• vom 25.11.2014, 18:03 Uhr

Europäische Union

Update: 25.11.2014, 20:30 Uhr

Papst

Die verlorene Seele Europas




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Von Heiner Boberski aus Straßburg

  • Papst ruft die Europaparlamentarier zur Rückbesinnung auf die Würde des Menschen auf.

Der Papst liest der EU im Beisein von Schulz die Leviten.

Der Papst liest der EU im Beisein von Schulz die Leviten.© epa/Seeger Der Papst liest der EU im Beisein von Schulz die Leviten.© epa/Seeger

Straßburg. "Das Mittelmeer darf kein großer Friedhof werden." Allein schon dieser Satz, vor dem Hintergrund eines gerade vor Kreta treibenden Schiffes mit hunderten Flüchtlingen, bewies die Brisanz der Rede, die Papst Franziskus am Dienstag im EU-Parlament in Straßburg hielt. Das irdische Haupt der römisch-katholischen Kirche wandte sich an die Mandatare als Repräsentanten von mehr als 500 Millionen Europäern, denen Franziskus nach seinen eigenen Worten "eine Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung" überbringen wollte.

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Dabei ging der Papst von einem kritischen Befund aus: Die Union mache einen ältlichen, wenig fruchtbaren Eindruck wie eine "Großmutter", man begegne ihr oft mit Misstrauen. Die großen Ideen, von denen Europa einst inspiriert war, scheinen, so der Papst, bürokratischen Verwaltungsapparaten gewichen zu sein. "Europa hat es dringend nötig, sein Gesicht wiederzuentdecken, um im Geist seiner Gründungsväter in Frieden und Eintracht zu wachsen" - und sich auf die Grundprinzipien von Solidarität und Subsidiarität zu besinnen, redete der Papst den Europäern ins Gewissen.Den EU-Abgeordneten, die während der Ansprache 13 Mal, darunter auch an dieser Stelle, applaudierten, scheint dies bewusst zu sein. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hatte schon in seiner Begrüßung auf den "enormen Vertrauensverlust" hingewiesen, den Institutionen heute erleben und den Papst als Menschen hervorgehoben, der "Orientierung in Zeiten der Orientierungslosigkeit" bringe. Schulz hatte auch daran erinnert, dass Papst Johannes Paul II. vor 26 Jahren, am 11. Oktober 1988, im EU-Parlament gesprochen hatte: "Seine Rede war ein Meilenstein auf dem Weg zum Fall des Eisernen Vorhangs und des Beginns der Wiedervereinigung Europas."



Wie Franziskus hervorhob, stand am Beginn des politischen Projekts Europa "das Vertrauen auf den Menschen, und zwar weniger des Menschen als Bürger und auch nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern als eine mit transzendenter Würde begabte Person". Diese Würde der Person sei in Frage gestellt, wo Meinungs- und Religionsfreiheit fehlten, aber auch die Nahrung und vor allem die Arbeit, die erst Würde ermögliche, so der Papst. Seine Rede verfolgte auch EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, der zuletzt wegen LuxemburgsSteuerpolitik in seiner Zeit als Regierungschef massiv unter Kritik geraten war.

Als eine der heute meistverbreiteten Krankheiten in Europa sieht Franziskus die Einsamkeit an, die mangelnde Beziehung mit anderen. Neben der Würde der Person gelte es auch die soziale Verbundenheit mit anderen zu beachten, betonte er und kritisierte missverstandene Konzepte der Menschenrechte, individualistische Tendenzen und "egoistische Lebensstile". Es gelte heute, die Menschenrechte zu vertiefen und eine weise Verbindung zwischen persönlicher Dimension und Gemeinwohl zu finden.

Plädoyer gegen Konsum- und Wegwerfgesellschaft
"Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden, der ihn nach dem Maß eines zu gebrauchenden Konsumgutes behandelt, sodass er - wie wir leider oft beobachten -, wenn das Leben diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich ist, ohne viel Bedenken ausgesondert wird, wie im Fall der Kranken im Endstadium, der verlassenen Alten ohne Pflege oder der Kinder, die vor der Geburt getötet werden." Franziskus warnte vor einer "Verabsolutierung der Technik", vor einer "Wegwerf-Kultur" und "hemmungslosem Konsumismus". Die Zukunft Europas hängt für Franziskus, wie er am Bild der "Schule von Athen" im Vatikan erläuterte, von der Wiederentdeckung der lebendigen und untrennbaren Verknüpfung der zum Himmel gewandten Welt der Ideen mit der Realität auf der Erde ab. Zugleich betonte er die Bereitschaft der katholischen Kirche zum Dialog mit den europäischen Institutionen. Er sei überzeugt, ein Europa, das sich auf seine christlichen Wurzeln besinne, könne leichter immun sein gegenüber den Formen von Extremismus, die sich heute ausbreiten. Sehr konkret sprach der Papst die Verfolgung religiöser Minderheiten, insbesondere von Christen, in verschiedenen Teilen der Welt an: "Gemeinschaften und Einzelne, die sich barbarischer Gewalt ausgesetzt sehen: aus ihren Häusern und ihrer Heimat vertrieben; als Sklaven verkauft; getötet, enthauptet, gekreuzigt und lebendig verbrannt - unter dem beschämenden und begünstigenden Schweigen vieler."

Bildung und Arbeit in Würde als Prioritäten
Papst Franziskus hält es für eine "Herausforderung im gegenwärtigen historischen Moment, Demokratien am Leben zu halten". Unter großem Beifall warnte er vor multinationalen Interessen, die Demokratien schwächen und in vereinheitlichende Systeme finanzieller Macht im Dienst von unbekannten Imperien verwandeln. Für ihn sind Bildung - zunächst in der Familie, dann in der Schule - sowie Arbeit in Würde und unter ordentlichen Bedingungen wichtig, um die Talente der Menschen zu fördern.

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Schlagwörter

Papst, EU-Parlament

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2014-11-25 18:05:07
Letzte nderung am 2014-11-25 20:30:44



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