• vom 29.11.2016, 14:09 Uhr

Europachronik

Update: 29.11.2016, 16:00 Uhr

Interview

"Mir war schon vorher klar, dass wir nicht alle retten können"








Von Mathias Ziegler

  • Rotkreuz-Arzt Michael Kühnel über drei Wochen im Mittelmeer-Flüchtlingseinsatz und das vorläufige Ende der Rettungsmission.

Rund 1100 Menschen hat der Wiener Arzt Michael Kühnel im Mittelmeer das Leben gerettet, "darauf konzentriere ich mich", sagt er. - © IFRC/Thorir Gudmundsson

Rund 1100 Menschen hat der Wiener Arzt Michael Kühnel im Mittelmeer das Leben gerettet, "darauf konzentriere ich mich", sagt er. © IFRC/Thorir Gudmundsson

"Es wird bewusst in Kauf genommen, dass die Leute sterben, nur um zu sehen, dass wahrscheinlich weniger kommen werden – was nicht der Fall sein wird."

"Es wird bewusst in Kauf genommen, dass die Leute sterben, nur um zu sehen, dass wahrscheinlich weniger kommen werden – was nicht der Fall sein wird."© WZ/Moritz Ziegler "Es wird bewusst in Kauf genommen, dass die Leute sterben, nur um zu sehen, dass wahrscheinlich weniger kommen werden – was nicht der Fall sein wird."© WZ/Moritz Ziegler

Wien. Drei Wochen lang hat der Wiener Arzt Michael Kühnel im Mittelmeer an Bord des Rotkreuz-Rettungsschiffes "Responder" Bootsflüchtlinge erstversorgt. Der 41-Jährige ist nicht unerfahren, was Auslandseinsätze betrifft: 2005 war er nach dem Tsunami in Indonesien, 2011 und 2013 nach dem Beben auf Haiti, 2014 im Kampf gegen Ebola in Sierra Leone und Liberia, 2016 im Flüchtlingseinsatz in Griechenland und Malta. Im Interview der "Wiener Zeitung" schildert er seine jüngsten Erlebnisse im Mittelmeer - und wie er damit umgeht.

"Wiener Zeitung": Warum geht man auf Seerettungsmission?

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Michael Kühnel: Einerseits, weil ich es kann und es als meine Pflicht als Arzt sehe. Andererseits weil ich es wichtig finde, in Zeiten wie diesen ein Zeichen zu setzen, dass es Leute gibt, die das Leben respektieren.

Haben Sie sich gemeldet oder wurden Sie gefragt?

Ich habe schon im August die Anfrage bekommen. Ich konnte aber erst im November. Da hieß es zunächst, dass die Finanzierung nicht gesichert sei, aber das dürfte sich kurzfristig doch noch gebessert haben. Für nächstes Jahr sieht es aber mit der Finanzierung derzeit schlecht aus. Deswegen wurden wir auch nicht mehr von einem neuen Team abgelöst. Unser Schwesterschiff hat jetzt noch eine Rotation bis 5. Dezember angehängt, aber dann gibt es zwei Schiffe weniger, die im Mittelmeer kreuzen.

Flüchtlingsrettung im Mittelmeer

Das bedeutet dann ein paar tausend Tote mehr.

Genau. Die Zahl wird dann niemand genau wissen, weil die Boote dann einfach in der rauen See kentern werden, ohne dass es jemand mitbekommt. Das tut natürlich schon weh. Das Problem ist, dass das Ganze mittlerweile sehr politisch ist. Wir als Rotes Kreuz machen keine Politik, sondern versuchen eben Zeichen zu setzen. Dass wir nicht alle retten können, war mir schon vor der Mission klar, und das habe ich beim ersten Einsatz dann auch schmerzlich erleben müssen. Mittlerweile kann ich damit umgehen. Jeder kann halt nur das tun, was er kann. Ich konzentriere mich lieber darauf, dass ich rund 1100 Menschen gerettet habe, die jetzt weiterleben können. Anders wäre es wahrscheinlich kaum zu ertragen. In einer Situation, in der Leute darüber reden, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben. In der Leute Hasspostings schreiben, die keine Ahnung haben. Dementsprechend ist es mir persönlich wichtig, zu zeigen, dass es auch anders geht.

Sie haben auch selbst aus dem Einsatz heraus regelmäßig gebloggt und auf Facebook gepostet. War das mehr für die eigene Psychohygiene oder doch für die Daheimgebliebenen gedacht?

Ich habe aus der Emotion heraus geschrieben, das ist für mich eine Bewältigungsstrategie, genau deshalb schreibe ich es. Schön, wenn es andere lesen - aber für mich ist das Wichtigste, dass ich es schreibe. Das Feedback auf Facebook war überwiegend positiv. Natürlich auch, weil meine Facebook-Freunde sich mit meinem Freundeskreis decken. Es gab auch ein paar negative Postings, aber mit denen kann ich leben.

Wie geht Ihre Familie damit um, dass Sie auf internationale Missionen gehen?

Das größte Problem war mein Vater, der im deutschen Fernsehen einen Bericht darüber gesehen hat, dass ein Schiff überfallen wurde. Dem musste ich erst mühsam klarmachen, dass wir sicher nicht überfallen werden, weil es bei uns höchstens 60 Kartons mit Frühstückskeksen zu holen gibt. Meine Eltern sind jedes Mal sehr emotionell. Meine Frau nimmt das locker, die wird wahrscheinlich selbst bald wieder auf Auslandsmission gehen, da wechseln wir uns ab. Solange es zuhause noch ein Familienleben gibt, ist es okay.

Können Sie da gut schlafen, wenn Sie wissen, dass gleichzeitig im Mittelmeer wieder ein paar hundert Menschen um ihr Leben kämpfen?

Man muss schlafen können. Es ist ja bis zu einem gewissen Grad erarbeitet - würde ich jetzt irgendwo in einem Feldbett schlafen, wäre die Situation dort auch nicht besser. Ich tue, was ich kann, sei es durch direkte Hilfseinsätze oder durch Spenden. Ich würde auch gern noch einmal vier Wochen aufs Schiff gehen, wenn die Finanzierung steht. Ich bin zwar Arzt, aber ich bin mir auch nicht zu schade dafür, Wasser, Kekse und Decken zu verteilen. Das Schöne auf dem Schiff ist, dass man da alles Mögliche macht.

Was war das eindrücklichste Erlebnis?

Das eine war die Bergung eines Toten, der sicher zwei, drei Tage im Wasser gelegen ist - zu sehen, wie professionell das Team gearbeitet hat und ihn mit Respekt behandelt hat. Das andere waren drei Kinder, deren Mutter in einem anderen Schiff ertrunken ist. Die sind als Waisen weiter nach Italien geschickt worden und können nur Französisch. Das italienische Rote Kreuz hat scheinbar auch ein paar Cliniclowns, die es geschafft haben, sie zumindest ein bisschen aufzumuntern, trotz der Sprachbarriere.

Und dann fallen in Ihrem Blog so brutale Sätze über begrenzten Platz für Leichen im Kühlraum . . .

Ich weiß, es klingt zum Teil böse. Aber es ist leider so. Ich glaube, ich habe diesmal unsere Grundsätze zum ersten Mal wirklich ausgereizt: Wir sind nicht politisch, und ich will mich auch nicht politisch äußern. Aber aus meiner Sicht und, soweit ich weiß, auch aus Sicht des Roten Kreuzes ist es so, dass bewusst in Kauf genommen wird, dass die Leute sterben, nur um zu sehen, dass wahrscheinlich weniger kommen werden - was nicht der Fall sein wird. Deswegen habe ich den Rotkreuz-Slogan in meinem Blog erweitert: Nicht nur "aus Liebe zum Menschen", sondern auch "aus großem Respekt vor dem Leben". Weil ich mir denke, dass das etwas ist, was momentan in sehr großen Teilen Europas fehlt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-29 14:14:07
Letzte ─nderung am 2016-11-29 16:00:33



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