• vom 23.05.2013, 08:51 Uhr

Europachronik

Update: 23.05.2013, 08:57 Uhr

Schuldenkrise

Athens neue Obdachlose




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Von Filippos Sacharis (APA)

  • Leben mit 20 Euro im Monat
  • Wer arbeitslos wird, landet schnell auf der Straße.

20.000 Obdachlose leben allein auf den Straßen Athens. - © APAweb / EPA / Orestis Panagiotou

20.000 Obdachlose leben allein auf den Straßen Athens. © APAweb / EPA / Orestis Panagiotou

Athen. Leon malte früher Heiligenbilder. Doch der Beistand aus dem Himmel blieb ihm offenbar versagt. Als die Krise über Griechenland kam, verlor Leon seine Aufträge, und ohne Einkünfte wurde er bald delogiert. Heute lebt der 65-Jährige in Athen auf der Straße und in Notunterkünften. Er sei noch hoffnungsvoll, doch viele seinesgleichen fänden es schwer, ihr Schicksal zu akzeptieren, sagt er. "Die meisten der Obdachlosen, die ich kenne, sind gleichgültig und pessimistisch". Kein Wunder, denn sie sind Armut nicht gewohnt und verstehen die Welt nicht mehr.

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In Griechenland verändern die "neuen Obdachlosen" das Bild der Straßen. Betroffen sind im fünften Jahr der Krise immer häufiger Leute zwischen 30 und 45 Jahren, oftmals Akademiker und Freiberufler wie Designer und Journalisten. Es handelt sich um Menschen, die ins soziale Abseits gerutscht sind, ohne je alkoholkrank gewesen zu sein, drogensüchtig oder psychisch krank, sagt Ada Alamanou von der Hilfsorganisation Klimaka. In Griechenland des Jahres 2013 ist kaum jemand mehr vor Obdachlosigkeit sicher.

Man schätzt, dass in Griechenland mehr als 20.000 Menschen auf der Straße leben, die Hälfte davon allein in Athen. Wie viele Obdachlose es genau sind, ist schwer zu sagen, denn das löchrige soziale Netz in Griechenland konnte Armut auch vorher nicht gut auffangen. Inzwischen sind selbst in der pittoresken Altstadt der Metropole immer öfter in Hauseingängen zusammengekauerte Figuren zu sehen. Ausländer, die auf der Straße leben, wurden zuletzt immer wieder Opfer von Neonazi-Attacken.

Die soziale Ausgrenzung von Armen nehme zu, selbst nächste Verwandte würden nicht helfen – viele fürchteten, bald die nächsten zu sein, sagt Leon.

Unter den Wohnungslosen macht sich Verzweiflung breit: Knapp die Hälfte gibt an, keine Freundschaften mehr zu schließen. Fast ein Fünftel soll schon einen Selbstmordversuch hinter sich haben, heißt es in einer aktuellen Studie. Die Mehrheit der Obdachlosen lebt von Almosen und hat weniger als 20 Euro im Monat in der Hand. Die Betroffenen beklagen, sie seien für den Staat und die meisten Mitmenschen unsichtbar.

Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer. Trotz der fehlenden Anteilnahme der Mehrheit habe die Zahl derer zugenommen, die sich für die Obdachlosen engagieren, sagt die Aktivistin Alamanou, deren NGO Betroffenen mit Notunterkünften hilft.

Auch die Betroffenen selbst wollen sich organisieren. In Athen formiert sich unter dem Motto "Keine Parolen, sondern Forderungen" eine Obdachlosenbewegung, die Respekt und Unterstützung einfordert. Das bekräftigt auch Giorgos Barkouris, der durch die Hilfe von Klimaka wieder ein Dach über dem Kopf hat. Die Bewegung der Obdachlosen wolle der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten: "Für uns spielt nicht die Barmherzigkeit die wichtigste Rolle, sondern das gegenseitige Verständnis und die Solidarität".





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Dokument erstellt am 2013-05-23 08:54:42
Letzte Änderung am 2013-05-23 08:57:23



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