• vom 02.11.2015, 18:07 Uhr

Europäische Union

Update: 02.11.2015, 21:22 Uhr

Interview Michael Landau

"Europa riskiert seine Seele"




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Von Siobhán Geets

  • Caritas-Präsident Michael Landau über Zäune, die Angst der Menschen vor Fremden und die Zukunft der Europäischen Union.


© apa/Helmut Fohringer © apa/Helmut Fohringer

"Wiener Zeitung": Beim Thema Flüchtlinge sind viel Falschinformation und Hetze im Umlauf. Bekommen Sie viele Hassmails?

Michael Landau: Mails und Briefe weniger, aber ich werde auf der Straße angesprochen. Wenn man zuhört, die Sorgen ernst nimmt, zugibt, dass man auf manche Dinge auch keine Antwort hat und auf Fragen mit Fakten antwortet, gehen die Sorgen stark zurück. Menschen, die fürchten, dass jetzt Terroristen kommen, antworte ich, dass die sicher nicht in ein Boot steigen werden, mit dem Risiko zu ertrinken, und wochenlange Fußmärsche auf sich nehmen. Sie setzen sich eher mit einem gefälschten Pass in den Flieger. In der aktuellen Debatte wird viel Fehlinformation betrieben, vor allem in den sozialen Medien. Haltung, Information und Begegnung sind hier wichtig. Wo das gelingt, legen sich die Ängste.

Der wahre Kraftakt steht uns mit der Integration der Flüchtlinge wohl noch bevor.

Österreich wird im Bereich Bildung und Soziales vor einer Reihe von Herausforderungen bei der Integration stehen. Wenn wir das gut umsetzen, ergeben sich auch Chancen. Im Bereich Soziales wünsche ich mir, dass der Bund die Länder entlastet. Wir müssen heute dafür zu sorgen, dass aus der Quartierkrise von heute nicht die Integrationskrise von morgen wird. Wir müssen uns bei der Integration mehr anstrengen: Spracherwerb vom ersten Tag an, Integrationsangebote, Gesprächsmöglichkeiten, Nostrifikation von Abschlüssen, Arbeitsmarkt - all das sind Schlüsselthemen, um die Situation bestmöglich zu nutzen.

Was sagen Sie dazu, dass Innenministerin Johanna Mikl-Leitner eine Zaun-Debatte begonnen hat?

Wer vor Bomben flieht, lässt sich von Zäunen nicht aufhalten. Würden nun in Europa Land für Land Zäune errichtet, wäre das ein eklatantes Politikversagen.

Für Sie gibt es also keine Obergrenze bei der Aufnahme von Flüchtlingen? Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer droht, eigene Maßnahmen zu setzen, sollte es Kanzlerin Angela Merkel nicht gelingen, den Strom einzudämmen.

Deutschland und Österreich sind in einer vergleichbaren Situation. Unser Beitrag ist, was Asylantragszahlen pro Kopf angeht, nicht kleiner als der Deutsche. Klar ist: Auf Dauer können nicht einige wenige Länder die Aufgaben für ganz Europa übernehmen. Es führt kein Weg an einem Mehr an Solidarität vorbei. Ich erwarte mir von der österreichischen Regierung, dass sie entschieden Solidarität einfordert. Die jetzige Situation hat große Bedeutung für die Zukunft der EU. Wenn Land für Land wieder Grenzen hochzieht, dann ist das Europäische Projekt als Raum des Miteinanders infrage gestellt.

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Dokument erstellt am 2015-11-02 18:11:05
Letzte Änderung am 2015-11-02 21:22:26



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