Im Zimmer ist es ganz dunkel; draußen donnert es leise, als würde die Luft langsam aufbrechen. Verletzter Windschutz. Vor dem Himmel hängt ein dunkler Vorhang und verdickt mit seinem Hängen seine eigene Undurchsichtigkeit. Die Mutter zieht mit und mit einem Strang aus dickem schwarzem Haar: die Vorhänge zu. "Aber so sieht man ja das Gewitter nicht!" Verliert sich ein Bild in der Ungeduld. "Das Gewitter ist die Steigerung des Wetters," sagt die Mutter, sagt das Dunkel, das selbst ein Wetter ist. "Es sitzt im Hals und ist genauso nicht für die Augen gedacht. Da gibt es nichts zu sehen. Beides ist unsichtbar. Ein Spiegel nützt auch nicht viel. Mach lieber den Mund zu." Veronika schaut auf den unter ihr liegenden Teppich und versucht, irgendwelche Muster aus dem Dunkel herauszulösen. "Das Wetter kann man nicht sehen - man sieht immer nur die Dinge, die es tragen, die es mit sich herumschleppen. Das Gewitter ist das Elektrische und das kann man eben nicht sehen! Selbst, wenn du dich auf den Kopf stellst!" Die Mutter zupft sich die Haare zurecht und fühlt sich wohl. "Blitz ist Blindheit und die Strafe für die, die immer alles sehen wollen." Dann steht sie auf und versucht, die beiden Vorhanghälften noch weiter übereinanderzulegen. "Du willst das sehen, was unsichtbar ist und das ist der Beginn der Blindheit", sagt sie leise und verschwindet immer mehr im Dunkeln, bis Veronika von selbst die Augen schließt.
Dann kommen zum Glück endlich drei oder vier der Schillingers. Eigentlich sind es neun oder zehn, aber heute kommen nur drei oder vier. Langsam heran, zu dem Baum, auf dem Veronika sitzt und der ihr Haus ist. Alle haben rasierte Köpfe. "Wegen der Flöhe", sagt der Bäcker und scheucht einige Wespen einen Augenblick lang vom Johannisbeerkuchen mit der nackten Hand weg. Die Vitrine ist voll Wespen: sie bedecken die schäumende Runde der Obstkuchen. "Baiser", sagt die Verkäuferin: Johannisbeer-Baiser, Stachelbeerbaiser, Rhabarberbaiser. Kuchen. In Veronikas Mund fließen mehrere und kleine Bergquellen ineinander, treffen sich und sprudeln. Kuchen. Die anderen Obstkuchen sind glatte Kiesel, größere Steine, Felsen, Nur-Obstkuchen und ohne Baiser: Apfel, Kirsch, Erdbeer. Kuchen. Ohne mondliches Weiß und ohne das Schlagen der Beine: Schaum. Die Wespen färben den weißen Schaum zu wespenbraunem Baiser und der Bäcker versucht sie mit der nackten, rechten Hand und einem weißen Kittel, wegzuscheuchen. "Das ist unser Baum!" ruft der größte der Schillingers mit blauen Augen nach oben und droht mit der Faust. Drei oder vier flache Gesichter, liegen im Unten von Veronikas Augen, liegen flach im doppelten Netz der Luft: flache Nasen, schmale Augen, große und weiche Lippen. Täuschen so etwas wie eine Drohung vor, sodaß ihnen der Hals wehtun muß, denkt Veronika und wählt "Rhabarberbaiser". Und ohne Wespen. "Das sind schlimme Buben", sagt der Bäcker im weißen Kittel, auf dem langsam bunte Spritzer erscheinen und sich vereinen, zu einem Moment, gepreßt zum Bild ausfüllenden Tuns. Er lehnt sich an das Regal mit den Broten und legt einen Arm über den andern. Spitze Ellbogen, spitzes Zusammentreffen zweier Winkel: der Rahmen des Bildes ausfüllenden Tuns: "Die arme Frau", sagt die Verkäuferin und packt den Rhabarberbaiser in weißes, dünnes Papier, bedruckt mit blauer Schrift, ein. "Die haben letztens beim Pfeifer eingebrochen, seine Frau hat sie gesehen, als sie abgehauen sind" sagt der Bäcker und sein Kopf folgt dem Hintern der Verkäuferin, die mit dem Kuchen zur Kasse geht. "Eine Frau allein mit dieser Höllenbrut", sagt diese und tippt den Preis des Kuchens in die Kasse, "wie lange muß der noch sitzen?" fragt der Bäcker und stößt sich vom Brotregal ab, legt die Arme wieder auseinander, "zwei fünfzig", sagt die Verkäuferin und lächelt Veronika ins Gesicht. Die Drohung kommt von unten und sitzt auf nach hinten gekippten rasierten Schädeln, liegt auf verdrehtem Hals und weichen Lippen. "Das ist mein Haus!" ruft Veronika in alle Winde und so laut, daß die rasierten Köpfe wieder in die Rechte kippen. Schnell. Und sie nicht mehr ansehen. Schade, denkt Veronika und zieht an ihrer Zigarette, die ein kleiner dünner Zweig ist, der nach Baum schmeckt. "Der Baum gehört uns!" Rüttelt einer der Schillingers unten am Stamm, der ein Baum ist. "Wenn ihr nicht sofort abhaut, komme ich herunter und schlage euch alle zusammen zusammen zusammen!" Donnert Veronikas Stimme über die lange und ausgedehnte Böschung hinweg, über die von der Sonne ausgebleichten Gräser, über den Bahndamm und über die ganze große und dicke Fabrik hinweg. "Ach, das sind kleine schlechten Buben", sagt die Verkäuferin und gibt Veronika das Wechselgeld, "denen fehlt nur der Vater", rücken drei oder vier rasierte Köpfe zusammen, tuscheln stachlige Oberflächen miteinander, öffnet Veronika die schwere Tür des Bäckerladens, klingelt die Glocke der Eingangstür: "und der sitzt, haha", sagt der Bäcker und verschwindet in der Backstube. Kippen drei oder vier rasierte Köpfe drei oder vier Gesichter wieder nach oben, in den Baum, kippen wieder nach unten und brechen in von der Sonne ausgebleichte und trockene Gräser ein. Und hinterlassen tiefe Spuren in schaukelnder Wiese, drücken die Hitze der Sonne platt, daß es nur so kracht, reißen irgendwelche Halme heraus und dirigieren damit das Bild, in dem sie herumlaufen, als sei es ein ganzes Orchester und rufen laut dort hinein: "Wir kommen wieder! Und dann sind wir nicht so freundlich aufgelegt wie heute!" Sind sie schnell verschwunden, wird Veronika von seltsam schmeckender Traurigkeit überfallen, die ihr den Mund zuhält, die irgendwo irgendetwas verbrennt, öffnet Veronika mühsam den Mund und beißt in ein Stück Rhabarberbaiser, das allem, was sie umgibt, mit seinem Geschmack die Farbe entzieht und die Zigarette plötzlich nicht mehr nach Baum schmeckt, sondern nach bittersüßer und grünverbrannter Rinde, die sie schnell ausspuckt.
Zur Person:
Gundi Feyrer, geb. 1956 in Heilbronn/Neckar. Seit 1982 Ausstellungen mit Objekten und Zeichnungen; Aufführungen mit Wort, Bild und Musik; Zeichentrickfilme, Theaterstücke, Drehbücher, Übersetzungen. Bücher: u.a. "Der Himmel ist eine Flasche" 1994, Ritter, Klagenfurt; "Das Schlagen der Augen" 1994, Droschl, Graz; "Die Besteigung der Bilder" 1998, Wiens Verlag/Edgeware Press, London; zuletzt "Die Fremde", 2002, Ritter, Klagenfurt.