• vom 14.07.2017, 20:45 Uhr

Europachronik

Update: 15.07.2017, 12:04 Uhr

Franzosen in Österreich

Erwartungsvolle Blicke von Wien nach Paris




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Von Petra Hessenberger

  • Viele erhoffen sich eine Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen unter Präsident Macron.

"Franzosen sind Revolutionäre", meint David Schuster. - © M. Reither

"Franzosen sind Revolutionäre", meint David Schuster. © M. Reither

Wien. Mitten im Raum steht eine goldene Champagnerflasche. In den Holzregalen rundherum präsentiert David Schuster Wein, Gänseleber und auch Kosmetika aus der Provence. Mit dem verheißungsvollen Versprechen "Un jour en France" (Ein Tag in Frankreich) lockt der gebürtige Straßburger in sein Delikatessengeschäft in der Westbahnstraße.

Vor 25 Jahren hat der studierte Betriebswirt seine elsässische Heimat verlassen, um sich nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland in Österreich niederzulassen. Der bekennende Europäer würde seine Wahlheimat Wien nur für die sonnenverwöhnte Côte d’Azur verlassen. Trotzdem verfolgte er mit Spannung den politischen Umbruch in Frankreich. Bei der Präsidentschaftswahl im Frühjahr gab er Emmanuel Macron seine Stimme, da er "die anderen nicht mehr sehen wollte". Die Wahl des pro-europäischen Macron – der am 14. Juli seine erste Fête Nationale als Präsident der "Grande Nation" beging – "ist für Europa ein Strohhalm, an den sich nun alle klammern, nach Brexit und Trump", sagt er.

"Von der französischen Politik hören wir nur alle fünf Jahre", sagt Yoann Longuestre, einer von gut 8000 Auslandsfranzosen in Österreich. Mehr als die Hälfte von ihnen lebt in Wien. Longuestre ist Präsident der Union der Auslandsfranzosen UFE (Union des Français de l’Etranger) in Österreich. "Die französische Politik ist vor allem in den Monaten rund um die Präsidentschafts- und die Parlamentswahlen ein wichtiges Gesprächsthema. Im Alltagsleben der Auslandsfranzosen spielt aber die österreichische Politik die entscheidendere Rolle", gibt er zu bedenken.

Als die Franzosen im Mai und Juni an die Urnen gerufen wurden, um einen neuen Präsidenten und ein Parlament zu wählen, galt dies auch für alle wahlberechtigten französischen Staatsbürger in Österreich. Auffallend ist, dass die in Österreich ansässigen Franzosen bereits im ersten Wahlgang mit 46,7 Prozent sehr deutlich für den zukünftigen Präsidenten stimmten. Mit nur 3,9 Prozent der Wählerstimmen hätten sie die rechtsextreme Marine Le Pen nicht in die Stichwahl geschickt. Im Vergleich dazu trennten die beiden Kandidaten im frankreichweiten Gesamtergebnis nur drei Prozentpunkte – Macron erhielt 24 und Le Pen 21 Prozent.

Während die UFE laut Statuten keiner Partei nahesteht – auch wenn ein Großteil ihrer Mitglieder mit den konservativen Republikanern sympathisiert –, bekennt sich der zweite Verein der Auslandsfranzosen, die ADFE (Association Démocratique des Français à l’Etranger) klar zur sozialistischen Partei Frankreichs. Die Reaktion auf den neuen Präsidenten, der unter François Hollande sozialistischer Wirtschaftsminister war, fällt dennoch verhalten aus. "Was die Präsidentschaft Macrons betrifft, sind wir in der beobachtenden Rolle und hoffen auf eine positive Entwicklung", sagt Sylvie Köck-Miquel, Präsidentin der ADFE. Positiver sieht ihr Kollege Longuestre von der UFE das Wahlergebnis: "Als Unionspräsident kann ich sagen, dass Macron frischen Wind in die Gemeinschaft der Auslandsfranzosen hineingebracht hat. Wir erwarten uns von seiner Präsidentschaft eine Stärkung der Beziehung zwischen Auslandsfranzosen und Frankreich."

"Geschäftsbeziehungen fürs Leben"

Im Idealfall werden auch die österreichisch-französischen Wirtschaftsbeziehungen gestärkt. Céline Garaudy, Generaldirektorin der Französisch-Österreichischen Handelskammer (CCFA) bezeichnet die Wahl Macrons als eine "Erfrischung für das Geschäftsleben". Die Tatsache, dass viele Minister in der neuen Regierung auch Deutsch sprechen, lässt sie hoffen, dass sich einer von ihnen auch einmal nach Österreich verirrt. "Selbstverständlich ist Deutschland Frankreichs erster Partner in Sachen Export. Allerdings ist es schwierig, den deutschen Markt zu erobern", erklärt Garaudy. "Wenn man in Österreich zwei Jahre intensiv arbeitet, ist man für immer dabei. Eine Geschäftsbeziehung zu einem Österreicher ist etwas fürs Leben", schwärmt sie. Als langjährige Generaldirektorin der CCFA, die 270 Mitglieder von der kleinen Bäckerei bis zu den Tochter-Gesellschaften der französischen Großkonzerne betreut, ist Garaudy mit der austro-französischen Geschäftswelt bestens vertraut. Was die großen Firmen betrifft, gelte in beiden Ländern ein internationaler Businesscode. Unterschiede sieht sie aber auch: "Die österreichischen Kleinunternehmen sind definitiv viel besser auf Export vorbereitet als die französischen."

An den "Worst Case", eine Präsidentin Le Pen, wollte Garaudy keinen Gedanken verschwenden. Da in Österreich nur sehr wenige Franzosen für die Front National-Kandidatin gestimmt hatten, hätte es wohl kaum persönliche Animositäten gegeben. Für die österreichisch-französischen Handelsbeziehungen jedoch hätte eine Frexit-Präsidentin klarerweise massive Konsequenzen zur Folge gehabt. Wie wichtig die menschliche Ebene für bilaterale Handelsbeziehungen ist, erlebte sie im Jahr 2000, als Frankreich "Sanktionen" gegen die schwarz-blaue Regierung verhängt hatte. Damals konnte die Handelskammer ihre Arbeit trotzdem problemlos fortsetzen.

Viele gingen nicht wählen

Viele Wähler setzen große Hoffnung in die ehrgeizigen Reformpläne Macrons, deshalb wurde die Partei des jüngsten Präsidenten Frankreichs bei der Parlamentswahl mit einer bequemen Mehrheit ausgestattet. Seit 2012 haben die Auslandsfranzosen die Möglichkeit, einen eigenen Vertreter in die französische Nationalversammlung zu wählen. Hier zeigt sich eine Parallele zwischen dem Gesamtergebnis und dem Wahlverhalten der Franzosen in Österreich. Für den 7. Wahlkreis – zu dem auch Österreich gehört – konnte sich der weitgehend unbekannte Frédéric Petit durchsetzen. "Entscheidend war nicht der Kandidat, sondern die Tatsache, dass er von Macrons Partei nominiert war", analysiert Longuestre das Ergebnis. Die überwiegende Mehrheit von 70 Prozent der in Österreich lebenden Franzosen nahm an der Parlamentswahl aber gar nicht erst teil.

Am gemütlichen Holztisch in seinem Delikatessenladen, wo seine Kunden in französischen Kochbüchern schmökern, kommt der 47-jährige Geschäftsmann schon einmal ins Plaudern, über französischen Käse aber auch über das politische Geschehen in Österreich. Das verfolgt David Schuster seit vielen Jahren sehr intensiv. Der Zugang zu Politik in den beiden Ländern sei unterschiedlich: "Wir Franzosen sind Revolutionäre, die Österreicher sind von der Mentalität her mehr Untergebene. In Frankreich gehen die Leute wegen allem auf die Straße. In Österreich versenken die Politiker eine Bank um 15 Milliarden, das interessiert niemanden. Sie erhöhen den Pensionsantritt um fünf Jahre und nichts passiert. Der Österreicher nörgelt, aber mit ihm kann man alles machen." Der leidenschaftliche Gourmet findet weder das eine noch das andere ideal. "Aber irgendwas in der Mitte wäre schon cool."

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Dokument erstellt am 2017-07-14 18:00:06
Letzte ńnderung am 2017-07-15 12:04:52



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