Den Haag. Am zweiten Prozesstag gegen den früheren bosnisch-serbischen Militärchef Ratko Mladic vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal sind grausame Details zu dem Massaker von Srebrenica bekannt geworden. "Wir können niemals diesen Horror begreifen", sagte der Ankläger Peter McCloskey am Donnerstag.
Das Massaker, bei dem rund 7000 Männer und Burschen ermordet wurden, "war und bleibt Genozid", sagte McCloskey. Den Mord an tausenden Menschen in nur vier Tagen - vom 11. bis zum 14. Juli 1995 - konnten nach Meinung des Staatsanwalts nur von der Führung selbst kontrollierte Truppen durchgeführt haben. Man werde beweisen, dass diese Truppen von Mladic selbst geführt worden seien und dass der Ex-Militärchef persönlich vor Ort war und persönlich in die Verbrechen von Srebrenica verwickelt gewesen sei. Elf Überlebende des Massakers werden im Laufe des Prozesses aussagen.
Von der Anklage vorgelegte Videoaufnahmen zeigten ein massives menschliches Desaster in Srebrenica. Die Stadt sollte eigentlich als UNO-Schutzzone vor den Serben gesichert sein. Aus internen Militärdokumenten ist ersichtlich, dass es das Ziel der Mladic-Truppen gewesen sei, totale Unsicherheit, Untragbarkeit und Perspektivenlosigkeit für die Muslime zu schaffen, ohne Hoffnung, überleben zu können. McCloskey legte den Angriffsplan auf Srebrenica mit persönlicher Autorisierung von Mladic vor. Die Landkarte enthält den handschriftlichen Kommentar: "Das war serbisches Gebiet und ist jetzt wieder serbisch". Über die Enklave Srebrenica zeichnete Mladic ein großes X. Er sei besessen gewesen, die Muslime physisch auszulöschen, sagte McCloskey.
Mladic habe von Anfang an gewusst, dass die Umsetzung des angestrebten Ziels eines serbischen Bosniens eine Frage der Deportation und der ethnischen Säuberung war, warf ihm der Ankläger Dermot Groome am ersten Prozesstag am Mittwoch vor. Nach dem Mordplan des Angeklagten seien Männer zwischen 16 und 60 ausgesondert worden, beschreibt Staatsanwalt McCloskey mit immer wieder versagender Stimme. Am Ende seien aber auch viel jüngere Kinder und Ältere mit LKW und Bussen, die aus ganz Bosnien herangeschafft wurden, zur Exekution abtransportiert worden. Ein Video zeigte Leichenberge an einem Erschießungsort in dem Dorf Kravica.
Mladic selbst verfolgte die Ausführungen des Anklägers aufmerksam und machte sich Notizen. Spur der Reue zeigte er keine; hie und da lächelte er selbstgefällig. Er ist sich nach wie vor seiner "gerechten nationalen Sache" sicher. Ebenso wie die meisten Serben: eine im Februar durchgeführte Umfrage zeigt, dass nur 23 Prozent der Serben der Meinung sind, dass sich Mladic der ihm angelasteten Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat. Auch Milorad Dodik, Präsident der Serbischen Republik, meinte ausweichend, dass das Gericht zu entscheiden habe, ob Mladic die Gesetze und Normen der Kriegsführung verletzt habe. Die Anklage belastet den Ex-Militärchef in insgesamt elf Punkten; einer davon ist das Massaker von Srebrenica.
Ein Termin für die Weiterführung des Prozesses ist bisher nicht bekannt.