• vom 07.08.2013, 20:07 Uhr

Europachronik

Update: 07.08.2013, 20:15 Uhr

Institut für die Wissenschaften vom Menschen

"Der Wandel des Energie-Regimes wird unser Epoche prägen"




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Von Thomas Seifert

  • Für ein gemeinsames Europa braucht es ein gemeinsames historisches Narrativ
  • Der US-Historiker Timothy Snyder spricht über das Jahr 1913 und die Bedeutung Wiens in jener Zeit und über die brennenden Themen der Gegenwart: Geheimdienst-Bespitzelung und Klimawandel.

Timothy Snyder: Geschichte lehrt: Es gibt Alternativen.

Timothy Snyder: Geschichte lehrt: Es gibt Alternativen.© T. Seifert Timothy Snyder: Geschichte lehrt: Es gibt Alternativen.© T. Seifert

"Wiener Zeitung": Die "Wiener Zeitung" feiert 310. Geburtstag. Was verbinden Sie als derzeit in Wien lebender Historiker mit dieser Stadt und ihrer Geschichte?

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Timothy Snyder: Wien ist eine geschichtsträchtige Stadt. Denken Sie an die Ringstraßenarchitektur: Die Ringstraße wurde als Denkmal eines imperialen Wien gebaut. Die Donaumonarchie war damals ein Imperium, genauso wie Russland, Großbritannien, Frankreich, Deutschland. Das damalige Österreich hat sich übrigens in dieser imperialen Weltordnung sehr wohlgefühlt. Der globale Handel florierte, die Monarchie war ein immer toleranterer Ort. Die Monarchie hatte ihre Probleme, aber es gab keinen Grund anzunehmen, dass sie zerfallen würde. 1914 bis 1918 markiert dann einen dramatischen Wendepunkt. 1918 brachte nicht nur das Ende des Habsburgerreichs, sondern das Ende des imperialen Zeitalters und den Beginn der Epoche der Nationalstaaten.

Tim Snyder: "Stehen am Beginn der Verhandlungen zum Freihandelsabkommen. Dieses ist ökonomisch sehr wichtig, weil wir einander ergänzende Volkswirtschaften haben."

Tim Snyder: "Stehen am Beginn der Verhandlungen zum Freihandelsabkommen. Dieses ist ökonomisch sehr wichtig, weil wir einander ergänzende Volkswirtschaften haben."© T. Seifert Tim Snyder: "Stehen am Beginn der Verhandlungen zum Freihandelsabkommen. Dieses ist ökonomisch sehr wichtig, weil wir einander ergänzende Volkswirtschaften haben."© T. Seifert

Österreich war nach dem Ersten Weltkrieg wirtschaftlich und ideologisch verloren.

Die deutschsprachigen Österreicher waren die letzten, die sich in der Monarchie als eigene Nation verstanden hätten. Für sie war ja die Donaumonarchie selbstverständlich, Alternativen waren undenkbar - auch wenn die Großdeutschen in Österreich nach und nach ihre Anhänger fanden. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg schien vielen Österreich als kleine Alpenrepublik nicht lebensfähig. Österreich hatte nie eine nationalistische Bewegung und es brauchte nach dem Zweiten Weltkrieg einige Jahrzehnte, bis Österreich eine wirklich nationale Identität entwickelte.

In der Zeit vor und während dem Ersten Weltkrieg war Wien die Stadt von Theodor Herzl und Adolf Hitler, von Wladimir Iljitsch Lenin und Josip Broz Tito . . .

. . . und ein gewisser Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Leo Trotzki, saß im Café Central in der Wiener Herrengasse. Wien war ab den 1880er und 1890er Jahren einer der intellektuell interessantesten Orte der Welt. Wien war die Wiege des Modernismus - der Kunst der Moderne und der modernen politischen Ideen. Das muss eine sehr spannende Zeit in einer sehr aufregenden Stadt gewesen sein. Wien war damals auch im Vergleich zu Sankt Petersburg oder auch Berlin ein sehr liberaler, kosmopolitischer Ort. Man darf nicht vergessen: Viele der später bedeutenden Figuren, über die wir eben gesprochen haben, stammten nicht aus Wien, sondern kamen von woanders oder waren nur auf der Durchreise.

Geschichte, sagen Sie, ist eine große Erzählung.

Wenn ich die Geschichte über die Französische Revolution schreibe, dann berichten Historiker nicht nur darüber, was die Menschen damals gedacht und gesehen haben, sondern was sie gemeinsam hatten, oder was sie damals noch nicht bedacht haben. Diese Geschichte der Französischen Revolution muss zwei Dinge erzählen: Sie müsste für die Menschen, die etwa beim Sturm auf die Bastille dabei waren, erkennbar sein. Das ist natürlich völlig hypothetisch, denn diese Akteure sind längst tot. Zweitens: Die Menschen, die heute eine Geschichte der Französischen Revolution lesen, müssen in der Lage sein, das Erzählte zu verstehen. Wenn man nur darüber schreibt, was die Menschen in der Vergangenheit gesagt und getan haben, dann ist das bloße Dokumentation. Wenn man nur für Menschen der Gegenwart schreibt, dann sprechen wir von Journalismus. Geschichtsschreibung versucht diese Dinge zusammenzubringen: So als hätte ein Journalist den Luxus, nicht für die morgige Ausgabe der Zeitung zu schreiben, sondern sich Jahre mit den Dingen
zu beschäftigen. Es geht darum, überzeugende Geschichten zu erzählen, die übrigens zudem wahr sein sollten.

Was sind die größten Fehler im Umgang mit Geschichte?

Der eine Fehler ist zu sagen: Wow, alles ist neu. Die Vereinigten Staaten haben nach 1989 und dem Fall des eisernen Vorhangs diesen Fehler gemacht. Sie haben geglaubt, nun ist eine neue Ära angebrochen, nach dem 11. September 2001 war es genauso. Das hatte fatale Konsequenzen: moralisch, militärisch, finanziell und politisch. Der andere Fehler ist zu sagen: Diese Situation hatten wir doch schon, die Geschichte wiederholt sich. Und das tut sie nie. Jeder historische Moment setzt sich aus unzähligen Faktoren zusammen. Ein Beispiel: Saddam Hussein war nicht Adolf Hitler.

Kann man aus der Geschichte denn nichts lernen?

Doch. Sehr viel. Geschichte gibt einem immer Einblicke. Um bei Hitler-Vergleichen zu bleiben: Die Geschichte erinnert uns daran, dass nach dem Terror-Anschlag 1933 die Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt und der Weg für Hitler freigemacht wurde. Die Lehre: Man sollte auf Terroranschläge nicht überreagieren. Zweitens: Geschichte kann uns daran erinnern, dass es immer eine Alternative gibt. Das sei vor allem Ökonomen ins Stammbuch geschrieben. Denn von denen sagen manche immer: TINA. There is no alternative. Aber es gibt immer Alternativen. Austeritätspolitik ist zum Beispiel keine mathematische Lösung für ein mathematisches Problem, sondern eine politische Entscheidung. Andererseits kann man sich daran erinnern, was die Wohlfahrtspolitik im Wien der 20er Jahre Positives geleistet hat. Geschichte kann uns zudem an die Wahlfreiheit erinnern: Das Handeln von Individuen kann den Lauf der Geschichte beeinflussen. Man kann als Politiker sich also nicht hinstellen und sagen: Ich habe keine andere Wahl. Hitler hatte die Wahl. Roosevelt hatte die Wahl. Schuschnigg hatte die Wahl. Jeder hatte die Wahl. Drittens: Geschichte ermöglicht Kommunikation: Denken wir daran, wie die Deutschen und die Griechen seit dem Ausbruch der Eurokrise übereinander reden. Wenn die Menschen mehr über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wüssten, dann hätten sie verschiedene Dinge nicht übereinander gesagt. So wissen viele Deutsche nicht darüber Bescheid, was die Wehrmacht in Griechenland gemacht hat. Und sie wissen nicht darüber Bescheid, dass Hitlerdeutschland selbst riesige Schuldenberge angehäuft hat.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2013-08-07 20:11:05
Letzte Änderung am 2013-08-07 20:15:29



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