• vom 12.06.2013, 21:17 Uhr

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Wahnsinn bei Gericht




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  • Gustl Mollath wies auf Schwarzgeldgeschäfte bei der HypoVereinsbank hin - und landete in der Psychiatrie
  • Causa bringt Bayerns Justiz und CSU-Ministerin Beate Merk in Bedrängnis.

Gustl Mollath erhält ein neues Verfahren und die Chance auf einen fairen Prozess.

Gustl Mollath erhält ein neues Verfahren und die Chance auf einen fairen Prozess.© reuters Gustl Mollath erhält ein neues Verfahren und die Chance auf einen fairen Prozess.© reuters

München/Wien. (red) Das Urteil war klar und eindeutig: Unter einem "paranoiden Wahnsystem" leide der Angeklagte Gustl Mollath, folgte das Landgericht Nürnberg im August 2006 den Gutachten. Der Justiz gilt Mollath als gemeingefährlich, denn er habe seine Ex-Frau gewürgt und die Reifen dutzender Autos zerstochen. Seit knapp sieben Jahren ist der mittlerweile 56-Jährige im Bezirksklinikum Bayreuth untergebracht. Niemand nahm von ihm Notiz, keiner glaubte ihm. Mollath drohte, in der Versenkung der Psychiatrie zu verschwinden.

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Doch nun steht Mollath im Scheinwerferlicht, findet Gehör. Der bayerische Landtag hat eigens einen Untersuchungsausschuss zu seiner Causa eingerichtet, am Dienstag sagte Mollath dort aus. Der frühere Restaurateur teurer Autos warf dabei seiner Ex-Frau illegale Schwarzgeldgeschäfte vor. 2003 zeigte Gustl Mollath seine Frau, die Mitarbeiterin bei der HypoVereinsbank (HVB) war, mehrere ihrer Kollegen und 24 Kunden an. Kern der Vorwürfe: Sie seien in Schwarzgeldgeschäfte in der Schweiz verwickelt. Sie habe als Bankerin der HypoVereinsbank - diese gehört wie die Bank Austria zur italienischen UniCredit und zählt zu Deutschlands größten Banken - im Auftrag ihres Arbeitgebers illegal Schwarzgelder von Bankkunden in die Schweiz geschafft, später hinter dem Rücken der Bank Schwarzgeld-Transfers eingefädelt.

Beweisstücke wurden
nicht sichergestellt

In der Kritik steht Bayerns Justizministerin Beate Merk.

In der Kritik steht Bayerns Justizministerin Beate Merk.© epa In der Kritik steht Bayerns Justizministerin Beate Merk.© epa

Nachgegangen wurde den Anschuldigungen über Jahre nicht. Stattdessen deuteten Richter und psychiatrische Gutachter Mollaths Schwarzgeldgeschichten als Beleg für seinen angeblich gefährlichen Wahn. Die Bank leitete zwar intern Maßnahmen ein; während der Revision im Februar 2003 kündigte sie Petra Mollath fristlos. Doch zu deren Ex-Mann schwieg die HVB über Jahre. Erst Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" decken die Tragweite des Falles auf.

Am Tag von Mollaths Anhörung holte seine Ex-Frau, die über Monate keine Statements abgegeben hatte, zum Gegenschlag aus: In einem Interview mit dem "Nordbayerischen Kurier" warf sie dem 56-Jährigen vor, sie geschlagen zu haben und bestritt, dass Schwarzgeld-Schiebereien jemals ein Thema zwischen den beiden waren.

Im Gegensatz zu anderen Rosenkriegen hat der Fall Mollath aber auch große politische Sprengkraft. Denn Justiz, Behörden und Politik haben sich haarsträubende Fehler geleistet. Der Prozess gegen Mollath "verstieß von Anfang bis Ende gegen Fundamentalregeln des Strafrechts. Es wurden Beweisstücke nicht sichergestellt und nicht begutachtet, es wurde eine falsche Urkunde verlesen und zur Grundlage des Urteils gemacht", urteilt die "Süddeutsche Zeitung". Gutachter erklärten Mollath für krank, ohne ihn je untersucht zu haben. Und der im Prozess gegen Mollath Vorsitzende Richter Otto Brixner musste einräumen, die Verteidigungsschrift Mollaths samt Anlagen nicht gelesen zu haben.

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Dokument erstellt am 2013-06-12 21:20:05



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