• vom 21.09.2007, 14:28 Uhr

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Vor 75 Jahren führte der Wörgler Bürgermeister Michael Unterguggenberger eine lokale Zweitwährung ein, welche die Arbeitslosigkeit reduzieren half

Das Experiment von Wörgl


Von Wolfgang Broer

  • Michael Unterguggenberger war - laut der Zeitung "Wiener Tag" vom 20. Juni 1933 - in den Jahren 1932/33 neben Wiens Bürgermeister Karl Seitz der bekannteste Gemeindevorsteher Österreichs, und für eine kurze Zeitspanne sogar noch berühmter als dieser. Das Wiener "12-Uhr-Blatt" schrieb damals: "Wörgl hat plötzlich Weltbedeutung erlangt. Unterguggenberger ist im Begriff, eine geschichtliche Persönlichkeit zu werden." 1933 sollte sogar ein Film über ihn gedreht werden.

Eine Brücke in Wörgl, 1933 mit "Freigeld" erbaut. Fotos: Archiv Broer

Eine Brücke in Wörgl, 1933 mit "Freigeld" erbaut. Fotos: Archiv Broer Eine Brücke in Wörgl, 1933 mit "Freigeld" erbaut. Fotos: Archiv Broer

1951 verfasste der Dramatiker Wilhelm Merks ein Schauspiel über den Tiroler Bürgermeister, das den Titel "Der Tyrann. Das Wunder von Wörgl" trägt. Am 25. März 1999 drehte die größte japanische Fernseh-Anstalt NTV eine halbstündige Dokumentation über den Freigeldversuch in Wörgl.

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"Schwundgeld"

Dieses ökonomische Experiment basierte auf einem Gedanken des deutschen Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell; Unterguggenberger aber passte ihn der politischen und sozialen Wirklichkeit in seiner Gemeinde an. Dieser Gedanke besteht im Wesentlichen darin, neben der offiziellen Landeswährung eine zweite, nur im Gemeindegebiet geltende einzuführen. Diese Zweitwährung verliert monatlich ein Prozent an Wert. Um dem Wertverlust zu entgehen, geben die Menschen dieses "Schwundgeld" verständlicherweise rasch wieder aus, lassen also das Geld in ihrer Gemeinde rasch zirkulieren, anstatt es wie zuvor - wegen hohen Zinsertrages oder aus Angst vor noch schlechteren Zeiten - zu horten und damit der Volkswirtschaft zu entziehen.

Das träge Geld, das im übrigen Österreich buchstäblich in Strohsäcken und im Sparstrumpf faul herumlungert, kommt in Wörgl plötzlich auf die Beine. Die Folge: Die lokale Wirtschaft blüht auf, das Steueraufkommen des Marktes wächst wieder, die Gemeindeväter können daher Arbeit an Arbeitslose vergeben - im Kleinen wird so ein sich selbst verstärkender Kreislauf zur Gesundung einer kranken Ökonomie in Gang gesetzt. Und das funktionierte erstaunlich gut unter den Bedingungen der Deflationspolitik, die damals in Österreich und weltweit betrieben wurde. Diese deflationistische Wirtschaftspolitik mit ihren verheerenden sozialen Folgen trug Mitschuld an der Ausschaltung des Parlamentes im März 1933 und am Bürgerkrieg im Februar 1934.

Das Währungsexperiment von Wörgl und seine von manchen angezweifelten Erfolge sind heute sehr gut belegbar. Aber schon 1933 hat der kluge Beobachter Franz Klein im "Österreichischen Volkswirt", dem besten und einflussreichsten Wirtschaftsmagazin der Ersten Republik, geschrieben: Die Tiroler Gemeinde Wörgl habe im Elendsjahr 1932 aus eigener Tasche vergleichsweise viel für öffentliche Arbeiten ausgeben und zugleich ihren Haushalt in Ordnung bringen können.

Die Zahl der Arbeitslosen ging jedenfalls während der Zeit des Währungsexperimentes in Wörgl, von Juli 1932 bis September 1933, um 25 Prozent zurück. Das hätte, auf Österreich umgelegt, eine Verringerung der Arbeitslosenzahl um rund 100.000 bewirkt. Tatsächlich stieg in Österreich aber die Arbeitslosigkeit von 1932 bis 1933 um 20 Prozent.

Unterguggenberger war in den Augen des französischsprachigen Journalisten Claude Bourdet von der einflussreichen "L´Illustration" sogar "ein Teufelskerl" . In der Tat gelang es ihm, im politisch zerrissenen Österreich der dreißiger Jahre ein Stück politischer und sozialer Utopie zu verwirklichen. Alle Entscheidungen im Gemeinderat in Wörgl wurden einstimmig getroffen. Der sozialdemokratische Bürgermeister hatte die uneingeschränkte Unterstützung des Ortspfarrers und seines Kooperators, auch des lokalen Heimwehrführers Georg Stawa.

"Und das in einem gesamtösterreichischen Klima, das knapp eineinhalb Jahre später zum Bürgerkrieg führt. Hätte jene Phantasie und jener Gemeinsinn, den Wörgl zeigte, die später folgenden tragischen Februarereignisse von 1934 verhindern können?" , fragt der Historiker Josef Nußbaumer.

Der Schweizer J. B. Rusch meint in seinen "Republikanischen Blättern" gar, Österreich wäre "frei und unabhängig geblieben" , wenn das Experiment von Wörgl auf ganz Österreich ausgedehnt worden wäre. Das ist freilich eine wissenschaftlich nicht beweisbare These. Wahr aber bleibt die Behauptung: "Ein echter Friede kann nicht erreicht werden, ohne dass große Teile der Bevölkerung Wege aus der Armut finden" , wie es in der Begründung des Nobel-Komitees für die Verleihung des Friedensnobelpreises 2006 an Mohammed Yunus, den Erfinder der Mikro-Kredite heißt.

Unterguggenberger kämpfte unermüdlich für seine Idee. Er spielte sogar mit dem Gedanken, einen "Freistaat Wörgl" als Währungslabor unter dem Mandat des Völkerbundes auszurufen. Als Sozialdemokrat knüpfte er intensive Kontakte zu den Heimwehren (etwa zu Emil Fey und Richard Steidle) und trug seine Ideen auch an den damaligen Justizminister Schuschnigg und den steirischen Landeshauptmann Rintelen heran. Die Innsbrucker Landesregierung hintertrieb jedoch die Aufforderungen des Finanzministeriums, den "Unsinn" in Wörgl zu beenden, indem sie den Aktenlauf bewusst verlangsamte und sogar mangelhafte Bescheide ausstellte.

Jedenfalls wagte Unterguggenberger mit der Ausgabe von "Schwundgeld" etwas, das bald danach die Gemeinden St. Pölten und Lilienfeld, Kirchbichl und Liezen übernahmen. Schließlich waren es an die 200 Gemeinden in Österreich, die ähnliche Währungsexperimente wie Wörgl durchführen wollten. Dann aber zog Regierungschef Engelbert Dollfuß, der sich in einer Ministerratssitzung einmal wohlwollend über das "Schwundgeld" geäußert hatte, doch die Notbremse. Auf Betreiben des Finanzministeriums und vor allem der Nationalbank unter deren Präsidenten Viktor Kienböck (der von Dollfuß dazu gedrängt wurde) wurde das Wörgler Experiment vom Verwaltungsgerichtshof verboten.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2007-09-21 14:28:07
Letzte Änderung am 2007-09-21 14:28:00


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