• vom 21.12.2007, 12:52 Uhr

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Update: 21.12.2007, 13:31 Uhr

Nahost

Bei den Kindern von Bethlehem




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Von Burkhard Redeski

  • Im einzigen Kinderkrankenhaus von Palästina
  • Die aktuelle Wirklichkeit in Jesus´ Geburtsstadt ist wenig frohlockend: Die Wirtschaft liegt am Boden, die Stimmung ist schlecht. Die Nöte der Kleinsten lindert ein aufopferndes Team im einzigen Kinderkrankenhaus von Palästina.

34.000 Kinder finden pro Jahr im einzigen Kinderkrankenhaus Palästinas ambulante und stationäre Hilfe.

34.000 Kinder finden pro Jahr im einzigen Kinderkrankenhaus Palästinas ambulante und stationäre Hilfe. 34.000 Kinder finden pro Jahr im einzigen Kinderkrankenhaus Palästinas ambulante und stationäre Hilfe.

Mit einem lauten Schrei ist Suad auf die Welt gekommen - fünf Wochen zu früh. Sie wiegt gerade einmal 1400 Gramm. Im Inkubator wird sie aufgepäppelt. Auf der benachbarten Station liegt Jamal. Der Einjährige kämpft um sein junges Leben, weil Magen und Darm nicht richtig ausgebildet sind. Um das zu korrigieren, muss er unbedingt rasch operiert werden. Neben ihm schläft Mahmud ruhig in seinem Bett. In den drei Monaten seit seiner Geburt hat er nur 500 Gramm an Gewicht zugenommen. Wegen einer Laktoseintoleranz nimmt er die Nährstoffe der Milch nicht richtig auf und ist unterversorgt.

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Suad, Jamal und Mahmud sind in Bethlehem geboren - wie Jesus vor mehr als 2000 Jahren. Das in zahlreichen Liedern besungene "Kind von Bethlehem" ist der Grund dafür, dass die Welt alljährlich zum Weihnachtsfest nach Bethlehem blickt. Für die meisten Menschen ist neben der romantischen Vorstellung von Krippe und Hirten auf dem Felde kaum noch Platz für die ganz anders geartete aktuelle Wirklichkeit. Das Leben von Suad, Jamal, Mahmud und vielen anderen Kindern ähnelt nur in einem Punkt den Geschehnissen vor 2000 Jahren: Sie sind genauso arm und schutzlos wie das Kind in der Krippe.

"Für Kinder, die heute in Bethlehem geboren werden, ist nichts von alldem selbstverständlich, was in Europa als normal gilt"

Importierte Weihnachtsstimmung: Mädchen aus Kasachstan tanzen zu Klängen von "Jingle Bells" vor der Geburtskirche. Fotos: Kinderhilfe Bethlehem

Importierte Weihnachtsstimmung: Mädchen aus Kasachstan tanzen zu Klängen von "Jingle Bells" vor der Geburtskirche. Fotos: Kinderhilfe Bethlehem Importierte Weihnachtsstimmung: Mädchen aus Kasachstan tanzen zu Klängen von "Jingle Bells" vor der Geburtskirche. Fotos: Kinderhilfe Bethlehem

, sagt Dr. Hiyam Awad Marzouqa von der "Kinderhilfe Bethlehem". Sie ist Chefärztin im Caritas Baby Hospital in Bethlehem. Dort werden Suad, Jamal, Mahmud behandelt, es ist das einzige Kinderkrankenhaus in Palästina. Dr. Awad Marzouqa kennt das Leben in Europa. Sie hat in Würzburg studiert und dort auch ihre Facharztausbildung abgeschlossen. "Wir möchten den Kindern von Bethlehem ein Stück Normalität und Unbe-schwertheit geben, um ihnen einen gerechten Start ins Leben zu ermöglichen. Aber das ist in Palästina zurzeit nicht leicht" , erklärt die Kinderärztin.



Nur scheinbare Ruhe
Von außen betrachtet, erstaunt diese Erklärung. Scheint es im Konflikt zwischen Israel und Palästina doch in den vergangenen Monaten eher ruhig gewesen zu sein. Medienberichte über Selbstmordattentäter oder Vergeltungsaktionen des israelischen Militärs sind selten geworden. Selbst der innerpalästinensische Konflikt scheint sich beruhigt zu haben. Die Hamas herrscht im Gaza-Streifen, während die Fatah das Westjordanland regiert und Gespräche mit Israel führt.

"Es spricht sich leicht über Frieden und Ruhe im Nahen Osten, wenn man sich nicht die Mühe macht, auf beiden Seiten der Mauer nachzuschauen, wie der Alltag aussieht" , sagt der Olivenholzschnitzer Robert Giacaman nüchtern. Direkt neben der Geburtskirche betreibt er zusammen mit seinen Brüdern eines der zentral gelegenen Geschäfte Bethlehems. Doch Umsatz macht er kaum noch. "Die Touristen und Pilger kommen zwar, aber sie betrachten uns bloß als Kulisse. Sie werden einmal durch unsere Kirche geführt und verschwinden genauso schnell, wie sie gekommen sind." Die meisten israelischen Reiseagenturen haben kein Interesse, dass ihre Gruppen länger außerhalb Israels verweilen. Gab es 1999 in Bethlehem noch 317.000 Hotelgäste, waren es 2006 gerade einmal 81.000. Giacaman lebt heute davon, dass Freunde seine Schnitzereien auf Weihnachtsmärkten in Europa und Amerika verkaufen.

Während Olivenholzsterne und Krippenfiguren als Botschafter Bethlehems exportiert werden, soll die Weihnachtsstimmung aus dem Ausland importiert werden. Ein Weihnachtsmarkt mit Ständen aus aller Welt versucht vor der Geburtskirche erfolglos, für die richtige Weihnachtsstimmung zu sorgen. Zu den Klängen von "Jingle Bells" tanzen und singen Mädchen aus Kasachstan. Die Händler am Platz und die Passanten tragen den skurril anmutenden Auftritt mit Fassung.

Bethlehem wirkt lethargisch. Auch Sozialarbeiterin Lina Rahel spürt eine große Müdigkeit bei den Menschen. Sie betreut die Familien der Patienten im Caritas Baby Hospital. "Die Mütter wirken oft wie gelähmt. Wir müssen sie fast wachrütteln, damit sie die Behandlung ihres Kindes mittragen und Eigeninitiative zeigen."

Die Aussage der Sozialarbeiterin stimmt nachdenklich, spielen Kinder in arabischen Gesellschaften doch eine Hauptrolle: Sie sind der Stolz der Familie und garantieren den Fortbestand des sozialen Sicherungsnetzes. Wenn diese traditionelle Vorstellung nun ins Wanken gerät, verrät dies viel über den Zustand der palästinensischen Gesellschaft, die in ihren Fundamenten erschüttert zu sein scheint. Der jüngste Bericht der Weltbank liefert Anhaltspunkte, wie es dazu kommen konnte: Palästinas Wirtschaft liegt am Boden. Pro Kopf haben die Palästinenser im vergangenen Jahr nicht mehr als 1100 Dollar erwirtschaftet. Das ist ein Drittel weniger als noch vor sieben Jahren, und gerade einmal ein Dreißigstel dessen, was die Volkswirtschaft in Österreich produziert. Kaum jemand in Palästina glaubt noch an eine Zukunft im eigenen Land.

Dreiviertel aller Unternehmen investieren kein Geld mehr in ihre Betriebe. Warum sollten sie auch? Rund 500 Kontrollstellen behindern den Güter- und Personenverkehr innerhalb der palästinensischen Gebiete. Hinzu kommen 520 "fliegende Checkpoints", die aber nicht ständig mit israelischen Soldaten besetzt sind. Auch der Handel mit anderen Ländern ist erschwert. Alle Güter müssen durch Israel auf den Weltmarkt gebracht werden.

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Dokument erstellt am 2007-12-21 12:52:32
Letzte Änderung am 2007-12-21 13:31:00



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