• vom 19.07.2007, 16:40 Uhr

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Journalist übt Kritik an Islamischer Glaubensgemeinschaft - "Spendengelder für Waffenkäufe aus Österreich"

"Hamas ist in Österreich salonfähig"




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Von Stefan Beig

  • "Die Hamas hat in Österreich Unterstützer auch von offizieller Seite."
  • "Man soll diese Leute nicht verhaften, aber kontrollieren."
  • Wien. Große Geldsummen aus Österreich sollen an Terrorgruppen im Nahen Osten fließen. Diesen schwerwiegenden Vorwurf erhebt zumindest der Journalist und langjährige Korrespondent der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa, Ahmed Hamed, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Hamas hätte laut Hamed in Österreich etliche Unterstützer, sogar an offizieller Stelle. "Die Führer der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich sind im Hintergrund die großen Helfer der Hamas. Ich kenne kein Mitglied ihrer Führung, das nicht die Hamas unterstützt."

"Große Geldsummen"

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Vor allem unter in Österreich lebenden Ägyptern und Tunesiern soll die Hamas viele Anhänger haben. Laut Hamed gelang es Hamas-Anhängern in den letzten zehn Jahren, sehr stark vernetzte Strukturen in Wien aufzubauen. "Ich habe persönlich gesehen, wie in Kulturvereinen und Moscheen viel Geld gesammelt wird, das angeblich humanitären Zwecken dient. Nach meinem Wissen ist es aber auch für Waffenkäufe bestimmt, um die Hamas militärisch zu unterstützen." Ahmed Hamed spricht von teilweise "gigantische Spendensummen", die in e-mails und auf Homepages veröffentlicht wurden. "Da bekomme ich wirklich Angst. Was jetzt im Gazastreifen passiert ist, geschah aufgrund der Hilfe von außerhalb, auch von Österreich."

Die Koalition zwischen Hamas und Fatah fand Mitte Juni ein gewaltsames Ende. In den anschließenden Kämpfen erlangte die Hamas die Kontrolle über den Gazastreifen. Seit dem 17. Juni sind die palästinensischen Autonomiegebiete de facto zweigeteilt.

"Die Hamas-Aktionen im Gazastreifen waren schon lange geplant", betont Hamed. "Nachdem die Hamas bei den Parlamentswahlen in der Palästinensischen Autonomiebehörde 2006 die Mehrheit bekommen hat, sieht sie keinen Grund mehr, die Rivalen zu akzeptieren. Mitte Juni tauchten schwere Waffen auf, mit denen die Hamas militärisch die Macht ergriff. Sie hatte ihre Mehrheit benützt, um Zeit für ihre militärische Verstärkung zu gewinnen. "Das wäre so, wie wenn eine österreichische Partei mit absoluter Mehrheit ihre Anhänger mit Waffen ausstattet, um den Gegner zu bekämpfen", sagt Hamed.



Muslimbrüder als Helfer
Materielle, logistische und auch mediale Unterstützung bekommt die Hamas laut Hamed besonders von reichen Privatpersonen in den Golfstaaten. Die Muslimbrüder - "ein starkes, international verzweigtes Gebilde" - sind für Hamed die großen Helfer der Hamas. Dass einige Muslimbrüder die Hamas-Aktion im Gaza-Streifen öffentlich kritisierten, beeindruckt Hamed nicht. "Insgeheim sind sie dafür. Sie sehen darin einen Sieg der Hamas über die Ungläubigen. Nach meinen Informationen sind die führenden Personen der Muslimbrüder in Österreich mit Händen, Füßen und Zähnen für die Hamas."

Die Hamas beruft sich ausdrücklich auf die Ideologie der Muslimbrüder. In Ägypten und Syrien sind die Muslimbrüder verboten, in Europa können sie sich weitgehend frei bewegen. "Funktionäre der Muslimbrüder kommen problemlos nach Österreich, um ihre Propaganda hier zu verbreiten", berichtet Hamed.

Einige Beobachter stufen die Muslimbrüder heute als gemäßigt fundamentalistisch ein. Hamed hält hingegen ihr nach außen hin moderates Auftreten für Strategie. Aus seiner Sicht wollen die Muslimbrüder zuerst auf politisch-demokratischem Weg an die Macht kommen, um danach - wie im Gazastreifen - gewaltsam ihre islamistischen Vorstellungen durchzusetzen. "Anfang der siebziger Jahre war die Muslimbruderschaft in Palästina eine humanitäre, religiöse Aktion. Israel unterstützte und legalisierte sie, um einen Gegenblock zur PLO zu installieren. Die Hamas zog durch ihre vernetzte humanitäre Arbeit viele Menschen auf ihre Seite."

Das anfänglich harmlose Erscheinungsbild änderte sich bei Ausbruch der ersten Intifada im Jahr 1987. Damals beteiligten sich Muslimbrüder erstmals aktiv am Kampf und gründeten die Hamas als politische Partei. Zunächst bestrafte die Hamas "Kollaborateure", griff später das israelische Militär an und führte schließlich gezielt Terroranschläge gegen israelische Zivilisten aus.

"Die Hamas will einen islamischen Gottesstaat verwirklichen", erläutert Ahmed Hamed ihre Ideologie. "Damit will sie den arabischen Staaten, die wegen ihrer totalitären, vom Westen gestützten Herrscher in einem sehr schlechten Zustand sind, ein Modell geben."



Ignorante Behörden
Über das Engagement von Hamas-Anhängern in Österreich seien die Sicherheitsorgane informiert. Die Untätigkeit der Politik könnte nach Hamed auf Unkenntnis beruhen. "Ich habe versucht, mit österreichischen Politikern zu sprechen. Vor ein paar Jahren haben sie noch zugehört, jetzt hören sie uns - den gemäßigten Muslimen - nicht mehr zu. Obwohl die Hamas auf der EU-Terrorliste steht, sind Hamas-Mitglieder in Österreich salonfähig und sogar bei moslemischen Festen mit Bundespräsident Heinz Fischer und im Wiener Rathaus dabei." Ranghohe Politiker wüssten nicht, welche Gefahr in politisch-religiösen Ideologien steckt. "Dass man die Gebetshäuser als politische Arena ausnützt, macht mir Angst. Hamas verwendet die Religion als Deckmantel für ihre politischen Ziele. Man muss handeln und das Ganze zum Wohle aller unter Kontrolle bringen." Hamed fordert ein Offenlegen der islamistischen Strukturen und staatliche Kontrolle über den Fluss der Spendengelder.

"Man soll diese Leute nicht verhaften, aber es muss Gesetze und Wege geben, die das alles kontrollieren. Es gibt auch in den arabischen Gebieten österreichische Vertretungen, die den Geldfluss überwachen könnten."

Ahmed Hamed, seine Kinder und Enkelkinder, fühlen sich bedroht. "Wenn in Österreich eines Tages etwas passiert, möchte ich zumindest zum Wohl des Landes meine Pflicht getan haben. Ansonsten werden wir Muslime kollektiv verantwortlich sein." An eine glorreiche Zukunft der islamistischen Ideologie im Nahen Osten glaubt Ahmed Hamed nicht. "Der islamische Gottesstaat ist eine Utopie, denn jeder Mensch will in Freiheit leben. Eine bunt gemischte Gesellschaft ist gut, sie bringt mehr Fortschritt. Ereignisse vor 1300 Jahren sind kein Maßstab für die heutige Zeit."

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Dokument erstellt am 2007-07-19 16:40:00


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