• vom 20.09.2015, 10:31 Uhr

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"Unsere Rechte sind umkehrbar"




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Von Siobhán Geets

  • Die Feministinnen Dudu Kücükgöl und Lisz Hirn im Streitgespräch über muslimischen Feminismus und den Einfluss des Islam auf Frauenrechte.

Dudu Kücükgöl von der Muslimischen Jugend Österreichs: "Diese belehrende Art, mit dem Finger zu zeigen, da merke ich, dass ich nicht ernst genommen werde."

Dudu Kücükgöl von der Muslimischen Jugend Österreichs: "Diese belehrende Art, mit dem Finger zu zeigen, da merke ich, dass ich nicht ernst genommen werde."

Lisz Hirn, Obfrau des Vereins für praxisnahe Philosophie: Ich finde, keiner sollte sich sagen lassen müssen, was er tragen darf."

Lisz Hirn, Obfrau des Vereins für praxisnahe Philosophie: Ich finde, keiner sollte sich sagen lassen müssen, was er tragen darf."© Katrin Bruder Lisz Hirn, Obfrau des Vereins für praxisnahe Philosophie: Ich finde, keiner sollte sich sagen lassen müssen, was er tragen darf."© Katrin Bruder

"Wiener Zeitung": Frau Kücükgöl, Sie bezeichnen sich als muslimische Feministin. Was ist das Besondere daran?

Dudu Kücükgöl: Ich versuche, muslimischen Frauen die Identifikation mit der feministischen Bewegung zu ermöglichen. Oft sieht es so aus, als gebe es einen Gegensatz zwischen Islam und Feminismus. Ich versuche, muslimischen Frauen zu zeigen, dass vieles am Islam feministisch ist. Es geht aber auch um eine Kritik am Mainstream-Feminismus. Die Lebensrealitäten von weißen Mittelklassefrauen mit christlichem Hintergrund sind nicht die aller Frauen. In vielen dieser Bewegungen kommen nicht-weiße Frauen kaum zu Wort. Wo sind die Frauen, die marginalisiert sind, die weitere Diskriminierung erleben, etwa aufgrund ihrer Religion, äußeren Erscheinung oder Hautfarbe. Ich vermisse die Solidarität. Das ist auch eine Kritik des Black Feminism.

Information

Lisz Hirn ist Obfrau des Vereins für praxisnahe Philosophie und im interkulturellen Dialog engagierte Philosophin. Sie war als Gastdozentin in Nepal, Japan und Marokko und ist ab Oktober Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover.

Dudu Kücükgöl ist Vorstandsmitglied in der Muslimischen Jugend Österreichs und forscht über muslimische Frauen und postkolonialen Feminismus. Die Wirtschaftspädagogin arbeitet mit Jugendlichen und referiert über die Themen Islam, Integration, muslimische Jugendliche und Frauen.

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Ihre Forderungen entsprechen aber denen weißer Feministinnen. Was kritisieren Sie an ihnen?
Kücükgöl: In vielen dieser Bewegungen kommen nichtweiße Frauen kaum zu Wort. Wo sind die Frauen, die marginalisiert sind, die weitere Diskriminierung erleben, etwa aufgrund ihrer Religion, äußeren Erscheinung oder Hautfarbe. Ich vermisse die Solidarität. Das ist auch eine Kritik des Black Feminism.
Lisz Hirn: "Muslimisch" ist eine andere Kategorie als "weiß" oder "schwarz". Ich denke, wir sollten diese Solidarität, die, wie Sie richtig sagen, häufig fehlt, übergreifend gestalten. Das geht nicht, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Ich merke bei meiner Arbeit mit Jugendlichen, dass es sehr schwierig ist, vor allem für junge Männer, die bei uns arbeiten, Kontakt mit muslimischen Frauen aufzunehmen. In religiösen Geboten wird muslimischen Frauen vorgeschrieben, keinen Kontakt zu Fremden zu suchen und in der Öffentlichkeit nicht präsent zu sein. Das trägt nicht dazu bei, dass nicht-muslimische Frauen mit Musliminnen Kontakt aufnehmen. Als sogenannte weiße Frau schlägt mir von Anfang an Misstrauen entgegen.
Kücükgöl: Erstens, ja, auch antimuslimischer Rassismus ist Rassismus und eine wissenschaftliche Kategorie. Zweitens: Ich versuche nicht, auseinanderzudividieren, sondern die Teilhabe muslimischer Frauen am feministischen Diskurs zu fördern. Zu sagen, wir dividieren auseinander, weil wir bestimmte Begriffe verwenden ist eine Strategie, um die Erfahrungen und Diskriminierungen marginalisierter Frauen wegzuwischen. Wenn es wirklich ein Anliegen ist, dass muslimische Frauen, schwarze Frauen, an breiten feministischen Diskursen teilnehmen können, dann muss man sie und ihre Anliegen auch ernst nehmen.
Hirn: Ich stimme Ihnen zu: Muslimische Frauen sollten viel mehr präsent sein, aber nicht weil sie Musliminnen sind, sondern weil sie Frauen sind. Das ist ein allgemeines Problem, ich sehe auch viel zu wenig weiße Frauen in hohen Funktionen. Wie kann ich es ernst nehmen, was Sie als praktizierende Muslima sagen, wenn sehr viele religiöse Geboten Ihre Mündigkeit als Frau infrage stellen? Musliminnen sind quasi Ihren Vätern, Ihren Männern, untergeordnet. Wie weiß ich, wann Sie sprechen und wann Ihr Mann durch Sie spricht?
Kücükgöl: Genau darum geht es, das ist eines der Hauptprobleme des weißen Feminismus! Diese Infantilisierung muslimischer Frauen, ihnen ihre Mündigkeit abzusprechen und dass sie für sich selber denken können!
Hirn: Das sagt die Religion, nicht der "weiße Feminismus", wie Sie ihn nennen.
Kücükgöl: Alleine diese belehrende Art, mit dem Finger zu zeigen, da merke ich, dass ich nicht ernstgenommen werde. Es bin nicht ich, die den Feminismus verwehrt, sondern es sind oft die Feministinnen, die mir verwehren, ein Teil der Bewegung sein zu können, weil ich eine gläubige Muslimin bin. Die Aufrichtigkeit muss nicht ich beweisen, die muss von der anderen Seite kommen. Das passiert sehr selten. All jenes, wo es um den Islam und seine Interpretation geht, das sind für mich keine Themen, die ich mit Nicht-Muslimen besprechen will. Das ist meine Aufgabe in der muslimischen Community: Dort kritisiere ich die muslimischen Männer und den frauenfeindlichen Diskurs.

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Schlagwörter

Diskussion, Kultur, Feminismus

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-18 19:35:06
Letzte nderung am 2015-09-18 23:33:33



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