifellos macht er seine Karriere aber im Umfeld der NSDAP. Bereits am 8. April 1933 tritt Herbert von Karajan in Salzburg der Hitler-Partei bei, seine Mitgliedsnummer: 1 607 525. Im März 1935 tritt er in Aachen der Hitler-Partei nochmals bei, seine Mitgliedsnummer: 3 430 914. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland entdeckt die NSDAP-Zentrale in München die doppelte Mitgliedschaft und datiert nun den zweiten Parteibeitritt auf den 1. Mai 1933 zurück. Michael H. Kater schreibt in seinem Buch "Die missbrauchte Muse" von einem weiteren Parteibetritt Karajans in Ulm. Wenn das stimmt, wäre der Dirigent der Hitler-Partei sogar dreimal beigetreten.

Karajan-Befürworter versuchen, diese Parteibeitritte durch Zwänge wegzudiskutieren, denen ein junger Künstler am Beginn seiner Karriere nicht ausweichen konnte. Dabei übersehen viele, dass es sich vielleicht doch weniger um Zwänge als um die Versuchung handelte, um jeden Preis Karriere zu machen. Karajan selbst gab übrigens stets nur seinen Aachener Parteibeitritt zu. An seiner flapsigen, von keiner Distanzierung berührten Begründung, für die Aachener GMD-Stelle hätte er auch einen Mord begangen, stoßen sich freilich nur Karajan-Gegner.



Rivalitäten
Sie sehen auch Karajans Aufstieg im Dritten Reich als lupenreine Partei-Karriere. Zwar trug er kein Parteiabzeichen, war aber - allerdings weitgehend ohne eigenes Zutun - ein Nutznießer der in Berlin ausgetragenen Rivalität zwischen Joseph Goebbels, dem die Reichsmusikkammer unterstand, und dem kulturinteressierten Luftwaffen-Oberbefehlshaber Hermann Göring. Goebbels und Göring trugen ihren Konflikt auf der von der Staatsoper unter den Linden auf der einen, und den Berliner Philharmonikern auf der anderen Seite begrenzten Berliner Kultur-Spielwiese aus.

In beiden Institutionen herrschte Wilhelm Furtwängler, der Favorit von Goebbels. Göring gelang es, über seinen Vertrauten Heinz Tietjen, seines Zeichens Leiter der Lindenoper, Karajan ein Engagement an der Staatsoper zu verschaffen, mit dem Ziel, den jungen, dynamischen Dirigenten näher an das Imperium des alternden Furtwängler heranzuführen.

An der Berliner Staatsoper debütiert Karajan 1938 mit Ludwig van Beethovens "Fidelio", und nach Richard Wagners "Tristan und Isolde" jubelt die gleichgeschaltete "Berliner Zeitung" vom "Wunder Karajan" . Zu Problemen kommt es dann bei Wagners "Meistersingern von Nürnberg": Karajan dirigiert auswendig. Rudolf Bockelmann singt den Hans Sachs - und schmeißt einen Einsatz, was auch für den in der Führerloge sitzenden Adolf Hitler hörbar ist. Dem erbosten Führer wird mitgeteilt, der Fehler sei ein Resultat von Karajans Auswendig-Dirigieren. Damit sinkt Karajans Stern bei Hitler. Die erhoffte GMD-Stelle in Dresden bekommt Karl Elmendorff, und die Berliner Philharmoniker bleiben fest in der Hand Furtwänglers, der aus seiner Aversion gegen den selbstsicheren Newcomer kein Hehl macht. Immerhin wird Karajan zum Staatskapellmeister der Staatskapelle Berlin ernannt.



Konflikte und Krisen
Einen weiteren Dämpfer bekommt Karajans Ansehen bei den Nationalsozialisten, als er 1942 die Textilerbin Anita Gütermann zu seiner zweiten Frau nimmt. Anita Gütermann hat einen jüdischen Großvater und gilt somit nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 als "Mischling zweiten Grades". Dass es deshalb jedoch zu einem tiefgreifenden Konflikt zwischen der Parteiführung und Karajan gekommen wäre, oder er sogar aus der Partei ausgetreten sei, wie es seine Verehrer behaupten, ist unwahrscheinlich. In Karajans Partei-Papieren findet sich nichts, was auf einen solch lebensgefährlichen Schritt hindeuten würde.

Karajan ist in dieser ganzen Zeit weder Antisemit noch glühender Nationalsozialist. Er ist Karrierist. Er nützt geschickt jede Möglichkeit.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2008-04-04 13:22:34
Letzte Änderung am 2008-04-04 13:59:00



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