• vom 16.12.2016, 09:54 Uhr

Europachronik

Update: 16.12.2016, 13:16 Uhr

Geburtstag

Apostel der Freude und Barmherzigkeit




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Von Heiner Boberski

  • Papst Franziskus wird 80 Jahre alt und gilt wohl manchen als "der gefährlichste Mann der Welt".



Als Papst, der etwas verändert, wird Franziskus wahrgenommen.

Als Papst, der etwas verändert, wird Franziskus wahrgenommen.© apa/Georg Hochmuth Als Papst, der etwas verändert, wird Franziskus wahrgenommen.© apa/Georg Hochmuth

Wenn man die Meinung teilt, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik die "gefährlichste Frau Europas" ist, dann müsste er wohl als der "gefährlichste Mann der Welt" gelten: Papst Franziskus, der am Samstag 80 Jahre alt wird. Denn der Argentinier Jorge Mario Bergoglio, der 2013 zum Papst gewählt wurde und eine "arme Kirche für die Armen" anstrebt, hat sich seither durch seinen Einsatz für eine humane Flüchtlingspolitik und soziale Gerechtigkeit sowie durch Sätze wie "Diese Wirtschaft tötet" nicht nur Zustimmung, sondern auch heftige Kritik eingehandelt.

Innerhalb der römisch-katholischen Kirche ruft sein Reformkurs, etwa sein von vielen begrüßtes Eintreten für mehr Barmherzigkeit, auch in der Sexualmoral, aber auch sein Zugehen auf andere christliche Kirchen die von einigen Kardinälen angeführte konservative Opposition auf den Plan. Von seinem Bemühen um eine Reform der Kurie, der er beinhart ihre "Krankheiten" vorgehalten hat, sind naturgemäß bei weitem nicht alle Angehörigen des vatikanischen Verwaltungsapparates angetan.

Rom erlebt ein außergewöhnliches Pontifikat. Noch nie hat sich ein Papst Franziskus genannt. Noch nie ist ein Jesuit Papst geworden. Noch nie kam ein Bischof von Rom aus Südamerika, "vom Ende der Welt", wie Franziskus selbst sagte. Noch in keinem Pontifikat wurde eine Bischofssynode - wie jene zu Fragen der Familie - durch eine weltweite Umfrage unter Einbeziehung der Laien vorbereitet. Und vermutlich hat auch noch kein Papst eine Enzyklika verfasst, die zu einem Kinderbuch verarbeitet wurde. Der frühere ORF-Journalist Hubert Gaisbauer hat mit der Illustratorin Leonora Leitl das zu Recht vielgelobte päpstliche Schreiben "Laudato si" zu ökologischen Fragen klug für Kinder aufbereitet, also für die davon am meisten betroffene Generation.

In seinem höchst informativen neuen Buch "Franziskus - Ein Lebensbild" erinnert sich der deutsche Rom-Korrespondent Andreas Englisch, was ihm sein argentinischer Freund Javier am 13. März 2013 auf dem Petersplatz sagte: "Du verstehst überhaupt nicht, was hier gerade passiert. Jetzt kann etwas Unglaubliches geschehen, etwas, das alles verändern wird." Javier erzählte Englisch, wie es Bergoglio als neuer Erzbischof von Buenos Aires gewagt hatte, das "wichtigste aller Gesetze der Kirche zu brechen", indem er sich völlig anders verhielt als sein Vorgänger. Als am Stadtrand von Buenos Aires die Gläubigen darauf warteten, dass der Bischof, wie es Tradition war, zur Firmung in seiner Luxuslimousine vorfahren würde, stand dieser bereits mit seiner Aktentasche unauffällig unter ihnen. Bergoglio war mit der U-Bahn gekommen.

Seinen einfachen Lebensstil hat der in Buenos Aires geborene Sohn italienischer Auswanderer, der nach einer Ausbildung zum Chemietechniker in den Jesuitenorden eintrat und 1969 zum Priester geweiht wurde, als Papst beibehalten. Er trägt zum weißen Papstgewand nur ein einfaches Brustkreuz aus Eisen, hat nicht die päpstlichen Gemächer im Apostolischen Palast bezogen, sondern wohnt nach wie vor im vatikanischen Gästehaus Santa Marta. Seine Aktentasche lässt er nicht von einem Sekretär tragen.

Sein Vorgänger, Benedikt XVI., sorgte durch den ersten Amtsverzicht eines Papstes seit 1294 für eine Sensation. Im Interview-Band "Letzte Gespräche" widerspricht Benedikt XVI. der Ansicht, mit Franziskus sei es zu einem Bruch mit seinem eigenen Pontifikat gekommen: "Es gibt vielleicht neue Akzent, aber keine Gegensätze." Der emeritierte Papst gibt sich in diesem Buch zufrieden mit seinem Nachfolger und konstatiert eine "neue Frische in der Kirche". Franziskus unterscheide sich von ihm "durch die direkte Zuwendung zu den Menschen", er sei aber "auch ein Papst der Reflexion".

Mit der Feststellung, dass sich Franziskus mehr an Jesus von Nazareth als an kirchlichen Traditionen orientiere, sieht Andreas Englisch das ein wenig anders: "Die Arbeit dieses Papstes an seiner Kirche wird als drastischer Einschnitt in die Kirchengeschichte eingehen."

Der emeritierte Wiener Weihbischof Helmut Krätzl beschreibt in seinem neuen Buch "Meine Kirche im Licht der Päpste" die sieben Päpste, die er als Priester erlebt hat, und meint zum heutigen Pontifex: "Jorge Mario Bergoglio lehrte mich, die Kirche in neuen Bildern zu sehen. Durch ihn bekam das Papstamt für mich ganz neue Dimensionen."

Dem von Kritikern geäußerten Vorwurf, Franziskus verlasse mit manchen Äußerungen die traditionelle Lehre, entgegnet Krätzl, dass der Papst die Lehre nicht ändern, sondern pastorale Lösungen für den Einzelfall suchen wolle: "Freilich erhebt sich dabei die Frage, wie weit Lehre und Praxis auseinanderdriften dürfen. Ich wundere mich, dass der Papst nicht auch die Lehre ändert, wenn die Kirche insgesamt und vor allem durch die gewissenhafte Arbeit der Theologie zu neuen Erkenntnissen gekommen ist." Krätzl könnte sich in der Frage der Empfängnisverhütung eine Änderung der Lehre der Enzyklika "Humanae vitae" von Paul VI. oder im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen ein Abgehen vom Schreiben "Familiaris consortio" von Johannes Paul II. vorstellen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-16 09:59:05
Letzte ─nderung am 2016-12-16 13:16:33



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