• vom 22.07.2005, 10:36 Uhr

Archiv

Update: 22.07.2005, 10:49 Uhr

Canetti

Monumentale Eitelkeit




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Aufgezeichnet von Robert Schediwy

  • Hilde Spiel berichtet von Elias Canettis eher unangenehmen Seiten

Elias Canetti, gezeichnet von Nicolas Mahler.

Elias Canetti, gezeichnet von Nicolas Mahler. Elias Canetti, gezeichnet von Nicolas Mahler.

Ich habe Elias Canetti Anfang der dreißiger Jahre - wohl 1932 oder 1933 - durch die Vermittlung von Frau Dr. Schreiber (später Landau) - kennen gelernt, die damals Cheflektorin bei Zsolnay war. Zsolnay hatte 1933 meinen Erstlingsroman "Kati auf der Brücke" herausgebracht, damals waren aber auch ein oder zwei Romane von Veza Magd, der Frau Canettis, in diesem Verlag erschienen. Frau Dr. Schreiber hatte mir zunächst von einer Einladung bei Canettis in Döbling berichtet, von deren eindrucksvoller Wohnung (sie hatten einen riesigen Raum mit Innengalerie) und vom Mann der Schriftstellerin Veza Magd, einem merkwürdigen, interessanten Chemiker, der auch starke intellektuelle Interessen hatte. Offenbar konnte die Familie Canettis - sein wohlhabender Bruder in Paris - diese großzügige Lebensweise finanzieren.

Meine erste persönliche Begegnung mit Canetti fand um diese Zeit im Café Schottentor statt. Er hat damals keinen besonderen Eindruck auf mich gemacht, aber wir haben uns gekannt und in London als Bekannte wieder getroffen.

Werbung

Mit Canettis linkem Freundeskreis der dreißiger Jahre hatte ich schon deshalb wenig Kontakt, weil alle diese Leute - Ernst Fischer etc. - ja um einiges älter waren als ich. Ich habe damals noch studiert, war kaum politisiert, bin allerdings 1933 für kurze Zeit SPÖ-Mitglied geworden. Zu intensiveren Kontakten kam es damals allerdings nicht.

Boshafte Intrigen

In der englischen Emigration lebten mein damaliger Mann, Peter de Mendelssohn, und ich relativ zurückgezogen im Süden Londons und hatten wenig Kontakt mit anderen Emigranten, die ja meist im Norden Londons, in der Gegend von Hampstead wohnten.

Trotzdem wurde mir bekannt, dass Canetti auf dem Land wohnte und Umgang mit Freunden von uns, dem Bildhauer Georg Ehrlich und seiner Frau Bettina, hatte. Man hat sich damals erzählt, dass er gemeinsam mit Kokoschka gern durch gewisse boshafte Intrigen Unfrieden stiftete, wobei Canetti der bei weitem Bösartigere gewesen sein soll. Von der englischen Ausgabe seiner "Blendung" ("Auto da Fé", 1946) besitze ich ein Widmungsexemplar, in dem er mir für die interessanten Auskünfte über Wien dankt. Ich war ja 1946 in Wien, habe später darüber "Rückkehr nach Wien" geschrieben und Canetti nach meiner neuerlichen Ankunft in London bei einem Besuch bei mir über meine Wiener Erfahrungen berichtet. Ich weiß übrigens, dass Canetti seiner Übersetzerin, der heute berühmten britischen Historikerin Dame Veronica Wedgwood, große Schwierigkeiten gemacht hat, weil er ihr trotz unzureichender Englischkenntnisse autoritär vorschreiben wollte, wie sie sein Werk zu übersetzen hätte. Anfang der fünfziger Jahre hat Canetti mit Herrn Winter von der Zeitschrift "Wort in der Zeit" einen Artikel über sich vereinbart, als dessen Autorin er mich ausersehen hatte. Ich hatte damals bereits ziemlich viele Kulturberichte für kontinentaleuropäische Zeitungen verfasst, z.B. auch über Kokoschka, und war durchaus gewillt, auch diesen Artikel zu verfassen. Im Wesentlichen kannte ich von Canetti allerdings nur die "Blendung" und habe mir deshalb zum Zwecke des Artikels einige seiner Theaterstücke - "Masse und Macht" war noch nicht erschienen - ausgeborgt. Diese haben mir allerdings missfallen, und sie erscheinen mir auch heute nicht geglückt. Nachdem sich Canetti überzeugt hatte, dass ich seinen Stücken nicht mit dem nötigen Enthusiasmus gegenüber stand, entzog er mir sofort die "Ehre", einen Artikel zu verfassen.

Seine Entscheidung dürfte von einer Auseinandersetzung beeinflusst gewesen sein, die um 1955 in unserem Haus in St. Wolfgang stattgefunden hat. Leo Perutz, Franz Theodor Csokor und unser Nachbar Alexander Lernet-Holenia waren bei uns zu Gast. Canetti war damals mit einem Freund auf Europareise und ebenfalls bei uns. Er hat sich an diesem Abend sehr ruppig gegeben, auch mir gegenüber, vielleicht weil er bereits geahnt hat, dass ich seine Stücke nicht mochte und nicht den Artikel schreiben würde, den er sich erhofft hatte. Wir haben über "Schreiben unter Druck" diskutiert. Canetti trat sehr hochfahrend gegen die "Auftragsschreiberei" von Schriftstellern auf ( "Ich habe noch nie eine Zeile auf Bestellung geschrieben" ). Dagegen wandte mein Mann, Peter de Mendelssohn, etwas wütend ein, er sehe nichts Ehrenrühriges darin, durch "Lohnschreiberei" Geld für seine Familie zu verdienen. Perutz hat darauf mit Emphase und sehr feierlich bekräftigt, er habe nie auch nur eine Zeile von "Herrn von Mendelssohn" gelesen, der zu entnehmen gewesen wäre, dass er sie im Auftrag verfasst habe, und keine Zeile, die nicht glänzend geschrieben war. Canetti war wütend, dass die Stimmung gegen ihn war, und verließ an diesem Abend verärgert mein Haus. Er verweigerte auch die Eintragung ins Gästebuch mit dem Bemerken, er tue das nie - dennoch hatte er einige Jahre vorher bei einem Besuch in Wimbledon seine Unterschrift in mein Gästebuch gesetzt.

Am nächsten Morgen wollte er sich verabschieden kommen, aber ich war oben bei meinem kleinen, erkrankten Sohn, bei dem eben der Arzt war, und mein Mann, der Canetti ohnedies nicht mochte, hat ihm erklärt, er könne mich jetzt nicht herunterholen. Canetti ist daraufhin verärgert abgereist und hat dann in London dunkle Andeutungen gemacht, in was für einem Nazinest wir uns niedergelassen hätten, wir wären in St. Wolfgang isoliert, verachtet etc. Vorher hat er aber noch Herrn Winter in Wien aufgesucht und verfügt, dass mein Artikel über ihn nicht erscheinen dürfe, worüber ich eigentlich ganz froh war.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Canetti

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2005-07-22 10:36:30
Letzte ─nderung am 2005-07-22 10:49:00



Werbung




Werbung


Werbung