• vom 21.06.2017, 12:38 Uhr

Europachronik

Update: 21.06.2017, 12:41 Uhr

Schlepper-Prozess

Die Chronologie eines Dramas




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Von WZ Online, APA

  • 71 tote Flüchtlinge barg die Polizei im Sommer 2015 aus einem Kühllaster. Nun wird den Schleppern der Prozess gemacht.

Kecskemet. Am Gericht von Kecskemet in Ungarn hat am Mittwoch der Prozess gegen eine Schlepperbande begonnen, die für den Erstickungstod von 71 Flüchtlingen verantwortlich sein soll. Die Leichen der Migranten wurden Ende August 2015 in einem an der Ostautobahn (A4) bei Parndorf abgestellten Kühl-Lkw entdeckt. Im Folgenden eine Chronologie des Falles:

27. August 2015 - In einer Pannenbucht der A4 bei Parndorf im Burgenland abgestellten Kühl-Lkw werden 71 Leichen gefunden. Die geschleppten Flüchtlinge waren in dem luftdicht abgeschlossenen Laderaum am Vortag auf ungarischem Staatsgebiet erstickt. Unter den Toten sind vier Kinder.

28. August 2015 - Die Behörden geben die noch am Vortag erfolgte Festnahme von vier Männern in Ungarn bekannt. Es handelt sich um drei Bulgaren und einen Afghanen mit ungarischer Identitätskarte.

29. August 2015 - Die vier Verdächtigen werden in der ungarischen Stadt Kecskemet in Untersuchungshaft genommen. In der folgenden Nacht wird in Ungarn ein fünfter Verdächtiger festgenommen. Es handelt sich um einen weiteren Bulgaren. Unter den Beschuldigten befindet sich der Fahrer des Lkw. Die österreichischen Behörden gehen davon aus, dass Ungarn die Tatverdächtigen ausliefern wird.

4. September 2015 - Der damalige Landespolizeidirektor und nunmehrige Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) gibt bekannt, dass die erstickten Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan kamen. Außerdem berichtet er, dass es Dutzende Menschen kurze Zeit später gelungen sei, sich in der Nähe von Parndorf aus einem Lkw und einer lebensbedrohlichen Situation zu befreien. Für die Schleppung sei dieselbe Tätergruppe verantwortlich wie im Fall der erstickten Flüchtlinge.

11. September 2015 - Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt vermeldet unter Berufung auf ein Gutachten, dass die 71 Flüchtlinge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits auf ungarischem Staatsgebiet gestorben sind.

8. Oktober 2015 - Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt teilt mit, dass sie das Strafverfahren an die ungarischen Behörden abtreten möchte. Diese prüfen den Antrag und stimmen vier Wochen später zu.

26. November 2015 - Burgenlands Landespolizeidirektor Doskozil sagt in Eisenstadt, dass 70 der 71 Flüchtlinge identifiziert worden sind. 21 stammten aus Afghanistan, 29 aus dem Irak, 15 aus Syrien und fünf aus dem Iran.

12. Oktober 2016 - Die ungarische Polizei vermeldet, dass die Ermittlungen vor dem Abschluss stehen. Acht Beschuldigte befinden sich in U-Haft, gegen drei weitere Verdächtige werden internationale Haftbefehle erlassen.

7. April 2017 - Die Polizei in Ungarn berichtet vom Abschluss der Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft hat nun maximal 60 Tage Zeit, um über eine Anklageerhebung zu entscheiden.

4. Mai 2017 - Die Oberstaatsanwaltschaft des ungarischen Komitats Bacs-Kiskun gibt bekannt, dass gegen elf Verdächtige aus Afghanistan, Bulgarien und dem Libanon Anklage wegen Mordes und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung erhoben wurde. Zehn Beschuldigte befinden sich in Untersuchungshaft, ein Mann ist noch auf der Flucht. Gegen ihn wird in Abwesenheit Anklage erhoben.

18. Mai 2017 - Laut Gericht in Kecskemet startet der Prozess am 21. Juni. Verhandelt wird vorläufig auch am 22., 23., 29. und 30. Juni. Dabei sollen die Anklageschriften verlesen und die Beschuldigten befragt werden. Weitere Prozesstermine könnten folgen. Ein Urteil soll bis Ende des Jahres gefällt werden.

21. Juni 2017 - Der Prozess gegen die Schlepperbande beginnt am Gericht in Kecskemet. Es herrscht enormes mediales Interesse, mit dem die ungarischen Behörden nicht gerechnet haben. Rund 100 meist internationale Journalisten sind nach Kecskemet gekommen und müssen um die rund 80 Plätze in dem historischen Gerichtssaal kämpfen. Am ersten Verhandlungstag wird mit der Verlesung der Anklageschrift begonnen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-21 12:38:55
Letzte ─nderung am 2017-06-21 12:41:19



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