• vom 12.10.2007, 16:11 Uhr

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Update: 12.10.2007, 16:40 Uhr
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In der Sicht der offiziellen Vertreter Chinas ist in Tibet die Welt in Ordnung.

Herzprobleme für die Chinesen


Von Dieter Friedl

  • Der Besuch des Dalai Lama bei zwei europäischen Regierungschefs (Gusenbauer, Merkel) hat wie üblich zu Protesten der chinesischen Regierung geführt, die die Tibetfrage nach wie vor als rein innenpolitische Angelegenheit ansieht. Es wird dabei immer betont, dass in Tibet sowieso alles in Ordnung sei, die nach offizieller Diktion friedliche Befreiung Tibets im Jahre 1951 habe alles zum Besseren gewendet. Ein vor kurzem durchgeführter Lokalaugenschein macht deutlich, wie die offiziellen politischen Vertreter die Lage sehen und wie die Situation im Lande tatsächlich ist.

In Lhasas Hinterhof

Der Potala, der angestammte Sitz des Dalai Lama in Lhasa, wird heute mehr von Touristen als von Pilgern besucht, Foto: APA

Der Potala, der angestammte Sitz des Dalai Lama in Lhasa, wird heute mehr von Touristen als von Pilgern besucht, Foto: APA Der Potala, der angestammte Sitz des Dalai Lama in Lhasa, wird heute mehr von Touristen als von Pilgern besucht, Foto: APA

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Der erste Eindruck, den man von der Hauptstadt Lhasa bekommt, hat nichts mit unserer allgemeinen Vorstellung von Tibet zu tun. Es ist eine moderne Stadt, die nur von Chinesen bewohnt zu sein scheint. Alle Geschäfte sind in der Hand von Han-Chinesen - Grund dafür laut offizieller Aussage: "Die Tibeter sind eben kein Händlervolk." Wer sich mit der Geschichte Tibets befasst, weiß, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Erst wenn man in den Hinterhof von Lhasa vordringt, stößt man auf die tibetische Bevölkerung.

Und stößt auch auf die Grundsatzfrage: Ist es China gelungen, die tibetische Bevölkerungsmehrheit zu verdrängen? Nun, das offizielle statistische Tibet-Jahrbuch scheint klare Auskunft erteilen zu können - 2,5 Millionen Tibetern stehen nur 90.000 Han-Chinesen gegenüber (Zahlen aus dem Jahr 2004). Kenner der Szene brechen darüber allerdings in lautes Gelächter aus. Die kommunistische Regierung hat noch immer größte Mühe, Tibet nach ihren Wünschen demographisch umzugestalten. Fünfzig Jahre nach der "Befreiung" stellen die Tibeter in Tibet noch immer die Mehrheit; der Versuch Pekings, das Volk in seinem eigenen Land zur Minderheit zu machen, ist bemerkenswerterweise bis heute gescheitert. Das hat sicherlich vor allem mit den widrigen Lebensumständen und der Abgeschiedenheit des Landes zu tun. Spricht man mit Chinesen in Tibet, ist immer wieder zu hören, dass ein jahrelanger Aufenthalt in Tibet für Chinesen ungesund sei, sie leiden besonders unter Herzbeschwerden.

Da die offiziellen Zahlen falsch sind, muss man sich auf Schätzungen verlassen: die Zahl der eingewanderten Chinesen (denen die Zentralregierung großzügige Zuschüsse gewährt) dürfte längst die Millionengrenze überschritten haben. Dass die offiziellen Zahlen nicht stimmen, kann man auch aus folgenden Tatsachen ableiten: In der tibetischen Autonomieregierung sitzen acht Tibeter sieben Chinesen gegenüber; in Lhasa gibt es vier Tageszeitungen, die alle in chinesischer Sprache erscheinen, nur eine davon mit einer Beilage in tibetanischer Sprache. Übrigens, alle öffentlichen Schilder sind chinesisch beschriftet, wenn überhaupt, nur selten steht in weitaus kleinerer Schrift die tibetanische Übersetzung.

Interessant sind die Aussagen zur offiziellen Bevölkerungspolitik. In Tibet, so sagen die befragten Politiker, gelte das Modell 1/2/3. Han-Chinesen dürfen nur ein Kind haben, tibetanische Beamte deren zwei, das tibetische Volk so viele es will. Die Praxis dürfe freilich etwas anders ausschauen, denn nach Aussagen vieler Betroffener üben die Behörden Druck aus, um die Geburtenrate der Tibeter (durch Abtreibung oder Tötung Neugeborener) niedrig zu halten.

Was in Tibet auf den ersten Blick auffällt, ist die nach wie vor hohe Religiosität der Tibeter. Man hat ihnen zwar viele Klöster weggenommen (in den 60er Jahren wurden von den Roten Garden rund 6000 Klöster zerstört), derzeit sind noch 1700 vorhanden, die von insgesamt 43.000 Mönchen bewohnt werden. In Heerscharen frequentieren die Tibeter ihre Klöster, machen ihre Gebetsübungen, ziehen mit einem Bündel Banknoten in der Hand durch die heiligen Stätten und opfern bei jeder Reliquie eine Banknote. Das Land hat zwar viele religiöse Freiheiten zurückgewonnen, aber zu einem hohen Preis. Mönche und Nonnen, von den Behörden ständig verdächtigt, werden oft verhaftet und verprügelt. Trotzdem sind die Tibeter ein religiöses Volk geblieben und weigern sich bis heute, dem Dalai Lama, dem wichtigsten ihrer vielen geistlichen Führer, die Gefolgschaft aufzukündigen.



Der Panchen Lama
Das stößt der chinesischen Zentralregierung natürlich sauer auf. Es hat zwar in den Jahren 1977 und 1983 Überlegungen gegeben, den aus dem indischen Exil mit einigem Erfolg agitierenden Dalai Lama wieder ins Land zu holen, doch ohne Erfolg. Der geistliche Führer schickte damals Untersuchungsteams ins Land, um eine Bestandsaufnahme vorzunehmen. Das Ergebnis: 1,2 Millionen Tibeter getötet, tausende Klöster zerstört, 100.000 Tibeter in Arbeitslagern, große Gebiete völlig abgeholzt.

Die offizielle Diktion lautet: "Die Bevölkerung Tibets genießt umfassende Glaubensfreiheit, zur Zeit gibt es 1700 lamaistische Aktivitätsplätze." Vor Ort sind allerdings einige Besonderheiten festzustellen. Der riesige Potala, Sitz des Dalai Lama in Lhasa, wurde zwar restauriert, scheint aber zu einem einzigen touristischen Rummelplatz zu verkommen, für den bereits Platzkarten ausgegeben werden. Er beherbergt nur mehr 60 Mönche.

Ganz anders das Tashilumpo Kloster in Xigaze, das der Sitz des Panchen Lamas ist. Hier tummeln sich fast 900 Mönche. Das hat folgenden Grund: Der von China inthronisierte Panchen Lama (der "echte", vom Dalai Lama ernannte, ist bereits vor Jahren von China aus dem Verkehr gezogen worden) ist heute 17 Jahre alt und steht stark unter chinesischem Einfluss. Sein Sprecher lässt bei einem Interview kein gutes Haar am Dalai Lama. Alle Versuche, den Panchen Lama an Stelle des Dalai Lama zu inthronisieren, sind bisher gescheitert. Der jetzige Dalai Lama ist bereits 72 Jahre alt, erfreut sich allerdings bester Gesundheit. Mancherorts ist deshalb zu hören, dass man in Peking nun erst einmal auf den Tod des alten "lebenden Buddhas" warte. Erst nach seinem Tod darf man sich auf die Suche nach einem Kleinkind machen, das als neue Inkarnation der bisherigen Dalai Lamas aufgebaut werden kann, und das dauert erfahrungsgemäß etliche Jahre, wobei die Suche in Tibet selbst nicht leicht fallen dürfte. Der Dalai Lama hat allerdings bereits erklärt, dass sein Nachfolger auch außerhalb Tibets gefunden werden könnte. China hofft, dass dann vielleicht sein Panchen Lama zum Zug käme, der gemäß den tibetischen Religionsgesetzen die Reinkarnation des neuen Dalai Lamas bestätigen muss.




Schlagwörter

China, Tibet

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2007-10-12 16:11:28
Letzte Änderung am 2007-10-12 16:40:00


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