
Moskau. Die russisch-orthodoxe Kirche hält die angeklagten Mitglieder von Pussy Riot für von Satan besessene Punkerinnen. Die Frauen selbst aber inszenieren sich im Moskauer Gerichtssaal als "drei Engel gegen Putin", die für ihre Ideale alles auf sich nehmen.
Hübsch, jung und kämpferisch: Die Künstlerinnen fallen nicht nur politisch auf. Mit smartem Blick sehen die Frauen eher aus wie brave Studentinnen. In einem Kasten aus Plexiglas, in dem sie während der Verhandlungen ausharren müssen, zeigen sich die Gegnerinnen von Präsident Wladimir Putin als PR-Profis. Immer wieder lachen die "Mädchen" - wie junge Frauen auf Russisch genannt werden - in die Kameras. Dabei ist die Lage ernst - ihnen drohen sieben Jahre Haft.
Das Punk-Gebet gegen Putin und den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill am 21. Februar in der Moskauer Erlöserkathedrale ist nicht der erste Auftritt von Pussy Riot. Als sich Putin im September 2011 im Alleingang für das Präsidentenamt in Stellung bringt, ist auch die Kunstszene wütend auf den Dauerherrscher.
Die jungen Frauen gründen ihre Band und tauchen mit bunten Strickmasken in der Öffentlichkeit auf. Die "anti-autoritären Linken", wie sie sich bezeichnen, spielen in einer Station der Moskauer Metro oder auf dem Dach eines Busses. Auf dem Roten Platz rufen sie: "Aufstand in Russland, Putin macht sich in die Hose!"
"Die Wahrheit ist das Wichtigste für uns, mehr noch als die Freiheit", lässt Nadeschda Tolokonnikowa ihre Anwältin zum Prozessauftakt verlesen. Mit 22 Jahren ist sie die Jüngste, aber zugleich die Wortführerin. Mit ihren aufgeweckten braunen Augen und dem hübschen Gesicht zieht die Mutter einer vierjährigen Tochter das größte Interesse auf sich. Bereits seit Jahren mischt die Studentin der Philosophie in der radikalen Kunstszene mit, mit der sie auch durch ihren Ehemann Pjotr Wersilow in Kontakt kam.
"Ich habe nie ruhig gelebt", sagt sie einst in einem Interview. In der alternativen Kunstszene ist sie keine Unbekannte. Schon 2008 macht Tolokonnikowa von sich reden, als sie - gerade 18 Jahre und hochschwanger - gemeinsam mit anderen Aktivisten der Gruppe Woina (Krieg) mit Gruppensex in einem Museum gegen den von Putin ausgewählten neuen Präsidenten Dmitri Medwedew demonstriert.
Provokation
Mit solchen Aktionen will "Nadja Tolokno", wie sie sich selbst nennt, das System provozieren, bis es sich selbst entlarvt. Während sich viele in die innere Emigration zurückziehen, protestiert sie mit stummen Hilfeschreien gegen biedere Moralvorstellungen, gegen Bevormundung und gegen Gängelungen. Im Gericht zeigt sie sich ungebrochen - einmal prangt auf ihrem T-Shirt eine geballte Faust.
Dagegen präsentiert sich ihre Mitstreiterin Maria Aljochina geradezu als braves Mädchen. Die 24-Jährige mit wallendem Haar ist ebenfalls Mutter, ihren Sohn Filipp (5) zieht die angehende Journalistin alleine auf. Auch wegen ihres blassen Gesichts wirkt die Veganerin am zerbrechlichsten. Am dritten Prozesstag kümmert sich der Notarzt um Aljochina, sie klagt über Kreislaufprobleme. Viele Beobachter halten das für eine kalkulierte Szene in dem Verfahren, das Bürgerrechtler als Schauprozess kritisieren. Die begeisterte Dichterin ist über den Umweltschutz zu den Putin-Gegnern gestoßen.
Die fast 30-jährige Jekaterina Samuzewitsch ist hingegen schon lange in der radikalen Kunstszene dabei. Es gibt kaum eine Aktion der politischen Künstlergruppe Woina in Moskau, an der die ehemalige Programmiererin nicht teilnimmt. Aus Protest gegen ein Urteil gegen die Kunstfreiheit schüttet sie Tausende Kakerlaken in ein Gerichtsgebäude, dann engagiert sie sich immer stärker für die Rechte Homosexueller. "Als Kind war sie gehorsam, eine exzellente Studentin. Dann kam plötzlich dieser Wunsch zum Widerstand in ihr auf", erzählt Vater Stanislaw Samuzewitsch der Zeitung "Moskowskije Nowosti".