• vom 05.02.2010, 21:10 Uhr

Europa

Update: 05.02.2010, 21:13 Uhr

Mordphantasien beherrschen die Texte gegen Wilders, doch mit realer Gewalt wollen die Rapper nichts zu tun haben

"Geert, du wirst der Nächste sein"




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Von WZ-Korrespondent Tobias Müller

  • Niederländische Migranten machen als Rapper gegen Geert Wilders mobil.
  • Islamkritiker steht wegen Anstachelung zum Hass vor Gericht.
  • Amsterdam. Sobald die Beats einsetzen, legt er den Finger auf die Narbe. Die, die seit Jahren immer wieder aufreißt. Genau da tut es weh, und genau da drückt er zu: "Pim Fortuyn redete über Muslime. Er wurde abgeknallt. Theo Van Gogh redete über Muslime. Er wurde niedergeknallt. Wer ist der Nächste?", fragt Mo$heb drohend.

Der Lieblingsfeind: Wilders ist für die niederländisch-moslemischen Rapper zum primären Ziel geworden. Foto: reuters

Der Lieblingsfeind: Wilders ist für die niederländisch-moslemischen Rapper zum primären Ziel geworden. Foto: reuters Der Lieblingsfeind: Wilders ist für die niederländisch-moslemischen Rapper zum primären Ziel geworden. Foto: reuters

Die harten Konsonanten seines Akzents zerstechen den Keyboardteppich im Hintergrund. Nur ein paar Takte später taucht der Name Geert Wilders auf, als Mo$heb, ein 20-jähriger Rotterdamer pakistanischer Abstammung, seine Gewaltphantasien von der Leine lässt: "Wenn ich dich treffe, heißt es Bam-Bam", droht er dem Chef der Partij voor de Vrijheid (PVV) an. Und: "Wenn du so weitermachst, bist du der Nächste."

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80 Sozialstunden und zwei Monate auf Bewährung brachte der Song dem Rapper im Dezember ein. Eineinhalb Jahre zuvor hatte Wilders ihn angezeigt. "Wenn man Menschen droht, ihnen Kugeln in den Leib zu schießen, sehe ich in künstlerischer Freiheit wenig Sinn", so der rechtspopulistische Politiker. Genau darauf jedoch bezog sich Mo$heb und ging in Berufung. Zudem lasse er keinen Zweifel daran, dass es nur Rhetorik sei, wenn er sagt: "Hör zu, Geert, das ist kein Witz, gestern Nacht träumte ich, ich hätte deinen Kopf abgehackt."

Mo$heb ist nicht der Einzige, der derartige Träume hat. In einer Ecke des eher clownesken niederländischen Hip Hops ist in den letzten Jahren ein radikales Subgenre entstanden. Die MCs, meist Kinder muslimischer Einwanderer, wenden sich gegen das Leben in den schäbigen Neubau-Ghettos am Stadtrand, die latente Segregation im Bildungssektor, wo man schon seit langem von "schwarzen Schulen" und "weißen Schulen" spricht, und die schlechten Jobaussichten. Und nicht zuletzt gegen eine Entwicklung, die sich auf ein Wort reduzieren lässt: "Scheiß-Marokkaner".

Bröckelnde Toleranz

In der Zeit, da die Niederlande als Vorbild einer toleranten Gesellschaft galten, bestand ein breiter Konsens gegen solche Aussprüche. Vor rund zehn Jahren jedoch brach sich ein Bedürfnis Bahn, die Dinge beim Namen zu nennen, vor allem, wenn es um Integration ging. In breiten Kreisen wurde diese Meinung salonfähig. "Scheiß-Marokkaner" avancierte zu einem geflügelten Wort, zum inoffiziellen Leitspruch einer Bewegung, die alles, was nach politischer Korrektheit klingen könnte, rabiat ablehnt. Der Rechtspopulist Pim Fortuyn gab diesem Bedürfnis einst eine politische Stimme. Wilders hat längst sein Erbe angetreten.

Er hetzt gegen "marokkanische Straßenterroristen" und spricht von "Pack", das abgeschoben gehöre. Die Einwanderung "nicht-westlicher Ausländer", sprich Muslime, will er stoppen, den Koran vergleicht er mit "Mein Kampf". Wegen Anstiftung zu Hass und Diskriminierung steht der Politiker nun selbst vor Gericht.

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Dokument erstellt am 2010-02-05 21:10:54
Letzte Änderung am 2010-02-05 21:13:00


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