• vom 10.03.2014, 20:47 Uhr

Europachronik


Römisch-katholische Kirche

Frühling in Rom




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Von WZ-Korrespondent Julius Müller-Meiningen

  • Vor einem Jahr wählten die Kardinäle Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst
  • Mit Papst Franziskus hat sich der Blick auf die katholische Kirche verändert.

Auf der Seite der Benachteiligten: Franziskus trifft behinderte und kranke Menschen. - © epa/Crocchioni

Auf der Seite der Benachteiligten: Franziskus trifft behinderte und kranke Menschen. © epa/Crocchioni

Rom. Am Abend des 13. März 2013 saß Monsignore Gianrico Ruzza vor dem Fernseher. Er sah, wie der neue Papst auf den Mittelbalkon des Petersdoms in Rom heraustrat. Ungläubig und scheu wirkte Franziskus in diesen ersten Momenten seines Pontifikats. Den wenigsten war der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio zuvor ein Begriff gewesen. Dann sagte Franziskus fünf Worte auf Italienisch: "Brüder und Schwestern, guten Abend." Ruzza ahnte in diesem Moment, dass bald nichts mehr sein würde wie zuvor.

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Zu diesem Gefühl trug bei, dass Ruzzas römische Pfarrei San Roberto Stellarmino die Titelkirche des ehemaligen Kardinals da oben auf dem Balkon der Petersbasilika war. Ruzza hatte Bergoglio zwar nie kennengelernt. Aber dem Monsignore fiel früher als den meisten anderen das eiserne Brustkreuz des neuen Papstes auf. Klerikern, die von ihren Vorgesetzten viel Gold und Spitzen gewohnt sind, fallen solche Kleinigkeiten auf. Ruzza war sich sicher: "Die Welt hat sich geändert."

Dieses Urteil wirkt natürlich etwas übertrieben. Aber Padre Ruzza ist Römer und hat damit einen natürlichen Hang zur Emphase. Es scheint so, als habe sich vielleicht nicht die Welt insgesamt, aber doch der kleine Kosmos dieses römischen Pfarrers geändert, seit der Papst Franziskus heißt. Auch ein Jahr nach der Wahl Kardinal Bergoglios zum Papst kommen mehr Menschen zu den Gottesdiensten in die Backsteinkirche im Nobelviertel Parioli, sagt Ruzza. Und mehr Gläubige gehen zur Beichte.

Zwei Dinge treiben dem Monsignore heute die Tränen in die Augen: "Menschen, die nach Jahren der Abwesenheit jetzt wieder in die Kirche kommen." Und Skeptiker, die ihm gestehen, dass Franziskus auch sie nicht unberührt lässt. "Das bewegt mich wirklich", sagt der Pfarrer.

Dieser Papst, der nun ein Jahr im Amt ist, hat eine beinahe unheimliche Anziehungskraft. Der Petersplatz ist wieder gerammelt voll bei den sonntäglichen Angelus-Gebeten und den Generalaudienzen, bei denen Franziskus sein Bad in der Menge sichtlich genießt. Der Franziskus-Effekt ist überall zu spüren. In vielen Bars der Stadt hängen große Konterfeis des Argentiniers. Der Mailänder Mondadori-Verlag hat zum Jahrestag ein Fan-Magazin herausgebracht. "Il mio Papa" ("Mein Papst") erscheint wöchentlich auf 68 Seiten mit herauslösbarem Franziskus-Poster. Der "Rolling Stone" und das "Time"-Magazin hoben Franziskus bereits auf ihre Titelseiten.

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Dokument erstellt am 2014-03-10 18:11:09



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