• vom 21.06.2017, 07:35 Uhr

Europachronik

Update: 21.06.2017, 15:22 Uhr

A4-Flüchtlingsdrama

Schlepper auf der Anklagebank








Von WZ Online, APA

  • Der erste Prozesstag ist zu Ende. Morgen sollen die ersten beiden Angeklagten einvernommen werden.

Die angeklagten Schlepper im Gerichtssaal von Kecskemet. - © APA, Sandor Ujvari/MTI via AP

Die angeklagten Schlepper im Gerichtssaal von Kecskemet. © APA, Sandor Ujvari/MTI via AP

Der LKW, in dem im August 2015 die Leichen von 71 Flüchtlingen gefunden worden sind, auf der A4 bei Parndorf. 

Der LKW, in dem im August 2015 die Leichen von 71 Flüchtlingen gefunden worden sind, auf der A4 bei Parndorf. © APAweb/ROLAND SCHLAGER Der LKW, in dem im August 2015 die Leichen von 71 Flüchtlingen gefunden worden sind, auf der A4 bei Parndorf. © APAweb/ROLAND SCHLAGER

Kecskemet/Parndorf. Kurz vor 15.00 Uhr ist am Mittwoch der erste Prozesstag im Fall des tödlichen Schlepperdramas am Gericht in Kecskemet zu Ende gegangen. Richter Janos Jadi möchte die Verhandlung Donnerstagfrüh mit der Einvernahme der ersten beiden Angeklagten fortsetzen. Dabei handelt es sich um den mutmaßlichen Bandenboss, einen 30-jährigen Afghanen, und seinen gleichaltrigen Stellvertreter, einen Bulgaren.

Die Schlepperbande muss sich wegen des Erstickungstods von 71 Flüchtlingen in einem Kühl-Lkw im August 2015 verantworten. Zehn Bandenmitglieder nahmen auf der Anklagebank Platz, ein Mann ist noch auf der Flucht. Den Beschuldigten wird unter anderem qualifizierter Mord und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen.

Den Kühl-Lkw mit den Leichen stellten die Schlepper in einer Pannenbucht an der Autobahn bei Parndorf im Burgenland ab. Das Fahrzeug wurde schlussendlich von österreichischen Polizisten entdeckt. Im Zuge der Ermittlungen wurde die Bande, hauptsächlich Bulgaren, und deren afghanischer Boss festgenommen und in Ungarn angeklagt.

Video: Prozess gegen Schlepper begonnen.

Das Verfahren hat mit etlicher Verspätung begonnen. Nicht nur, dass weitaus mehr Journalisten als von der Behörde erwartet in die Kleinstadt gereist waren und keinen Platz im Saal gefunden haben, gab es Diskussionen mit dem Hauptangeklagten, der sich über die Übersetzung der Gerichtsdolmetscherin beschwerte. Zudem mussten sich die schwer bewachten Beschuldigten aufgrund des großen Medieninteresses erst den Weg zum Saal bahnen.

Die Bande soll mehr als 1.200 Menschen nach Europa gebracht haben

Die Bande soll laut Anklage mehr als 1.200 Menschen illegal nach Westeuropa gebracht haben. Dabei kassierte allein der Bandenchef mehr als 300.000 Euro. Ab Juni 2015 schmuggelte die Gruppe verstärkt Flüchtlinge von Serbien über Ungarn nach Österreich bzw. Deutschland. 31 solcher Fahrten konnte die Staatsanwaltschaft in Ungarn nachweisen.

Der 30-jährige Chef der Bande schloss sich im Frühjahr 2015 einer international agierenden kriminellen Organisation an, die illegale Migranten nach Westeuropa, vornämlich nach Österreich und Deutschland schleuste. Die Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und dem Irak kamen zunächst über die West-Balkan-Route, über die Türkei, Griechenland und Serbien zur ungarischen Grenze. In der Gegend von Morahalom-Domaszek angekommen, wurde der 30-Jährige von - bisher nicht identifizierten - Hintermännern informiert, dass er die Flüchtlinge nun nach Westeuropa bringen könne.

Das Schlepper-Unternehmen wurde immer größer

Zur Ausführung seiner Vorhaben nahm er einen gleichaltrigen Bulgaren in die Bande auf, der fortan als sein Stellvertreter agierte. Der 30-Jährige hatte gute Kontakte zu Kriminellen in Bulgarien und beschaffte dem Afghanen die Schlepperfahrer. Zudem sprach der Bulgare nicht nur Serbisch, sondern auch Deutsch, was den Kriminellen für die Fahrten nach Österreich und Deutschland nutzte.

Am Anfang schleppte die Bande 20 bis 40 Migranten pro Auto. Doch aufgrund des hohen Drucks durch die Hintermänner wurden immer öfter Fahrzeuge mit mehr Fassungsvermögen besorgt. Am Ende waren es rund 100 Flüchtlinge, die mit nur einem Transport nach Westeuropa gebracht wurden. Diese Fahrten wurden zur Qual für die Geschleppten, hielt die Staatsanwaltschaft fest.

Eine dieser Schlepperfahrten wurde am 26. August 2015 zur tödlichen Falle. Die Bande kaufte mit Hilfe eines bulgarisch-libanesischen Staatsbürgers (52) neue Schlepperfahrzeuge. Der Mann hatte zunächst in Österreich gelebt und war 2008 nach Kecskemet gegangen, um dort als Gebrauchtwagenhändler zu arbeiten. Am 18. August 2015 erwarben sie laut Anklage bei einem Händler nahe Kecskemet einen gebrauchten Kühltransporter sowie zwei Mercedes Sprinter und zahlten einen Preis von insgesamt 6.250.000 Forint (rund 20.350 Euro).

In der Nacht auf 26. August 2015 wurde der Kühl-Lkw erstmals eingesetzt. In einem Waldstück nahe der Grenze bei Morahalom warteten 71 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, dem Iran und aus Afghanistan - darunter acht Frauen und vier Kinder - , um in den Westen gebracht zu werden. Ein 26-jähriger Bulgare fuhr den Lastwagen, begleitet von einem 39-jährigen Landsmann, der mit eigenem Auto unterwegs war, um die Lage zu sondieren. Die beiden Bandenbosse fungierten als Aufpasser und begleiteten zum Teil den Transport mit ihren eigenen Fahrzeugen. Der 26-jährige Lenker des Lkw erhielt für die Fahrt 3.500 Euro, sein 39-jähriger Komplize 1.500 Euro.

Lkw ohne Lüftung, Fenster, Innenbeleuchtung, Sitze oder Haltegriffe

Die 71 Menschen wurden auf eine 14,26 Quadratmeter große Ladefläche gepfercht, die eigentlich für Kühlware gedacht war. Es gab keine Lüftung, keine Fenster, keine Innenbeleuchtung, keine Sitzgelegenheit und keine Haltegriffe, hielt die Staatsanwaltschaft fest. Die Tür des Frachtraums konnte nur von außen geöffnet werden.

Bereits nach 40 Minuten machten die Menschen in dem Lkw auf sich aufmerksam, dass sie keine Luft mehr bekommen. Sie hämmerten gegen die Frachtraumwände und schrien lauthals. Die beiden Männer informierten ihre Bandenbosse darüber, doch die beiden gaben die Anweisung, sich nicht um die Insassen zu kümmern, sondern weiterzufahren. Laut Staatsanwaltschaft hatten die beiden sogar verboten, die Frachtraumtür zu öffnen, obwohl der 26-jährige Fahrer mehrmals anrief und bekundete, dass die Insassen großen Lärm machen würden.

Der Erstangeklagte gab noch die Anweisung, falls die Migranten sterben sollten, sollten ihre Leichen in Deutschland entsorgt werden. Sein Stellvertreter meinte sogar: "Diese können von ihm aus auch sterben", sagte er laut Anklage. Die meisten erstickten nach eineinhalb, zwei Stunden. Als der Lkw die Grenze zu Österreich passierte, waren alle 71 tot. Der Fahrer stellte den Lkw bei Parndorf ab und flüchtete mit dem Begleitfahrzeug seines Komplizen zurück nach Ungarn. Am nächsten Tag wurde das Fahrzeug mit den Leichen von österreichischen Polizisten entdeckt.

Die Verhandlung wurde unter dem Vorsitz von Richter Janos Jadi geführt. Am 22., 23., 29. und 30. Juni sind weitere Prozesstage geplant, danach wird der weitere Prozessplan fixiert. Ein Urteil soll noch in diesem Jahr gefällt werden.

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Video: Prozess gegen Schlepper begonnen.






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Dokument erstellt am 2017-06-21 07:37:13
Letzte ─nderung am 2017-06-21 15:22:22



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