• vom 16.10.2014, 17:03 Uhr

Europachronik

Update: 16.10.2014, 20:54 Uhr

Bischofssynode

Mehr Mut für Nöte der Familien




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Von Heiner Boberski

  • Bischof Erwin Kräutler erhofft von Familien-Synode in Rom Reformen und warnt vor rassistischen Tendenzen in Brasilien.

"Die WM ist vorbei, aber nach wie vor liegen Kranke in Spitalsgängen auf dem Boden", sagt Bischof Kräutler.

"Die WM ist vorbei, aber nach wie vor liegen Kranke in Spitalsgängen auf dem Boden", sagt Bischof Kräutler.© Neumayr/picturedesk.com "Die WM ist vorbei, aber nach wie vor liegen Kranke in Spitalsgängen auf dem Boden", sagt Bischof Kräutler.© Neumayr/picturedesk.com

Wien. Der austrobrasilianische Bischof Erwin Kräutler verfolgt auf merksam die Bischofssynode in Rom. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erhofft er von ihr und Papst Franziskus ein "aggiornamento" (Verheutigung) in der katholischen Kirche wie nach dem II. Vatikanum. "Der Geist des Konzils durchweht die Synode", befand auch der deutsche Kardinal Walter Kasper, ein Wortführer der Reformer, am Mittwoch in einem Vortrag in Wien. Für den konservativen Kirchenflügel ist freilich die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion oder homosexuelle Partnerschaften nach wie vor inakzeptabel. Mit Spannung wird daher die Schlussbotschaft der Synode am Samstag erwartet.

Hart geht Kräutler mit der Lage in Brasilien nach der Fußball-Weltmeisterschaft ins Gericht. Das deckt sich mit einer aktuellen Studie, die das Heinrich-Böll-Institut Brasilien im Auftrag von Solidar Suisse erstellte. Demnach richtete Brasilien die teuerste WM aller Zeiten aus und investierte rund 10,5 Milliarden Euro. Von 350.000 Straßenhändlern durften nur 4000 in die Sperrzonen um die Stadien, viele verloren ihren Lebensunterhalt. Großer Sieger ist der Weltfußballverband Fifa mit einem Rekordgewinn von etwa 3,2 Milliarden Euro.

Information

Erwin Kräutler

geboren 1939 in Koblach (Vorarlberg), seit 1981 Bischof der Prälatur Xingu in Brasilien, erhielt 2010 für seinen Einsatz für Menschenrechte und Umweltschutz den Alternativen Nobelpreis. Anlässlich seines 75. Geburtstags im Juli 2014 hat er gemäß dem Kirchenrecht seinen Rücktritt angeboten, den der Papst noch nicht angenommen hat. Am 28. Oktober 2014 wird er im Wiener Raiffeisenhaus (1020 Wien, F.-W.-Raiffeisenplatz 1) um 18 Uhr einen Vortrag halten.

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"Wiener Zeitung":Was erhoffen Sie sich von der Synode?

Erwin Kräutler: Ganz allgemein erhoffe ich mir das, was der gute Papst Johannes XXIII. vom
II. Vatikanischen Konzil erwartete: ein "aggiornamento". Jetzt im Hinblick auf unsere pastorale Begleitung von Ehe und Familie. Die weltweit durchgeführte Umfrage fordert konkrete Antworten. Es geht nicht um die Erstellung neuer Glaubenssätze oder die Bekräftigung allzeit gültiger Dogmen wie etwa die Unauflöslichkeit der Ehe, sondern vielmehr um eine mutige Auseinandersetzung mit den Anliegen und Nöten, den Hoffnungen und Herausforderungen der Familien und aller anderen partnerschaftlichen Beziehungen. Neben seinem immer wiederholten Aufruf zur Barmherzigkeit wünscht sich Papst Franziskus von den Bischöfen Mut zu konkreten Vorschlägen. Und ich hoffe, dass die Synodenväter dem Beispiel und der Aufforderung des Papstes folgen.

Ehe und Familie sind wunderbare von Gott geschaffene Institutionen, aber sie können nicht auf der Basis eines sturen, ausschließlich dogmatischen, oft sogar erbarmungslosen Legalismus behandelt oder geregelt werden. Die Kirche hat die Sendung, die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden und mitzuteilen - und soll nicht Menschen, die sich in einer schwierigen, oft ausweglosen Situation befinden, einfach nur Gesetzesparagraphen unter die Nase halten oder sie gar als öffentliche Sünder verdammen.

Was kann oder sollte jetzt mindestens in Rom herauskommen?

Ich möchte zwei Dinge hervorheben. Erstens: Bei Ehenichtigkeitserklärungen soll die letzte Entscheidung dem Diözesanbischof überlassen werden. Die langwierige Prozessführung mit verschiedenen Urteilsinstanzen und dazu die manchmal unmögliche Zeugeneinvernahme machen eine Annullierung oft schlicht unmöglich, obwohl die moralische Gewissheit besteht, dass eine Ehe ungültig geschlossen wurde. Der Bischof soll die letzte Instanz bei der Urteilsfindung sein. Es geht nicht um Scheidung, sondern um die Feststellung einer ungültig geschlossenen Ehe.

Zweitens: Der Kommunionempfang wiederverheirateter Geschiedener soll endlich differenzierter gesehen werden. Kein Bischof stellt das Dogma der Unauflöslichkeit der Ehe in Frage. Aber wir müssen endlich davon abkommen, den Empfang der Heiligen Kommunion als Belohnung, sozusagen als Prämie für die Guten, die Gerechten und Gesetzestreuen anzusehen. Wer braucht denn mehr die Kraft aus der Eucharistie als Menschen, von deren Ehe nur ein Scherbenhaufen übrig geblieben ist? Wie viele versuchen ehrlich einen Neuanfang und wollen trotz allem, was geschehen ist, selbst und mit ihren Kindern das Evangelium leben. Wie viele Geschiedene gibt es, die unschuldig in diese Lage geraten sind. Stets aufs Neue wird kolportiert, dass das Problem wiederverheirateter Geschiedener ein europäisches Problem ist. Das ist einfach nicht wahr! Wir stehen in Lateinamerika vor genau denselben Herausforderungen.

Wie erleben Sie das bisherige Pontifikat von Papst Franziskus?

Die Art und Weise, wie Papst Franziskus seinen Dienst zu verwirklichen versucht, erinnert mich an die Zeit des II. Vatikanums. Wir alle atmeten den frischen Wind des Konzils. Aufbruchsstimmung herrschte überall, in den Gemeinden und Klöstern, aber auch in den Hörsälen der Theologischen Fakultäten. Es hieß mit Bezug auf Matthäus: "Neuer Wein in neue Schläuche!" In den Jahren, die auf das Konzil folgten, mussten wir leider feststellen, dass alte Schläuche mit dem bereits zu Essig gewordenen Wein immer wieder die neuen Schläuche zu verdrängen versuchten und oft auch guter neuer Wein skrupellos ausgeschüttet wurde. Eine gärende Frustration machte sich breit, dazu kamen noch furchtbare Skandale, die unsere Kirche arg erschütterten.

Und da kommt nun ein Papst aus Lateinamerika! Schon bei seinem ersten Auftritt am Abend nach seiner Wahl nimmt er vielen den Atem. Im Laufe der folgenden Monate lernten wir, wieder an eine andere Kirche zu glauben, die mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen auf die Menschen hinhört und sie dort abholen will, wo sie tatsächlich sind.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2014-10-16 16:14:03
Letzte nderung am 2014-10-16 20:54:07



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