
Frankfurt/Wien. (hes) Die Zeiten, in denen EZB-Präsident Mario Draghi von deutschen Medien mit preußischer Pickelhaube abgebildet wurde, sind passé. Der Italiener gilt längst nicht mehr als Hardliner im Sinne der deutschen Bundesbank-Tradition - ganz im Gegenteil: Der Zentralbankchef hat dort seinen stärksten Widersacher sitzen. Ungewöhnlich für Notenbank-Gepflogenheiten: Der Konflikt wird völlig transparent und vor den Augen der Öffentlichkeit ausgefochten.
Nachdem Bundesbank-Chef Jens Weidmann im "Spiegel" vorgelegt hatte, kontert nun Draghi mit einem Gastbeitrag für "Die Zeit". Weidmann hatte die von Draghi geplanten neuerlichen Staatsanleihenkäufe als "Politik zu nah an einer Staatsfinanzierung durch die Notenpresse" kritisiert. Die Notenbank könne die Probleme so nicht grundlegend lösen, sondern laufe Gefahr, neue zu schaffen. Während die US-Notenbank Federal Reserve "die Anleihen eines bonitätsstarken Zentralstaats" kaufe, müsse die EZB Staatsanleihen von taumelnden Einzelstaaten in die Bilanz nehmen, was viel riskanter sei. Damit liefert Weidmann allerdings ein starkes Argument für Eurobonds, also Staatsanleihen mit gemeinschaftlicher Haftung. Bisher ist er stets als strikter Gegner einer Vergemeinschaftung aufgetreten, zumindest solange nicht gleichzeitig fiskalische Kompetenzen in Richtung Europa abwandern.
Schon Weidmanns Vorgänger Axel Weber und der deutsche EZB-Ökonom Jürgen Stark waren im Streit über die Anleihenkäufe von ihren Zentralbank-Funktionen zurückgetreten.
Draghi verteidigt die Retter-Rolle der Zentralbank in der Eurokrise vehement: Die EZB müsse auf die Störung an den Finanzmärkten reagieren. "Dies kann hin und wieder außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. Diese, wenn nötig, zu ergreifen ist unsere Verantwortung als Zentralbank für die Eurozone als Ganzes", erläuterte der EZB-Chef in seinem "Zeit"-Beitrag. Die EZB werde alles Notwendige tun, um die Preisstabilität zu gewährleisten. Sie werde unabhängig bleiben. Und sie werde immer im Rahmen ihres Mandats handeln.