Frankfurt/Berlin. (Reuters) Die Bombe platzte an einem warmen Sommertag kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in London. Mario Draghi ergreift bei einer Wirtschaftskonferenz in der britischen Hauptstadt das Wort: "Innerhalb unseres Mandats ist die EZB bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten", sagt der Präsident der Europäischen Zentralbank entschlossen - und fügt hinzu: "Und glauben Sie mir, das wird ausreichen."
Die Finanzmärkte jubeln und zünden weltweit ein Kursfeuerwerk, haben sie faktisch doch endlich die "Bazooka", die sie seit Jahren fordern. Innerhalb der EZB sorgt der Boss mit seiner Äußerung dagegen für Verwunderung. "Keiner wusste, dass das kommen würde, keiner", sagt ein ranghoher Notenbanker. Draghi pokerte an jenem 26. Juli, in der Höhle des Löwen, im Zentrum der Euro-Skeptiker - in London. Sein Einsatz war hoch.
Erst sechs aufreibende Wochen später sollte feststehen, dass der EZB-Präsident als Sieger vom Platz gehen wird. Denn die Autorität für den Satz "und glauben sie mir, das wird ausreichen",
hatte Draghi an jenem denkwürdigen Tag nicht. Aber Draghi schuf Fakten, die in den folgenden Wochen in hektischen diplomatischen Hakenschlägen und Winkelzügen in den Hinterzimmern in Frankfurt, Berlin, Paris und Brüssel in geordnete Bahnen gelenkt werden mussten. Am 6. September war dann alles in trockenen Tüchern: Draghi konnte nach der ordentlichen Sitzung des EZB-Rats in Frankfurt vor der Presse verkünden, dass die Notenbank unbegrenzt Staatsanleihen von Schuldenländern aufkaufen wird.
"Alles, um den Euro zu retten"
Der Schlüssel dafür lag zunächst vor allem innerhalb der Zentralbank. Draghi musste für die Umsetzung seiner vollmundigen Ankündigung eine Mehrheit im EZB-Rat sichern und dazu die anderen derzeit vier Mitglieder des Direktoriums sowie die Notenbank-Präsidenten der 17 Eurostaaten überzeugen. Die härteste Nuss - Bundesbank-Chef Jens Weidmann - hat der Italiener bis zum Schluss nicht geknackt. Dabei wäre dies für seine Glaubwürdigkeit in Europas größter Volkswirtschaft wichtig gewesen.
Aber - Bundeskanzlerin Angela Merkel wird sich nach langem beharrlichem Schweigen letztlich auf die Seite Draghis schlagen. "Mario ist jemand, der wenn er überzeugt davon ist, dass er recht hat, keine Angst davor hat, voranzugehen und auch zu sagen, dass er recht hat", beschreibt Francesco Giavazzi, italienischer Wirtschaftsprofessor, seinen Weggefährten, mit dem er in den 70er Jahren am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA studiert hat.
Vorangegangen ist Draghi an jenem Nachmittag in London, und es dauerte nicht lange, bis die Akteure die Tragweite der Äußerung realisierten. 24 Stunden später hatten Merkel und Frankreichs Staatschef François Hollande telefoniert und eine Erklärung abgegeben - Tenor: "Wir tun alles, um den Euro zu retten."
Draghi kann aufatmen, die beiden wichtigsten Akteure in der Eurokrise weiß er im Grundsatz hinter sich. Aber der größte Brocken liegt noch vor ihm: Im Frankfurter Norden, gut sichtbar von den Bankentürmen der Innenstadt aus, sitzt der Gralshüter des Geldes in Deutschland - die Bundesbank. Und dort ist man auf Draghi nicht gut zu sprechen.
Preußischer Helm
Vier Tage nach der rhetorischen Bombe in London, am 30. Juli, sitzen sich Mario Draghi und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann im 35. Stock des EZB-Towers in der Frankfurter Innenstadt gegenüber. Hinter Draghis Konferenztisch, auf einem Regal, steht ein Helm der preußischen Polizei aus der Zeit um 1871 - ein Geschenk der "Bild"-Zeitung, um den Italiener in seinem täglichen Tun an die deutschen Tugenden zu erinnern. Die Unterhaltung mit Weidmann verläuft sachlich und professionell, wie Personen aus dem direkten Umfeld im Anschluss berichten. Aber: Der 44-jährige Weidmann macht seinem gut 20 Jahre älterem Gegenüber deutlich, er werde ein neues Programm zum Ankauf von Staatsanleihen nicht mittragen.
Weidmann? Keine gute Idee
Viel zu bieten als Fleisch für den Knochen in Gestalt seiner vollmundigen Ankündigung hat Draghi bis dahin also nicht. Unklar ist zudem, wie viele Notenbanker im EZB-Rat auf der Seite Weidmanns stehen, wenn es zum Schwur kommt. Am Vorabend der Ratssitzung treffen sich die Hüter des Geldes - EZB-Direktorium und die 17 Notenbankchefs - wie gewohnt zum Dinner. Der Abend verläuft gut für Draghi.
Zusammen mit dem Franzosen Benoît C"uré skizziert der EZB-Präsident den Plan des Direktoriums für ein neues Programm zum Ankauf von Staatsanleihen der Schuldenstaaten, um deren Zinslast im Zaum zu halten. Weidmann bekräftigt sein Nein, Vorbehalte kommen von den Notenbankchefs der Niederlande und Finnlands, Klaas Knot und Erkki Liikanen. Man einigt sich darauf, dass die Experten der EZB in den nächsten Wochen die Details ausarbeiten sollen - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Draghi verkündet das Ergebnis bei der Pressekonferenz nach der Ratssitzung am nächsten Tag. Weidmann richtet allerdings noch eine Bitte der besonderen Art an den EZB-Präsidenten. Draghi möchte vor den Journalisten doch bitte deutlich machen, dass der Beschluss im EZB-Rat nicht einstimmig gefallen sei, wünscht der Bundesbank-Präsident. Draghi willigte ein - ein bislang einzigartiger Vorgang seitens der sonst so verschwiegenen Notenbanker.
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