• vom 21.09.2007, 14:28 Uhr

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Vor 75 Jahren führte der Wörgler Bürgermeister Michael Unterguggenberger eine lokale Zweitwährung ein, welche die Arbeitslosigkeit reduzieren half

Das Experiment von Wörgl




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Dieses Experiment reichte über die Grenzen Österreichs hinaus, selbst als es schon verboten war. Es beeindruckte den französischen Ministerpräsidenten Edouard Daladier so sehr, dass der 1934 sogar persönlich nach Wörgl kam und mit Unterguggenberger drei Stunden lang konferierte. Es faszinierte den amerikanischen Dichter Ezra Pound, der dem Wörgler Experiment zwei Gesänge seiner weltberühmten "Pisaner Cantos" widmete. Und Wörgl erregte sogar in den Vereinigten Staaten Aufsehen: 22 amerikanische Städte eiferten 1933 dem Wörgler Beispiel nach. Im US-Senat und auch im Repräsentantenhaus wurde ein Gesetzesantrag eingebracht, in dem die Einführung von Schwundgeld nach den Ideen Silvio Gesells und dem Wörgler Vorbild gefordert wurde.

Auch in der Tschechoslowakei entschlossen sich etliche Gemeinden, eine Art Schwundgeld auszugeben. Im Fürstentum Liechtenstein gab es ebenfalls Überlegungen, das zu tun. Ebenso im Fürstentum Monaco, in Paris und in Nizza. Die Schweiz, in der ebenfalls einige Städte "Freigeld" ausgeben wollten, verbot Unterguggenberger die Einreise. Die Eidgenössische Regierung und die Banken wünschten nicht, dass in ihrem Lande das "Wörgler Währungsfieber" um sich greife. Im Königreich Jugoslawien (nämlich in Serbien), in Frankreich und in Spanien folgten noch 1934, 1935 und 1936 verschiedene Gemeinden dem Tiroler Vorbild.

Der "Babenbergertaler"
In Österreich wird fast 75 Jahre nach dem Wörgler Urversuch im Waldviertel (mit dem "Waldviertler") und in Graz (mit dem "Styrrion"), in Mödling mit dem "Babenbergertaler" und natürlich in Wörgl selbst mit einer Art "Schwundgeld" oder geldfreiem Austausch von Leistungen experimentiert. Ebenso in den USA, in fast ganz Europa, in Südamerika und Japan und in einigen Schwellen-, und Entwicklungsländern. Es gibt heute weltweit geschätzte 4000 Komplementärwährungen, die letztlich alle theoretisch von Gesells Überlegungen und praktisch vom Beispiel Wörgl ausgehen.

Ohne sich selbst dessen bewusst zu sein oder es gar theoretisch zu begründen, hat nämlich Unterguggenberger in der Praxis schon in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts den "komplementären Währungskreislauf" mit erfunden und umgesetzt. Vom Internet-Lexikon "Wikipedia" wird das so formuliert: "Eine Komplementärwährung ist die Vereinbarung innerhalb einer meist kleinen Gemeinschaft, etwas zusätzlich neben dem offiziellen Geld als Tauschmittel zu akzeptieren. Diese zusätzliche Währung kann sowohl eine Ware, eine Dienstleistung oder eine geldäquivalente Gutschrift sein. Sie wird in dem Sinne als Geld aufgefasst, dass sie die ursprüngliche und eigentliche Funktion des Geldes als Tauschmittel erfüllt. Ziel einer solchen Vereinbarung ist es, bestehende soziale, ökonomische und ökologische Ungleichgewichte zu kompensieren, die sich aus der Monopolstellung der offiziellen Währung bei lang andauernder Knappheit ergeben, ohne die Standardwährung gänzlich verdrängen zu wollen."

Wörgl hat heuer seinen großen Sohn mit einem "Freigeld-Jahr" gefeiert. Ein neues Theaterstück über Unterguggenberger wurde uraufgeführt, Werner Pirchners musikalische Hommage an "die mutigen Initiatoren des Wörgler Freigeldes" am 1. August 2007 in Wörgl zu Gehör gebracht, es gab Workshops über Geldwesen und Regionalwährungen und zahlreiche andere Veranstaltungen, die noch bis in den November hinein andauern werden.

Literatur:

Wolfgang Broer: Schwundgeld. Michael Unterguggenberger und das Wörgler Währungsexperiment 1932/33. Studienverlag, Wien-Innsbruck-Bozen 2007, 398 Seiten, Euro 34,90. (Dieses Buch verarbeitet fast 2500 Seiten bisher unbekannter Dokumente, unter anderem die gesamte Korrespondenz des Wörgler Bürgermeisters.)

Gebhard Ottacher: Der Welt ein Zeichen geben. Das Freigeld-Experiment von Wörg 1932/33, Gauke Verlag, Kiel 2007.

Fritz Schwarz: Das Experiment von Wörgl. Ein Weg aus der Wirtschaftskrise. Synergia-Verlag, Darmstadt 2006.

http://www.unterguggenberger.org/

Wolfgang Broer, Historiker, Publizist und freier Journalist, hat mehrere Bücher zu zeitgeschichtlichen Themen verfasst.

Währung

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Dokument erstellt am 2007-09-21 14:28:07
Letzte nderung am 2007-09-21 14:28:00



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