• vom 14.03.2008, 16:52 Uhr

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Update: 13.06.2008, 11:19 Uhr

Sachbuch

Küng, Hans: Umstrittene Wahrheit




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Von Heiner Boberski

  • Stachel im vatikanischen Fleisch
  • Der Schweizer Theologe Hans Küng wird 80 Jahre alt. Im vergangenen Herbst hat er den aufschlussreichen zweiten Teil seiner Memoiren veröffentlicht.
  • "Nicht das Konzil hat die katholische Kirche in die Krise geführt, wie von Konservativen behauptet, sondern der Verrat am Konzil. Die berechtigten Hoffnungen und Erwartungen des allergrößten Teils des katholischen Kirchenvolkes wurden nicht erfüllt." Mit dieser Ansicht in seinem Memoirenband "Umstrittene Wahrheit" steht Hans Küng nicht allein.

Hans Küng heute: "Ich hätte meine Seele verkauft . . ." Foto: epa

Hans Küng heute: "Ich hätte meine Seele verkauft . . ." Foto: epa Hans Küng heute: "Ich hätte meine Seele verkauft . . ." Foto: epa

Aber kaum ein anderer Katholik hat sich so couragiert und konsequent mit der Kirchenspitze angelegt wie dieser Schweizer Theologe, der am 19. März sein 80. Lebensjahr vollendet.

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Das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) war nicht nur für Küng ein prägendes Ereignis, sondern auch für Joseph Ratzinger, den heutigen Papst Benedikt XVI., damals so wie Küng ein aufgehender Stern am Theologenhimmel. Beiden war damals die Reform der kirchlichen Strukturen ein Anliegen, beide erwarben als Universitätslehrer, Vortragende und Autoren höchstes Ansehen - doch nach einigen Jahren als Kollegen an der Universität Tübingen gingen sie getrennte Wege: Ratzinger stieg die kirchliche Karriereleiter bis zur Cathedra Petri hinauf, Küng hingegen fiel bei der Hierarchie immer mehr in Ungnade und verlor schließlich im Dezember 1979 die Berechtigung, als katholischer Theologe zu lehren.

"Erkämpfte Freiheit" hieß Hans Küngs erster Erinnerungsband über seine ersten vierzig Lebensjahre, der im Herbst 2007 erschienene Folgeband "Umstrittene Wahrheit" sollte ursprünglich bis in die Gegenwart führen. Doch Küng konnte schon mit seinen Erinnerungen an die Jahre 1968 bis 1980 mit Leichtigkeit 700 Seiten füllen. Deshalb muss er am Ende seine an seinem weiteren - vom Bemühen um interreligiösen Dialog und das "Projekt Weltethos" gekennzeichneten - Leben interessierte Leserschaft auf ein weiteres Opus vertrösten.

Mit der ihm eigenen Ironie bemerkt Küng, dass Joseph Ratzinger seine 1998 publizierte Autobiographie ("Aus meinem Leben") schon im Jahr 1977, als er von seiner Regensburger Lehrkanzel auf den erzbischöflichen Stuhl von München-Freising berufen wurde, enden ließ und schrieb "Was könnte ich mehr und Genaueres über meine bischöflichen Jahre sagen?" Küngs Kommentar dazu: "Oh, was er doch alles erzählen könnte - was aber hindert ihn?"

Küng ließ sich niemals daran hindern, insbesondere die heißen Eisen der katholischen Glaubens- und Sittenlehre zu thematisieren. Dass er dabei einerseits unpopuläre und nicht immer einsichtig aus der Bibel ableitbare Positionen des römischen Lehramtes kritisch hinterfragte und andererseits dank einer unverblümten, im besten Sinne "journalistischen" Sprache eine für einen Theologen erstaunliche Breitenwirkung entfaltete, war dem Vatikan zunehmend ein Dorn im Auge. Gerade in den von Küng detailliert beschriebenen siebziger Jahren spitzte sich der Konflikt zu, ehe er mit der Ausgliederung von Küngs Tübinger Lehrstuhl aus der Katholisch-Theologischen Fakultät im Frühjahr 1980 endete. Da war Joseph Ratzinger bereits Kardinal und Küngs theologischer Gegenspieler geworden.



"Dieselbe Wellenlänge"
Es ist kein Wunder, dass Küng in seinem Buch auf die Ähnlichkeiten und Unterschiede dieser beiden Lebensläufe eingeht. Beide stammten aus konservativ-katholischen Familien. Der Kaufmannssohn Küng wuchs nach eigener Aussage in einer weltlich-offenen Atmosphäre in der friedlichen Schweiz auf, während der ein Jahr ältere, im Knabenseminar erzogene Bayer Ratzinger, Sohn eines Gendarmen, der Hitler-Jugend beitreten und in den letzten Kriegsmonaten Militärdienst leisten musste. Beide studierten nach einer gründlichen humanistischen Gymnasialbildung zunächst Philosophie, dann Theologie. Die beiden begegneten einander erstmals 1957 bei einem Theologentreffen in Innsbruck und später auf dem Konzil in Rom, wo sie laut Küng "auf derselben Wellenlänge" gewesen seien.

Es war Küng, der 1966 den damals in Münster lehrenden Ratzinger als Kollegen an die Universität Tübingen holte. Die von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Zusammenarbeit endete 1969: Ratzinger zog sich, genervt vom Umbruchjahr 1968, in dem er als Dekan der Fakultät besonders unter den randalierenden Studenten und ihren Teach-Ins und Sit-Ins zu leiden hatte, ins friedlich-konservative Regensburg zurück. Küng schreibt darüber: "Wie tief bei Joseph Ratzinger, der später Feind aller kirchlichen Demokratisierungsbestrebungen und der Befreiungstheologie werden sollte, die psychische Verletzung in Tübingen gegangen ist, zeigen seine Memoiren." Küng zitiert daraus: "Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit unverhüllt gesehen, den Psycho-Terror, die Hemmungslosigkeit, mit der man jede moralische Überlegung als bürgerlichen Rest preisgeben konnte, wo es um das ideologische Ziel ging. Das alles ist an sich aufregend genug, aber zur unerbittlichen Herausforderung für den Theologen wird es dann, wenn die Ideologie namens des Glaubens vorgetragen und die Kirche als ihr Instrument benutzt wird."

Gegen den Vorwurf, Ratzinger habe als "Wendehals" kirchliche Karriere gemacht, nimmt Küng ihn (mit Bezug auf die Islam-Aussagen während des Papstbesuches in Bayern) ausdrücklich in Schutz. Er bescheinigt Ratzinger Kontinuität in den Positionen: "So wie der Professor 1969 nach Regensburg ging, so ist er als Papst 2006 dorthin zur Vorlesung zurückgekehrt." Mit jener spitzen Feder, der es, so Küng in der Einleitung seines Buches, manchmal bedürfe, stellt er "durchaus fair" fest, dass sich Ratzinger in all den Jahren nicht verändert habe: "Er ist schlicht stehengeblieben! Er wollte stehen bleiben - bei der lateinischen alten und mittelalterlichen Kirche und Theologie, wie er sie in seinen Studien durch Augustin und Bonaventura und auf der Leiter der hierarchischen Macht kennen- und liebengelernt hatte." Das bedeute: Während er, Küng, seine offene Theologie vom "Jesus der Geschichte" herleite, sei Ratzinger in seiner von der hellenistischen Philosophie und vom "Christus der Dogmatik" geprägten Theologie steckengeblieben und damit unfähig zum weiterführenden Dialog.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2008-03-14 16:52:25
Letzte Änderung am 2008-06-13 11:19:00


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