• vom 06.10.2014, 18:11 Uhr

Europachronik


Bischofssynode

Der Papst will, dass die Bischöfe den "Schrei des Volkes" hören




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Von Heiner Boberski

  • Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene kristallisiert sich zu Hauptkonfliktpunkt der Bischofssynode über Ehe und Familie in Rom.

Rom/Wien. Zu offenen und angstfreien Aussagen hat Papst Franziskus die Teilnehmer der außerordentlichen Sitzung der Weltbischofssynode über Ehe und Familie aufgerufen. Zur Eröffnung der Versammlung, bei der 191 Bischöfe, darunter 62 Kardinäle, Stimmrecht haben, sagte er, man solle einander "mit Demut" und "mit offenem Herzen" zuhören.

Seit Bestehen der Bischofssynode, einer Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils, ist keine Sitzung mit so großer Spannung erwartet worden wie diese, an der bis 19. Oktober insgesamt 253 Personen, darunter auch Laien und katholische Eheleute, teilnehmen. "Es handelt sich um die entscheidende Schlacht in diesem Pontifikat", ließ ein hoher Kurienmitarbeiter verlauten. Schließlich geht es darum, ob die Kirche eisern an ihren bisherigen, keineswegs unumstrittenen Lehren zu Fragen der Sexualmoral, zu Ehescheidung, Homosexualität und Empfängnisverhütung festhält oder Reformen ins Auge fasst.

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Als ein Hauptkonfliktpunkt hat sich im Vorfeld die Frage des - derzeit offiziell verbotenen - Kommunionempfanges von wiederverheirateten Geschiedenen herauskristallisiert. In einem vom Papst selbst mit Lob bedachten Vortrag hatte der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Kasper bei einer Versammlung der Kardinäle im Februar 2014 angeregt, dieses Verbot für bestimmte Einzelfälle zu überdenken und Menschen nach gescheiterten Ehen einen Neuanfang zu ermöglichen.

Pro und kontra Kasper
Kaspers Position lehnen andere Kardinäle, allen voran Gerhard Müller, der deutsche Präfekt der römischen Glaubenskongregation, strikt ab. Auch der australische Kardinal George Pell liegt, wie er erst vorigen Freitag bei einer Buchpräsentation in Rom bekräftigte auf dieser Linie. "Barmherzigkeit ist nicht alles", so Pell, ein Infragestellen der Unauflöslichkeit der Ehe wäre "desaströs". Pell wurde immerhin vom Papst selbst in den achtköpfigen Kardinalsrat berufen, der eine Kurienreform einleiten soll. Diesem Rat gehört aber zum Beispiel auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx an, der Kaspers Position durchaus nahezustehen scheint.

"Es gibt keine Pro-Kasper- oder Kontra-Kasper-Partei", sagte nach der Synodeneröffnung der Pariser Kardinal Andre Vingt-Trois. Sichtlich bemüht, die Wogen zu glätten, betonte der französische Generalrelator der Synode, man dürfe dieses Treffen nicht mit einer Parlamentsdebatte verwechseln, wo Mehrheiten gegen Minderheiten stehen. Vielmehr gehe es darum, in brüderlicher Verbundenheit einen gemeinsamen Willen zu entwickeln, "in aller Freiheit und mit Respekt voreinander".

Die Synodenväter agieren nicht im abgehobenen Raum, schließlich ist der Versammlung eine weltweite Fragebogen-Aktion vorangegangen. Viele Laien haben ihre Meinungen eingebracht, werden diese gar nicht berücksichtigt, würde das die Entfremdung zwischen Kirchenleitung und Basis verstärken. Kardinal Lluis Martines Sistach, Erzbischof von Barcelona, verwies in diesem Zusammenhang auf das biblische Gleichnis vom Hirten, der 99 Schafe zurücklässt, um ein verlorenes Tier zu suchen. Für Martinez ist es "Tatsache, dass sich heute in verschiedenen Breiten der Kirche die Zahl umkehrt". Der Papst selbst hat gemahnt, die Bischöfe müssten mit Gott den "Schrei des Volkes" hören.




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Dokument erstellt am 2014-10-06 18:14:02



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