• vom 19.12.2017, 17:12 Uhr

Europachronik

Update: 20.12.2017, 08:15 Uhr

Terror

"Heute ist ein Tag der Trauer"




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  • Ein Jahr nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin spricht Merkel von "Fehlern".

Kanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung der Gedenkstätte am Breitscheidplatz.

Kanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung der Gedenkstätte am Breitscheidplatz.© ap/Gambarini Kanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung der Gedenkstätte am Breitscheidplatz.© ap/Gambarini

Berlin. (red/ag.) Breitscheidplatz, Berlin: Am Jahrestag des Horror-Anschlages auf den Weihnachtsmarkt wurde am Dienstag im kleinen Rahmen der Opfer gedacht. Bei Nieselregen und Temperaturen knapp über null Grad präsentierte Bürgermeister Michael Müller Opfern und Hinterbliebenen das Mahnmal für das Attentat. An der Veranstaltung nahmen rund 200 Menschen teil, sie hielten Teelichter in den Händen. In einem symbolischen Akt wurde an der weiträumig abgesperrten Gedächtniskirche das letzte Stück eines knapp 17 Meter langen, goldenen Risses im Boden vervollständigt.

Dafür konnten die Hinterbliebenen kleine Metallblöcke in einen Ofen schieben, das Metall wurde dann in den nur etwa drei Zentimeter breiten Riss eingefügt. Dieser symbolisiert die tiefe, unter Umständen schon vernarbte Wunde, die das Attentat im Leben der Betroffenen hinterlassen hat. In den Treppenstufen vor der Kirche sind zudem die Namen der Toten eingraviert. Zuvor bestand die Gedenkstätte am Breitscheidplatz aus Kerzen, Blumen, Holzschildern und Stofftieren. Ein dezentes Denkmal, anders als die schlecht kaschierten Betonblöcke, die derzeit die Wiener Christkindlmärkte verunzieren.

"Tun wir wirklich alles, um Anschläge zu verhindern?"

Bei dem stillen Gedächtnisakt in Berlin vor der Mahnmal-Präsentation waren dann unter anderen die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble anwesend.

Steinmeier meinte in seiner Rede, dass der Schutz vor terroristischen Angriffen überprüft werden müsse: "Tun wir wirklich alles, was wir in unserem demokratischen Rechtsstaat tun können und tun müssen, um Terroranschläge zu verhindern? Wir müssen Versäumnisse aufklären und aus Fehlern lernen", so Steinmeier angesichts der Pannen bei Ermittlungen gegen den Attentäter Anis Amri. Der Tunesier war am 19. Dezember 2016 mit einem gekaperten Lkw in den Weihnachtsmarkt gerast und hatte dabei elf Menschen getötet, rund 70 wurden verletzt.

Zuvor hatte der Terrorist den polnischen Fahrer des Lkw erschossen. Schon Monate vorher war Amri von deutschen Sicherheitsbehörden als gefährlich eingestuft und zwischenzeitlich inhaftiert worden. Amri, der sich der Extremistengruppe Islamischer Staat angeschlossen hatte, wurde wenige Tage nach dem Anschlag in Mailand bei einer Polizeikontrolle erschossen. Er war 2015 im Zuge der Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland gekommen und hatte Behörden gegenüber unterschiedliche Angaben zu seiner Identität gemacht.

Steinmeier forderte in seiner Rede unter anderem mehr Mitgefühl mit den Hinterbliebenen der Opfer. "Weitermachen wie bisher (. . .) das wirkte (. . .) wie der allzu routinierte Versuch, den Schock zu unterdrücken." Dies habe Unverständnis hervorgerufen.

Die Hinterbliebenen hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief politisches Versagen vorgeworfen und kritisiert, dass sie nicht persönlich kondoliert habe. Nach dem Anschlag besuchte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck die Betroffenen, nicht aber Merkel. Auch der Opferbeauftragte der Bundesregierung, der SPD-Politiker Kurt Beck, erklärte, die Kanzlerin habe zu spät die Hinterbliebenen aufgesucht.

"Daran arbeiten, die Dinge besser zu machen"

Am Dienstag räumte Merkel auf dem Breitscheidplatz Fehler bei der Abwehr terroristischer Gefahren und beim Umgang mit den Hinterbliebenen ein. "Für mich (. . .) heißt es, daran zu arbeiten, dass wir die Dinge, die nicht gut gelaufen sind, besser machen." Und: "Heute ist ein Tag der Trauer, aber auch des Willens, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen." Merkel hatte einige Hinterbliebene am Montag im Kanzleramt zu einer Aussprache empfangen. "Es war ein sehr schonungsloses Gespräch, das gezeigt hat, welche Schwächen unser Staat in dieser Situation auch gezeigt hat", so die Kanzlerin.

Um 20.02 Uhr, dem Moment des Attentats vor einem Jahr, läuteten die Glocken der Gedächtniskirche elf Minuten lang - für jeden Getöteten eine.





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Dokument erstellt am 2017-12-19 17:17:06
Letzte ─nderung am 2017-12-20 08:15:46



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