
Frankfurt/Linz. Der Alltag hat die Eurozone wieder eingeholt: Nur wenige Wochen nach dem grünen Licht des Karlsruher Verfassungsgerichts zum permanenten Rettungsschirm ESM und der Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), Staatsanleihen zu kaufen, hält die Euro-Skepsis wieder Einzug. Während EZB und die Regierungen der Eurozone noch um die Realisierung der getroffenen Weichenstellungen ringen, droht der Euro in Bevölkerung und auf den Finanzmärkten erneut unter Druck zu geraten.
"Es herrscht auf den Finanzmärkten nach wie vor Misstrauen, ob einige Euro-Länder nach wie vor ihre Schulden bedienen können", sagte Merkel beim Tag der Industrie in Berlin. Die Krise sei nicht über Nacht gekommen. "Deshalb brauchen wir auch einen langen Atem, um diese Krise zu überwinden", sagte Merkel und erteilte damit der Hoffnung, die geplanten EZB-Anleihekäufe werden die Vertrauenskrise lösen, einen Dämpfer.
Eine Hoffnung, die am Montag erst die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, geäußert hatte. Das Programm der EZB, Anleihen zu kaufen, sei ein "Wendepunkt" im Kampf gegen die Eurokrise, sagte Lagarde. Sie forderte zugleich die Schaffung einer Bankenunion in der Eurozone mit einer einheitlichen Aufsichtsbehörde sowie einer direkten Rekapitalisierung angeschlagener Geldhäuser. Dies könne den "Teufelskreis" zwischen verschuldeten Banken und überschuldeten Staaten durchbrechen, sagte die IWF-Chefin.
Österreicher beäugen ESM skeptisch
Auch der permanente Euro-Rettungsschirm ESM, der kürzlich grünes Licht durch das deutsche Verfassungsgericht in Karlsruhe bekam, dürfte das Euro-Problem alleine nicht lösen - das glauben zumindest die meisten Österreicher: Obwohl sich die Mehrheit der vom Linzer Meinungsforschungsinstitut "market" 400 repräsentativ Befragten zur Gemeinschaftswährung bekennen, wird 63 Prozent zufolge der ESM die Krise "eher nicht" lösen. Nur 21 Prozent glauben, dass die Euro-Zone weitgehend aufatmen kann. Trotz aller Sorgen rund um den Euro stehen 57 Prozent hinter ihm und erklärten, dass seine Einführung in Österreich rückblickend gesehen eine positive Sache war. 36 Prozent bezeichneten sie als "Fehler". Die Befragung wurde freilich vor dem Karlsruher Beschluss durchgeführt.
Als wenig einheitlich erweisen sich die Einschätzungen der Befragten in Bezug auf das hoch verschuldete Griechenland. 33 Prozent vermuten im Falle eines Austrittes Griechenlands aus der Eurozone längerfristig eher positive Folgen. 26 Prozent rechnen mit negativen Konsequenzen, 25 Prozent erwarten keine besonderen Auswirkungen.
Deutlich ist die Forderung der Österreicher, dass Griechenland das Sparpaket einhalten muss: 65 Prozent beharren auf den Vereinbarungen und den vorgesehenen Terminen. Nur 23 Prozent treten dafür ein, dass die übrigen Euro-Staaten Verständnis zeigen und mehr Zeit für die Umsetzung der Sparmaßnahmen gewähren sollten.
"Enormer Rückstand" in Griechenland
Eine Haltung, die auch IWF-Chefin mit den Österreichern teilt. Lagarde zeigte sich am Montag besorgt über die Haushaltslage in Griechenland. Um die Löcher zu stopfen, seien "eine Reihe von Einschnitten und neuen Einnahmen" nötig, sagte sie. Die Probleme seien durch den "enormen Rückstand" bei den Privatisierungen und schwache Steuereinnahmen verschärft worden.
Diese und andere problematische Entwicklungen sind indes auch an den Devisenmärkten nicht spurlos vorüber gegangen: Der Euro hat am Dienstag erneut schwächer tendiert. Am Morgen kostete die Gemeinschaftswährung 1,2895 US-Dollar und damit einen halben Cent weniger als im asiatischen Handel. Ein Dollar war zuletzt 0,7753 Euro wert. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Montagmittag auf 1,2916 (Freitag: 1,2988) Dollar festgesetzt.
Am Anleihemarkt sammelten die krisengeschwächten Euroländer Spanien und Italien frisches Geld von Investoren einzusammeln. Madrid bezahlte dabei für sein Zögern mit einem Antrag auf Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm mit steigenden Zinsen. Die Versteigerung mehrerer Wertpapiere mit kurzer Laufzeit spülte nach Angaben des Finanzministeriums in Madrid insgesamt vier Milliarden Euro in die Staatskasse. Die durchschnittliche Rendite für die Papiere mit dreimonatiger Laufzeit stieg auf 1,203 Prozent nach 0,946 Prozent im August. Die Rendite für sechsmonatige Papiere legte auf 2,213 von 2,026 Prozent zu. Trotz aller Skepsis sind die Risikoaufschläge für südeuropäische Staatsanleihen seit der Ankündigung der EZB, alles für den Erhalt des Euro tun zu wollen, allerdings stark gesunken.
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