Brüssel/Kiew/Moskau. Aus Protest gegen die Politik von Präsident Viktor Janukowitsch wird die gesamte EU-Kommission während der Fußball-Europameisterschaft dem Gastgeberland Ukraine fernbleiben. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung hervor. Die Führung der Ukraine steht wegen ihres Umgangs mit der inhaftierten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko in der Kritik. Die an Bandscheibenproblemen leidende Ex-Premierministerin verbüßt eine siebenjährige Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs. Timoschenko protestiert seit dem 20. April mit einem Hungerstreik gegen ihre Haftbedingungen. Sie wirft Janukowitsch vor, die Prozesse gegen sie seien politisch motiviert. Viele Politiker in der EU teilen diese Einschätzung.
Nun wackelt auch das bereits im März paraphierte Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine: Es werde nicht ratifiziert, "solange sich die Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine nicht in die richtige Richtung entwickelt", sagte der deutsche Außenminister Guido Westerwelle am Donnerstag. Zugleich sprach sich Westerwelle gegen die Verlegung der im Juni beginnenden Fußball-EM aus.
Polen, Co-Austragungsort der EM, warnt indes vor einem Boykott des Sportereignisses. "Ich glaube, die Aufrufe für einen Boykott sind unangemessen", sagte Ministerpräsident Donald Tusk am Donnerstag. Er habe Verständnis für Politiker, die Timoschenko unterstützten. Diese könnten ihre Sympathie aber während der Spiele deutlich bekunden. Polens Präsident Bronislaw Komorowski warnte, ein Boykott der EM in der Ukraine könnte den EU-Beitrittskandidaten in die Arme Russlands treiben.
Der designierte russische Präsident Wladimir Putin hat sich unterdessen für eine Behandlung Timoschenkos in Russland ausgesprochen. Moskau übernehme die erkrankte Oppositionsführerin "gerne", falls sie selbst dies wünsche und die Führung in Kiew zustimme. Auch Berlin ist als Behandlungsort für die Politikerin im Gespräch. Zugleich kritisierte Putin westliche Politiker für ihren Boykott.